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Am Ende der Welt

Über die Vorbereitungen auf die Apokalypse und das letztendlich sinnlose Unterfangen, sich aus der menschlichen Gesellschaft retten zu wollen

  • Von Stephan Fischer
  • Lesedauer: 9 Min.

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Wenn es ein Ende der westlichen Welt gibt, ist es sowohl geografisch als auch ideell in Kalifornien zu verorten. Nach den Stränden, die am Ende der Trecks der Siedler und Kolonialisten standen, kommt nur noch unendlich scheinender Ozean - und an dessen Ende der Ferne Osten. Kalifornien ist »the last frontier«, die letzte Grenze. Sie zu überwinden und etwas Neues zu finden, das bedeutet, den Schritt in eine neue Welt zu machen. Oder die Gesetze dieser Welt zu überwinden.

Geballtes Wissen, Fortschrittsoptimismus und auch -gläubigkeit sind die Antriebskräfte, um technologische und physische Grenzen immer weiter zu verschieben. Seien es privatwirtschaftliche Raumfahrtprojekte oder Versuche, Menschen mithilfe von Kyronik, also dem Einfrieren bis in eine nahe Zukunft, in die Unsterblichkeit hinüberzuheben - für beides ist das Silicon Valley der Inkubator.

Kalifornien liegt an der San-An-dreas-Verwerfung. Die Pazifische Platte schrammt an der Nordamerikanischen Platte entlang. Erdbeben sind hier unvermeidlich. Den Menschen stellt sich an der Pazifikküste nicht die Frage, ob, sondern wann es zum nächsten katastrophalen Erdbeben kommt: »The big One«, ein Beben oberhalb von Stärke 8, gilt seit Jahren als überfällig. Das Ende des Westens - es ist zeitlich immer präsent und am Boden nur eine ganz dünne Schicht, die die Menschen dort trägt, eine Erdkrume, die jederzeit aufreißen und damit alles in den Abgrund reißen kann. Die Schicht ist jedoch nicht nur physisch ganz dünn. Das Ende des Westens als Raum der politischen und kulturellen Moderne - das kann eine Pandemie sein, die sich in Zeiten globalen Flugverkehrs extrem schnell ausbreitet. Das können Katastrophen infolge des Klimawandels sein. Das können Kriege und Bürgerkriege sein.

Mit diesen Szenarien geht ein Zusammenbruch staatlicher Ordnung einher. Solche Untergangsszenarien sind seit Jahren beliebtes Sujet der westlichen Kulturindustrie, vor allem der westlichsten von allen - von Hollywood aus kann man den Pazifik sehen. Genau 500 Jahre nach dem Erscheinen von Thomas Morus’ »Utopia« dominieren Dystopien. Seien es Meteoriteneinschläge, seien es Zombie-Apokalypsen - die Welt kann sich nicht sattsehen am eigenen Untergang. Ein schier nicht zu befriedigendes Bedürfnis am Ende des Wachstums. Aber wie wäre es, diesen Szenarien nicht mit Angstlust und darüber hinaus mit Tatenlosigkeit zu begegnen - sondern mit Berechnung?

In einem kürzlich im »New Yorker« erschienenen Text beschreibt Evan Osmos, wie sich Superreiche, nicht nur aus dem Silicon Valley, sondern überall in den USA, auf ein mögliches Ende unserer Zivilisation vorbereiten. Das scheint für die meisten nicht unvermeidlich - aber wahrscheinlich. Wie sehen diese Vorbereitungen aus? Einer lässt sich die Augen lasern, weil nach der Apokalypse Brillen kaum noch hergestellt werden. Ein anderer lernt Bogenschießen. Bei fast allem, was Osmos beschreibt, finden sich ähnliche gedankliche Schritte. Zunächst die Befriedigung unmittelbarer physischer Bedürfnisse wie Nahrung und Sicherheit - es werden Lebensmittel und Waffen gehortet. Der Fluchtgedanke ist ebenfalls zentral: Ständig gepackte Koffer, bereitstehende und betankte Hubschrauber oder Flugzeuge scheinen Standard. Oder Motorräder, mit denen man das erwartete Chaos auf den Straßen umfahren kann. Aber wo soll die Flucht hingehen? Weit weg, in sichere Häfen. Die Rede ist von abgelegenen Pazifikinseln, die gekauft werden, Ländereien in Neuseeland - weit entfernt und vermutlich ruhig - oder ausgemusterte Silos für US-amerikanische Atomraketen. Die sind immerhin selbst atomwaffenfest.

