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Unheilabwehr mit Schokolade

Täglich kommen hunderte Pilger zur »Santa Muerte« in Mexiko-Stadt

  • Von Jenny Barke, Mexiko-Stadt
  • Lesedauer: 4 Min.

Von der Straße aus wirkt das Lebenswerk von Doña Queta unscheinbar. Nur ein paar Blumensträuße am Fußweg lenken den Blick auf das hinter weißen Gitterstäben liegende Geschäft der 62-Jährigen. Doch der Eindruck täuscht. Täglich kommen Hunderte Pilger nach Tepito in Mexiko-Stadt. Ihr Ziel: der geschmückte Altar der »Santa Muerte«, vor dem sie andächtig knien, um der »Todesheiligen« zu danken oder ihre Fürbitten vorzubringen. An diesem Nachmittag ist eine vierköpfige Familie aus Kolumbien angereist, um die Todesheilige »Santa Muerte« zu besuchen. Aufgelöst, unter Tränen, trauern sie vor der Figur um ihren am Morgen gestorbenen Sohn. Sie haben den ersten Flieger nach Mexiko genommen und werden am Abend nach Bogotá zurückkehren. Dass Besucher aus Mittelamerika oder sogar Kolumbien anreisen, passiert immer häufiger, sagt Doña Queta: »Sie kommen wegen des Glaubens, nichts weiter.«

Der Anthropologe Antonio Higuera Bonfil erforscht die Bewegung der »Santa Muerte« und beobachtet die rasant wachsende Anhängerschaft über die Grenzen Mexikos hinaus. »Die Menschen glauben daran, dass die ›Santa Muerte‹ sie vor Krankheit und Unglück beschützt. Dabei ist sie eine sehr tolerante Heilige. Sie stellt keine Forderungen an die Gläubigen. Jeder darf sein wie er ist, ob homosexuell oder geschieden.« Damit trete sie in direkte Konkurrenz zur katholischen Kirche, die ihre Gläubigen für eine vermeintlich falsche Lebensführung verurteile.

Als Papst Franziskus im Februar vergangenen Jahres Mexiko besuchte, kritisierte er die Kultanhänger scharf: »Ich bin beunruhigt über die vielen Verführten, die dieses Hirngespinst verherrlichen und ausgeschmückt mit schauderhaften Symbolen den Tod kommerzialisieren.«

Die Dekoration scheint durchaus todesverherrlichend. Im Zentrum des Altars von Doña Queta steht ein realistisches Abbild eines Skeletts von der Größe eines Kindes, der Totenschädel ist gerahmt von langem, schwarzem Haar. Die Figur hat Doña Queta liebevoll eingekleidet in ein goldenes, weit fallendes Kleid mit Schleier. Um das »weiße Kind«, wie die »Santa Muerte« auch genannt wird, reihen sich Engel und Todesfiguren auf Regalen. Opfergaben wie Bierflaschen, Schokolade, gefüllte Weingläser und Früchte liegen ihr zu Füßen. Viele Symbole des Kults ähneln der katholischen Konfession. In Doña Quetas Laden neben dem Altar können die Besucher Rosenkränze und Kerzen kaufen. Auf Knien versinken sie im Gebet. »Vor der Kolonialisierung durch die Spanier existierte in Mexiko ein ausgeprägter Todeskult, der durch den eingewanderten Katholizismus von der Oberfläche verschwand«, sagt der Soziologe Alberto Hernández. Nach seiner Einschätzung vermischt sich bei dem Kult der katholische Glaube mit prähispanischen Elementen. »Die Bewegung ist keinesfalls neu. Nur ist sie viele Jahrhunderte versteckt gelebt worden.«

Wegen der Stigmatisierung durch die Kirche hätten sich viele Gläubige ins Private zurückgezogen. So auch Maria de Rosario Gómez. Die 43-jährige Köchin aus Tepito ist seit 20 Jahren Anhängerin der »Santa Muerte«. Doch ihren Glauben zeigt sie nicht öffentlich: »Mir reicht mein Schrein in der Wohnung. Wenn ich das Haus verlasse, bitte ich «Santa Muerte» darum, dass sie mich beschützt.«

Der neuerliche Erfolg außerhalb der eigenen vier Wände ist wahrscheinlich auch Doña Queta zu verdanken. Die resolute Frau hat vor 15 Jahren ihren Altar der »Santa Muerte« gemeinsam mit dem Laden für Devotionalien in der Kriminalitätshochburg Tepito eröffnet. Er gilt damit als erster öffentlich zugänglicher Altar der Todesheiligen in Mexiko. Der Kult indes hat sich inzwischen in ganz Mexiko etabliert. Feste und Rituale haben kein festes Regelwerk, sie folgen vielmehr den regionalen Traditionen. An der Karibikküste tanzen sich die Anhänger in Ekstase, in Tepito wird still gebetet.

Einen anderen Grund für den Siegeszug sieht Hernández in der Zunahme der Kriminalität: »Die Gewalt in Mexiko hat in den vergangenen 20 Jahren anscheinend gleichermaßen zugenommen wie der Erfolg der Bewegung.« Eine Charakterisierung der »Santa Muerte« als Heilige der Verbrecher lehnt Hernández aber ab: »Die Santa Muerte hat diesen Ruf von der Kirche und den Medien bekommen. Ich kann nicht bestätigen, dass es mehr Verbrecher unter den Anhängern gibt. Aber auch sie werden von der ›Santa Muerte‹ akzeptiert.«

Daneben gibt es viele weitere Gerüchte um den Todeskult. Santa Muerte bestrafe die Ungläubigen und versklave ihre Anhänger, weil sie immer größere Opfer für ihr Wohlwollen fordere. Kritiker meinen, der Kult habe seinen Erfolg nur der Angst der Menschen zu verdanken. Diese Theorien kann Higuera nicht bestätigen: »Die Santa Muerte sucht sich dich nicht aus. Du suchst sie aus. Sie kann auch deine Ängste wahr werden lassen. Wenn du eine Bestrafung willst, dann erfüllt sie dir den Wunsch.«

Den Gläubigen sind die Gerüchte egal. Doña Queta ist bereits in ihrer Kindheit mit der »Santa Muerte« in Kontakt gekommen. Sie sieht keinen Konflikt zwischen Kirche und der Todesheiligen: »Ich glaube an alles. Ich tanze zu der Musik, die du spielst. Ich glaube an die Jungfrau Guadalupe, an ›Santa Muerte‹, doch vor allem an Gott.« Für De Rosario liegt die Priorität genau andersherum: »Mir kann keiner beweisen, dass es Gott gibt. Aber der Tod, der ist real.« dpa/nd

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