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(Kampf)flugzeuge zu Pflugscharen

Eva Bulling-Schröter über heilige Allianzen gegen den Klimawandel

  • Von Eva Bulling-Schröter
  • Lesedauer: 5 Min.

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Unsere Welt steht Kopf. Milliardär Trump macht den mauerbauenden Turbo-Kapitalismus-Imperator. Brüssel beschließt mit CETA noch mehr Freihandel gegen den Wählerwillen. Die SPD klettert mit dem Agenda-2010-Duo Schulz&Steinmeier auf 30 Prozent. Die Dreifachkrise in Gesellschaft (Arm und Reich), Wirtschaft (Finanzen und Wachstum) und Umwelt (Klima und Artensterben) treibt immer mehr Menschen die Sorgenfalten auf die Stirn. Ausgerechnet zum Lutherjahr stieg letzte Woche im Vatikan dunkler Qualm des Protests in Roms Himmel auf. Lief der grantige Urvater der Protestanten vor 500 Jahren Sturm gegen das Geschäftsmodell des mittelalterlichen Sünden-Freikaufs durch die Katholische Kirche, so geißelte jetzt Papst Franziskus einen ähnlichen Trick, mit dem der Kapitalismus seinem flugzeugfliegendem Konsumenten-Volk eine grüne Weste garantieren will. Der CO2-Aufpreis für Flugtickets, also Fliegen im Tausch für Biostrom in Bolivien oder neue Windräder in Westindien sei nicht mehr als »Heuchelei«, ärgerte sich der Kirchenchef auf einem Katholiken-Kongress letzte Woche, bei dem sich hunderte Unternehmer Gedanken zum solidarischen Wirtschaften machten.

Angesichts steigender Flugbuchungen (Jahr 2010: 2,4 Milliarden Menschen, 2050: geschätzte 16 Milliarden), steigender Durchschnittstemperaturen und steigender Meeresspiegel hat der Oberhirte nicht ganz unrecht: »Flugzeuge verschmutzen die Atmosphäre, aber mit einem Bruchteil der Summe des Ticketpreises werden dann Bäume gepflanzt, um den angerichteten Schaden zu kompensieren«. Überhaupt würden wir in Zeiten leben, dessen Wirtschaftssystem so viel Müll verursacht – und nicht anderes ist CO2 – dass wir nicht mehr wüssten, wohin damit. Statt weniger (für die, die genug haben) zählt immer mehr. Den Schaden haben die Ärmsten der Armen. Und, poltert der christliche Neoliberalismus-Kritiker in weißer Soutane, sei der ganze Kapitalismus moralisch kurz vorm Ende, »an dem Tag, an dem Rüstungsunternehmen Krankenhäuser bauen, um die Kinder zu versorgen, die von ihren Bomben verstümmelt wurden, hat das System seinen absurden Höhepunkt erreicht.« Eine Lösung hat der Papst leider nicht im Koffer, auch er ist, natürlich berufsbedingt, ein Vielflieger. Aber wollen wir der Kita-Erzieherin einen Strandurlaub im sonnigen Süden verweigern?

In der Heiligen Stadt wird nicht erst seit gestern über die Zukunft des Planeten gegrübelt. Berühmtheit erlangte Franziskus mit der ersten Umwelt-Enzyklika aus der Feder geistlicher Gelehrtheit überhaupt. Um nur einen Satz des lesenswerten Papiers zu zitieren: »So wird deutlich, dass die Verschlechterung der Umweltbedingungen und die Verschlechterung im menschlichen und ethischen Bereich eng miteinander verbunden sind. Viele werden sagen, dass sie sich nicht bewusst sind, unmoralisch zu handeln, denn die ständige Ablenkung nimmt uns den Mut, der Wirklichkeit einer begrenzten und vergänglichen Welt ins Auge zu schauen. Daher bleibt heute alles Schwache wie die Umwelt wehrlos gegenüber den Interessen des vergötterten Marktes, die zur absoluten Regel werden«. Will sagen: Wir haben es selbst in der Hand, wir sind dafür verantwortlich, die Welt besser zu machen. Und: Der Markt, der Kapitalismus wird uns nicht mit unsichtbarer Hand erretten.

Mit nicht ganz so viel medialer Aufmerksamkeit wie der Papst bedacht, doch nicht weniger grundlegend in der Kritik der gesellschaftlichen Zustände, war kurz vorher in der stillgelegten Kohle-Zeche »Zollverein«, in der alten Bergarbeiterstadt Essen im tiefsten Ruhrpott, ein eingeschworener Haufen Öko-SozialistInnen zusammen getroffen. Mit dabei der Papstberater und Klimaforscher Hans Joachim Schnellnhuber sowie der Linken-Präsidentenkandidat Christoph Butterwegge. Auf der Linken-Konferenz »Genug für Alle – sozial.öko.logisch« ging es genau um die Fragen, die auch den Papst, und mit ihm viele Besorgte rund um den Globus umtreiben. Wie genau bekommen wir es hin, die Welt ökologisch nicht an die Wand zu fahren, diskutierten über 400 Menschen aus Politik und Zivilgesellschaft. Und wie können wir im selben Schritt »nach vorn« dafür sorgen, dass kein Mensch mehr Hunger, Ausbeutung und die Erniedrigung der Armut erleben muss?

Und wenn wir von Heuchelei reden, ja die herrscht auch in der EU-Klimaschutzpolitik. Oder um es mit dem alten Luther zu sagen: »Wo Gott eine Kapelle baut, da baut der Teufel eine Kirche daneben.« Heute hat das EU-Parlament über die »Reformation« des Handels mit CO2-Verschmutzungsrechten für die Industrie und den Flugverkehr abgestimmt, das EU-Emissionshandelssystem. Die Linke war von Beginn an gegen diesen Marktmechanismus, der bisher kaum große Sprünge im Klimaschutz gebracht hat. Statt in saubere Technologien zu investieren haben die ganz großen Firmen, vorne voran die Stahlbranche, Milliarden-Extragewinne mit dem Handel von CO2-Zertifikaten eingefahren. Und konnten mit Lobbyismus eine echte Bepreisung von CO2 verhindern, echte CO2-Obergrenzen per Gesetz abwenden. Auch der Parlamentsbeschluss von heute hat daran nur wenig geändert. Die Rechnung für die Klimasünden der Börsenfirmen zahlen Konsumenten und Klima. Papst und Linke, so seltsam diese Allianz auch scheint, ziehen in Sachen Erkenntnis in der Klimaschutzpolitik tatsächlich an einem Strang: Der Markt wird es nicht sein, der die Antworten auf die dringendsten Probleme finden wird. Ganz im Gegenteil, das Profitstreben unterwandert Demokratie, Gerechtigkeit und Umwelt. Das hat jetzt sogar ein Gericht in Österreich so gesehen und den Ausbau des Flughafen Wien aus Klimaschutzgründen gestoppt.

In Deutschland stößt der linke Papst auch bei der Kirchenhierarchie nicht nur auf Gegenliebe. Kein Wunder, hier ticken die Uhren nicht nur in Umweltfragen anders, auch in Fragen um Krieg und Frieden. Setzt sich etwa die katholische Friedensbewegung »pax christi« für Abrüstung, Rüstungsexportstopp und Frieden ein, will die Deutsche Bischofskonferenz dem ein Ende bereiten. Der Zuschuss aus Kirchensteuermitteln der katholischen Kirche an die Friedensorganisation soll gestrichen werden. Kampfflugzeuge zu Pflugscharen, das täte nicht nur dem Klima, sondern auch dem Frieden gut.

Hier kann eine Petition für pax christi unterzeichnet werden.

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