Utopien und Dystopien entwerfen Gegenwelten. Mindestens genauso aussagekräftig lassen sie sich auf die (Gedanken)-Welt hin lesen, in der sie entstanden sind. »Utopia« entwirft das Ideal republikanischer Stadtstaaten, in denen das Privateigentum abgeschafft ist - ein radikaler Gegenentwurf zu den spätfeudalen tyrannischen Machtverhältnissen der frühen Neuzeit und zum Himmel schreienden wirtschaftlichen Ungleichheiten. Den apokalyptischen Szenarien unzähliger Bücher und Fernsehserien der letzten Jahre auf der einen und den konkreten Vorbereitungen der Superreichen, aber auch von immer mehr Preppern - Menschen, die Vorräte in Kellern bunkern oder im Wald vergraben - auf der anderen Seite liegen vor allem Ängste und Unbehagen am Wachstum zugrunde. Wachsende Bevölkerung, wachsende Umweltverschmutzung und -vergiftung, wachsende Ungleichheit und wachsende Angst, die auch ihnen selbst immer absurder erscheinenden Privilegien zu verlieren - mit einem Immer-Mehr gehen immer mehr Gefahren einher, die zwangsläufig auf Kipppunkte zulaufen. Katastrophen, die den Auftakt von Dystopien bilden. Es geht bei dem Ende der Welt, sei es literarisch oder in realen Vorbereitungen, nicht um einen Gegenentwurf oder die Erhaltung der Welt, sondern um die Rettung von und vor ihr: Sei vorbereitet, um nicht zu den 99 von Hundert zu gehören, die die Apokalypse nicht überleben.

Der Horizont vieler dieser Superreichen, die ihr Vermögen teilweise mit visionären Techniken verdient haben, Visionäre sogar, die für atemberaubende technologische Sprünge und Entwicklungen mitverantwortlich zeichnen, das Leben von Millionen radikal zu ändern vermögen - er wird angesichts der vermeintlich drohenden Apokalypse ganz klein. Das Blickfeld verengt sich darauf, zu retten, was zu retten ist: die Familie, vielleicht ein paar Freunde, that’s it. Hybris und Aussichtslosigkeit zugleich. Aber einer Logik folgend, die jener von Piraten gleicht, die auch dem Geschäftsgebaren vieler ihrer Firmen gleicht - man betrachte AirBnB oder Uber. Märkte werden geentert, lokale Regeln oder nationale Gesetzgebungen werden günstigenfalls ignoriert oder gleich bewusst gebrochen, Gewinne werden in sichere Häfen gebracht, wo sie einer Besteuerung entzogen werden - die als Diebstahl der Autoritäten begriffen wird, denen man sie ja abgerungen und sich so durch Cleverness verdient hat. Schlauer, schneller, skrupelloser sein, Gewinn mitnehmen und sich dann aus der Gesellschaft herausziehen - diesen Traum bedient heute der schnelle Lottogewinn, die vermeintlich todsichere Wette auf den Außenseiter. Es ist ein kindischer Traum, das wissen oder ahnen die sich präparierenden Superreichen zumindest.

Der sichere Hafen für das Geld - er ergibt ja nur Sinn, wenn dem Geld von anderen noch ein Wert zugeschrieben wird. Der sichere Hafen nach der Apokalypse - wie soll der aussehen? Jedes Geld ist mit einem Schlag nichts mehr wert, es zählen nur noch Ressourcen: Nahrung, Sex, Waffen, Fähigkeiten. Wie groß muss eine Gruppe sein, um die basalen Bedürfnisse des Überlebens abzudecken? Welche Fähigkeiten müssen vorhanden sein? Ärzte, Handwerker, militärisch ausgebildete und sexuell attraktive Personen dürften hoch im Kurs stehen - Konzertpianisten und Geisteswissenschaftler, Kranke und Schwache eher nicht. Aber wer entscheidet über den Wert eines Menschen, wer ist es wert zu überleben? Und hat der Säugling des Superreichen nur durch familiäre Bindung mehr Recht als der Bruder des Piloten, der handwerklich zwar hochbegabt ist, aber für den nun einmal kein Platz mehr im rettenden Flugzeug ist? Und - was würde den Piloten zwingen können, in dem Fall überhaupt in Richtung des vermeintlich sicheren Hafens zu starten?

