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Kinostühle zu Fernsehsesseln

  • Von Andreas Gläser
  • Lesedauer: 3 Min.

Als ich mir im Kino einen Film ansehen wollte, wurde nichts daraus, denn neben mir saßen drei Leute, die damit beschäftigt waren, die Produkte der Reklame-Clips lauthals zu erraten. Meistens lagen sie richtig, ich saß falsch. Während der Werbung für die Bundeswehr zog ich meinen Colt und zielte, weil ich Humanist bin, nur auf das Filmvorführgerät. Im Saal flackerte es wie verrückt. Die entsetzten Gesichter sagten mir, dass ich Berlin verlassen muss.

Wenig später befand ich mich im Zug von Bornholm nach Korsika. Ich setzte mich in ein Abteil, welches von den übrigen Reisenden gemieden wurde, weil ein Geschäftsmann lautstark telefonierte; rhetorisch hervorragend und inhaltlich belanglos. Nach zwei Gesprächen widmete er sich seinem Papierkram. Ich vergrub mich hinter meiner Zeitung. Wir verstanden uns große Klasse. Leider stieg er in Halle aus und zwei Schüler stiegen ein. Mir fiel auf, dass ich im Kino meinen Colt liegengelassen hatte. Würde ich jemals die Stadt meiner Schallplattenverkäufer wiedersehen? Unauffällig blickte ich aus dem Fenster. Ein Schüler fragte den anderen, ob es sich bei den meisten Gemeinden entlang der Strecke von Halle nach Erfurt um eher graue oder doch recht farbenfrohe Orte handele. Der andere antwortete, dass das davon abhinge, ob in orangefarbene Gewänder gekleidete Arbeiter draußen herumlaufen oder nicht. Welch 1-A-Analyse.

Kurz vor Erfurt stieg ich aus und musterte auf dem Bahnhof die Graffiti: »Ich hasse Weimar! Nazis raus!« Einige Rentner verwickelten mich in ein Gespräch über Gott und die Welt sowie über Krakelkünstler, die sie nicht mochten. Ich argumentierte, dass Gott, der doch in jedem von uns stecke, auch ein Sprayer sei. Die beiden murrten. Ich wiederholte mich nicht, weil ich mir im Seniorenwohnheim Asyl erhoffte.

Zwei Stunden später plauderten wir im Gemeinschaftsfernsehraum über unsere Freuden. Einige Rentnerinnen schwärmten von ihren zufälligen Begegnungen, die sie so mit Leuten hatten, die sie für Prominente halten; zum Beispiel den Statistinnen an Frau Sommers Seite aus der Jacobs-Werbung. Jemand schaltete auf irgendeinen Mäusesender um, vielleicht war es auch ein altes Video; da spielte der FC Rot-Weiß Erfurt gegen den FC Carl-Zeiss Jena. Auf jeden Fall Heimkino, ziemlich gemütlich.

Bald stellten wir unser Gequatsche weitestgehend ein. Keine Rede von einem flotten Tanzabend dank der Volkssolidarität. Wo ich eigentlich herkäme, wurde ich gefragt. Aus dem fernen wie schönen Bornholm, log ich, denn als knurriger Berliner musste ich hier vorsichtig sein. Einige Menschen in der Republik können es bis heute nicht verwinden, dass ihnen zu DDR-Zeiten von der Berliner Führungsriege vom Bananenkontingent immer nur die Schalen zugeschickt wurden. Am nächsten Morgen fuhr ich zurück in meine Stadt und kaufte in den Tilsiter Lichtspielen eine Karte für den Film »Florence Foster Jenkins«. Toller Streifen, duftes Publikum.

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