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Obdachlosenhilfe wird obdachlos

Die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft Berlin-Mitte kündigt »Klik« den Mietvertrag

  • Von Yves Bellinghausen
  • Lesedauer: 3 Min.

Wer Stammgast in der Torstraße 205 in Mitte ist, der lebt mit großer Wahrscheinlichkeit auf der Straße. Denn hier befindet sich »Klik«, eine Einrichtung, die junge Obdachlose berät. Doch nun will die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft Berlin-Mitte (WBM) der »Klik« den Mietvertrag bis Mai kündigen. Die benachbarte Fraueninitiative »Inselgalerie« trifft es sogar noch härter: sie muss schon bis Ende Februar ausgezogen sein.

Die Wohnungsbaugesellschaft argumentiert, dass sie ab Mitte März eine dringend notwendige Sanierung durchführen müsse. Wenn die Gebäude saniert sind, passt die Obdachlosenberatung offenbar nicht mehr in das Konzept der Wohnungsbaugesellschaft für die Torstraße.

Die Kündigung stellt die »Klik« vor ein großes Problem. Freie Arbeitsflächen in Berlin zu finden, ist ohnehin schwer. Obendrein stellt der Verein auch noch spezielle Anforderungen: »Wir sind eine sehr niedrigschwellige Anlaufstelle«, sagt »Klik«-Mitarbeiterin Anett Leach, »Wenn wir irgendwo im fünften Stock sitzen, dann finden die Leute einfach nicht zu uns.« Obdachlose seien eben »hard to reach clients«, also eine schwer zu erreichende Klientel.

Die Ausweichobjekte, die die Wohnungsbaugesellschaft Berlin-Mitte dem Verein vorgeschlagen hat, kommen deshalb nicht in Frage, sagt Leach.

Die Suche nach anderen Standorten geht dennoch weiter. Sogar mehr Geld hat die »Klik« der WBM geboten, um nach der Sanierung weiter in den Räumlichkeiten bleiben zu können. Das habe allerdings auch nichts geändert.

Leach vermutet, dass ihr Vermieter eine neue Strategie für die Flächen plane und lieber den Einzelhandel als eine Obdachloseneinrichtung in ihren Räumlichkeiten sehen würde.

Und tatsächlich gibt die Wohnungsbaugesellschaft Berlin-Mitte auf Nachfrage an, die Grundrisse im Erdgeschoss für den Einzelhandel optimieren zu wollen. Nach der Sanierung der Gebäude in der Torstraße stellt sich der Vermieter hier Einheiten für »Handel, Kultur und Dienstleistungen« vor.

Die Verdrängung der »Klik« inspiriert nun sogar die FDP zu ungewohnt sozial orientierter Kritik: Aus Sich des FDP-Abgeordneten Thomas Seerig verdeutlicht die »Verdrängung« des Vereins die große Kluft zwischen den vom rot-rot-grünen Senat formulierten sozialen Ansprüchen und der Realität. Soziale Träger kündigen und dann »bessere Mieter« suchen, das sei die Realität der Wohnungsbaugesellschaft Berlin-Mitte, sagte Seerig.

Die Wohnungsbaugesellschaft sieht das anders und verweist immer wieder darauf, wie wenig die »Klik« zahlen müsse, um die Räumlichkeiten nutzen zu können.

Bis Redaktionsschluss stand Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel (Grüne) für eine Stellungnahme nicht zur Verfügung. Dabei könnte die Senatsverwaltung großen Einfluss auf die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft ausüben.

Anett Leach befürchtet, dass die Obdachlosenberatung bald selbst obdachlos ist, wenn sich in dem Streit nichts tut. Dann würde man die Beratungsstelle nicht mehr weiter betreiben können. »Die Hoffnung stirbt aber zuletzt«, sagt sie und lacht.

Der Verein »Klik« bietet Wohnungslosen im Alter bis 27 Jahren konkrete Hilfestellung an, etwa Essen und Kleidung, die Möglichkeit zum Duschen oder Wäschewaschen, aber auch Beratung aller Art. Seit Dezember 2016 gibt es zweimal pro Woche ein Nachtcafé mit Übernachtungsmöglichkeiten. Das Hilfsprojekt arbeitet - in unterschiedlicher Struktur - seit 1994. Finanziert wird es vor allem aus Stiftungsgeldern.

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