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Kampf um Land und Leben

Verarmte Matepflücker im Nordosten Argentiniens wehren sich mit Besetzungen

  • Von Bettina Müller, Montecarlo
  • Lesedauer: 4 Min.

»Seit ich zwölf Jahre alt bin, arbeite ich in der Ernte und Verarbeitung von Mate. Jetzt, mit 43 Jahren und nach fünf Bandscheibenvorfällen tauge ich zu nichts mehr«, erzählt uns Alberto Galeano. Er ist Mitglied des Leitungskomitees der Bewegung zur Befreiung der Bauern und inzwischen Präsident der Arbeitergenossenschaft »Nande Kokué«, was auf Guaraní soviel wie »unser Garten« bedeutet. Er und andere arbeitslose Matepflücker, in Argentinien Tareferos genannt, haben vor zwei Jahren begonnen, im dichten Wald in der Nähe ihrer Siedlung Malvinas Argentinas in der Stadt Montecarlo Land zu besetzen und zu bestellen.

»In meiner Familie haben wir immer für den eigenen Verzehr angebaut und nachdem mich auf Grund meiner Verletzungen niemand mehr einstellen wollte, habe ich mich nach Alternativen umgesehen«, so Galeano. »Tatsächlich verdiene ich mit dem Anbau von Maniok, Mais, Bohnen, Kürbissen und anderem Gemüse und Obst genauso viel wie bei der Mateernte, aber ich kann mir meine Zeit selber einteilen, arbeite weniger und kann meine Familie mit dem ernähren, was wir anpflanzen.« Inzwischen sind es rund 30 Familien, die sich auf die etwa 290 Hektar verteilen und wöchentlich werden es mehr, die sich dem Projekt anschließen und damit versuchen wollen, dem Kreislauf der Armut, in den einen die Arbeit als Tarefero treibt, zu entkommen.

»Die Tareferos leisten unter erbärmlichen Bedingungen einen Knochenjob«, erklärt Rubén Ortiz, Generalsekretär der Gewerkschaft Bewegung zur Pädagogischen Befreiung, der die Tareferos seit Jahren in ihrem Kampf um bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen unterstützt. »Pro Tag verdienen sie gerade einmal 16,5 Euro, verlassen das Haus um fünf Uhr früh und sind selten vor 21 Uhr abends zurück. Wir sprechen eigentlich von moderner Sklaverei«, so Ortiz.

Zu diesen Problemen kommt hinzu, dass die Mate-Ernte jährlich von März bis September stattfindet, also saisonbedingt ist. Bis zum Amtsantritt von Mauricio Macri am 10. Dezember 2015 hielten sich die Matepflücker die fünf Monate außerhalb der Erntezeit mit Nebenjobs beispielsweise auf dem Bau über Wasser. Doch seit der argentinische Markt für Importe geöffnet und die staatlichen Investitionen in Infrastruktur massiv gesenkt wurden, ist die Baubranche, aber auch die des Matetees und der Holzproduktion eingebrochen, weshalb es kaum Arbeitsmöglichkeiten für die Tareferos gibt.

Aber mit der Besetzung des ungenutzten Waldgebietes durch die arbeitslosen Matepflücker ging auch der Streit um dieses los. Drei Eigentümer haben Anspruch auf jeweils einen Teil der Ländereien angemeldet. Zwei von Ihnen, Oscar Scheibe, ehemaliger Direktor der Energiegenossenschaft der Stadt Montecarlo und Carlos Ebert, Nachfahre deutscher Einwanderer und angeklagt wegen Betrugs, konnten bislang allerdings keinerlei Papiere vorweisen, die belegen, dass ihnen diese Gebiete gehören. Der dritte Eigentümer ist das Unternehmen La Misionera, das derart hohe Schulden bei der Provinz hat, dass diese das Gebiet ohne weiteres enteignen könnte. Vor allem Oscar Scheibe und seine Frau Liliana Rolón schrecken bei der Durchsetzung ihres Anspruches vor nichts zurück.

Rubén Ortiz steht dabei im Zentrum ihrer Verfolgungskampagne, die fadenscheinige Anklagen und sogar Morddrohungen einschließt, denn er begleitet nicht nur die landlosen Tareferos, sondern prangert außerdem die extrem ungleiche Verteilung der landwirtschaftlichen Nutzflächen in Misiones an. »Fast die Hälfte der Anbauflächen in der Provinz liegt in der Hand von Großgrundbesitzern, die mehr als 1000 Hektar bestellen. Allein dem chilenischen Unternehmen Alto Paraná, das Kiefern zur Herstellung von Zellulose anpflanzt, gehören zehn Prozent (234 000 Hektar) der gesamten Provinz.« Daher setzt sich Ortiz für eine Agrarreform ein und kann beim Kampf um eine gerechtere Verteilung von Grund und Boden bereits Erfolge vermelden. In Mondorí, im Osten von Misiones, übergab die Provinz nach mehr als zehn Jahren Kampf 38 000 Hektar Land an mehr als 1100 Familien, die heute von dem leben, was sie anpflanzen.

Auch in Montecarlo wollen die arbeitslosen Tareferos dies erreichen. »Wir sind entschlossen, den Kampf um das Land bis zur letzten Konsequenz zu führen, denn nur so können wir unser Überleben sichern und unsere finanzielle Situation verbessern. Alle anderen Türen haben sich für uns geschlossen«, sagt Alberto Galeano und schließt: »Ich kämpfe, damit es uns allen besser geht, ich meine Kinder auf eine weiterführende Schule schicken und hoffentlich eines meiner Enkel studieren gehen kann. Das ist mein Traum.«

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