Das Motiv des sicheren Hafens, in dem Fall eines hermetisch abgeschlossenen Tals, findet sich in einem der einflussreichsten Bücher, das in den USA vor genau einem halben Jahrhundert erschienen ist - Ayn Rands Bibel des Libertarismus, »Atlas Shrugged - Atlas schüttelt die Welt ab«. In dieses Tal haben sich die wenigen Tüchtigen und Tatkräftigen zurückgezogen, ohne sie und ihre Tatkraft bricht die Gesellschaft - die von ihnen, die sie moralisch in die Pflicht genommen hat zu geben, nur nimmt - zusammen: Seht zu, wie ihr zurechtkommt, ihr Massen dort draußen, die ihr zu schwach zur Tat seid! Platz ist nur für wenige im libertären Utopia. Einige von Rands zentralen Botschaften: Wohlstand wird von Leistungsträgern geschaffen, er wird durch Innovation und Produktion, nicht durch Umverteilung erzeugt. Und: Nur wer etwas erschafft, kann etwas geben. Geben, nicht abgeben in Form von Steuern. Staatliche Institutionen wie Schulen oder ein Gesundheitssystem für alle sind abzulehnen. Viele US-Unternehmer haben Rands Buch mit der Muttermilch aufgesogen.

Ein Protagonist in »Atlas Shrugged« ist ein Pirat, Ragnar Danneskjöld. Dieser plündert Schiffe mit Hilfslieferungen, die von den USA in die »Volksrepublik Europa« geschickt werden - die europäischen Staaten sind in Rands Werk dem Kollektivismus sowjetischer Schule verfallen, den sie zeitlebens bis aufs Blut ablehnte. Danneskjöld sieht sich selbst als Antagonist zu Robin Hood - er bestiehlt die Armen, gibt den Reichen und Tüchtigen und stellt sich in Gegnerschaft zu ihm, Robin Hood: »Robin Hood war der Mann, der das, was er den Reichen raubte, den Armen gab. Ich dagegen bin der Mann, der das, was er den Armen raubt, den Reichen gibt - oder, um genau zu sein, der Mann, der das, was er den diebischen Armen raubt, den produktiven Reichen zurückgibt.« Selbstlosigkeit als Tugend - für Rand pflanzt sie den Kern des Scheiterns von Gesellschaften. Menschliche Gefühle wie Schuld oder Mitleid - nur Mittel, um Menschen gefügig zu machen. Akte der Selbstlosigkeit - sie belohnen Bedürftigkeit anstelle von Fähigkeiten. Auch wenn sich viele Tech-Unternehmen und Unternehmer mithilfe ausgefeilter Marketingstrategien gerne als Robin Hoods der freien Märkte gerieren - im real existierenden Spätkapitalismus muss ihnen Ragnar Danneskjöld in Fleisch und Blut übergegangen sein.

In »Atlas Shrugged« ist die »Weltflucht der Tüchtigen« nicht von Dauer. Was aber, wenn der Weltuntergang etwas länger als ein paar Wochen dauert? Jede Gruppe, die es irgendwie in einen sicheren Hafen schafft, egal ob Pazifikinsel oder in Neuseeland, stünde vor der Alternative, sich amoralischer Barbarei des nackten Überlebens wegen hinzugeben - oder sich Regeln zu geben, aus einer Gemeinschaft wieder eine Gesellschaft zu formen, die ein lebenswertes Leben auch über eine Generation hinaus ermöglicht.

Rette sich, wer kann - und ich kann es, weil ich es mir verdient habe, der Rest soll sehen, wo er bleibt: Das wäre der geistige Bankrott am Ende des Westens. Die Erdkrume und auch die zivilisatorische Schicht, die ihn noch stabilisiert, ist sehr dünn. Zeit, sich ihrer Pflege zu widmen, statt über Augenlasern oder Bogenschießen nachzudenken. Denn eins ist nach der Apokalypse und dem Ende von Zivilisationen ziemlich sicher: Es wird immer einen geben, der mit dem größeren Bogen schneller schießt - der sich um das liberale Ideal einer vernunftgeleiteten Vertragsgemeinschaft nicht schert. Oder man stirbt anstelle der mit der Zivilisation verschwundenen Adipositas an einem eingetretenen rostigen Nagel. Fast alle Piraten träumten von einem ruhigen Lebensabend unter Palmen oder einem selbstverwalteten Libertalia. Die meisten verreckten vorher elendig. Ayn Rands Buch verkaufte sich millionenfach und bescherte ihr zahllose, einflussreiche Jünger von New York bis Kalifornien. 1976 ließ sie sich wegen ihrer Lungenkrebserkrankung unter falschem Namen für die staatliche Sozialversicherung und das staatliche Medicare-Programm anmelden.

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