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Der Mittelfinger ist zu wenig

In der Wabe beginnt am Freitag das diesjährige Festival »Musik und Politik«

  • Von Mathias Schulze
  • Lesedauer: 4 Min.

Mundharmonika, Gitarre, lässiges Pfeifen - Martin Simon und Götz Widmann setzten 1998 auf der Platte »ich brauch personal« als Duo Joint Venture zum Dolchstoß an: »Ich hätt mich sicher für den Frieden/ Auch ohne seinen Song entschieden/ Wahrscheinlich hat er Hasch geraucht/ Jetzt denkt er, dass die Welt ihn braucht/ Keinem wird›s was bringen/ Er muss uns jetzt was singen.«

Jan Traphan, einer der beiden Mittdreißiger aus dem süffisant-melancholichen Duo Simon & Jan, kennt den Spruch, wonach man heute den erhobenen Zeigefinger gegen den ausgestreckten Mittelfinger zu tauschen habe, bestens. Dennoch erklärt er sein Selbstverständnis anders, der Mittelfinger sei zu wenig: »Der eindeutige Gestus des An-die-Hand-Nehmes stirbt nicht aus, der wird sogar gebraucht. Nur unsere Art ist es nicht, wir bevorzugen die kippenden Bilder.« Beispiel gefällig? »We are the Champions/ Keine Zeit für Looser/ Sie winken mit dem Paddel/ Irgendwo vor Lampedusa/ Ich sitz‹ auf meiner Yacht/ Und schau mir Teleshopping an/ Weil ich kann/ Weil ich kann.« Oder nehmen wir den ähnlich jungen Leipziger David Meißner, beim Festival wird er unter dem schönen Namen Hisztory mit raubeinigen Liebes- und Mörderballaden vorstellig: »Ich erzähle Geschichten und Biografien quer durch alle Klassen, ich stelle Menschen, keine moralischen Kategorien, vor.«

Kippende Bilder, Klassenbegriffe. Hat der Gestus der Bejahung eines utopielosen Zustandes in der jungen Liedermacher-Szene ausgedient? Poetisiert sich gar ein radikal ökonomiekritisches Bewusstsein? Werden die Eigentumsverhältnisse mit Lust und Laune in Grund und Boden gesungen? Schwierig. So viele politische Liedermacher, so viele Ästhetiken des Widerstands.

Lutz Kirchenwitz, Jahrgang 1945 und Mitbegründer des »Festivals des politischen Liedes« in Ost-Berlin, sorgt sich seit der Jahrtausendwende emsig um jene Begegnungsmöglichkeit, die heute Festival »Musik und Politik« heißt und vom Verein »Lied und soziale Bewegung« organisiert wird. Für Kirchenwitz ist die Ära der politischen Liedermacher vorbei: »Ihr Resonanzboden und ihr Stellenwert in der Öffentlichkeit sind geschrumpft. Während sich Mainstream und Spaßkultur ausbreiten, witzelt man über ›Gutmenschen‹, und der Begriff Liedermacher gilt als uncool. Aber das totgesagte Genre der Liedermacher existiert weiter. Künstler wie Konstantin Wecker und Hans-Eckardt Wenzel stehen dafür. Junge Künstler wie Dota Kehr und Heinz Ratz treten in ihre Fußstapfen.« Und oft genug laufen sie dort »Barfuß in Kakteen«, so der Titel der aktuellen Tino-Eisbrenner-Platte.

Weltenbummler Eisbrenner, Jahrgang 1962, liegen liebe Grüße an die kapitalistische Volksentspannung und ins getunte Schlagerland, am Herzen: »Selbst der unpolitischste Künstler macht Politik. Er stützt oder schwächt eine Sache durch seine Haltungslosigkeit. Künstler, die sich nicht positionieren, nur um erfolgreich zu sein und niemanden gegen sich aufzubringen, sind für mich, gerade in unseren Zeiten, ein Trauerspiel - sonst gar nichts!« Kultur als soziales Feld, auf dem die Krisen der Welt gar nicht umschifft werden können. Bei Eisbrenner führt das nicht zur Agitation, spielerisch will er die Verhältnisse abbilden, eine Fundgrube sein für diejenigen, die zu hören verstehen. Klar schließt das linke Selbstbestätigung und Erbauung ein.

Der aus dem Ruhrpott stammende Berliner Songschreiber und Sänger Danny Dziuk, Jahrgang 1956, erinnert an Bob Dylan: Solle doch jeder im Bergwerk der Poesie das finden, was er braucht. Musik, um das eigene Verhältnis zur Welt in den Griff zu kriegen, Zeilen, um abzutauchen ins Menschlich-Allzumenschliche: auf dass man als Persönlichkeit hervorkomme. Mit seiner knarzig und nuschlig-entspannten Stimme, mit seinem lässig mehrfachbödigen Spirit verschweigt Dziuk die Verhältnisse nicht, er bleibt nur den Heilsgesinnungen fern. Lieber imaginiert er eine Zuversicht, die fern aller Weltvergessenheit das Leben feiert. Entwaffnung durch Schönheit, auch so eine Ästhetik des Widerstands. »Im gelungenen Fall steht die Musik über der Politik, sie macht die Sicht auf die Welt weiter und größer«, so Dziuk.

Wie immer setzt das »Musik und Politik«-Festival auch dieses Jahr auf die Verknüpfung der Generationen. Die Ausstellung »Enkel und anderes Folk - Umbrüche in den 70ern« zeigt, wie sich neue Szenen und Veranstaltungsformen in der DDR entwickelten. »Liedermacher in der DDR: Das wird heute oft mit Wolf Biermann und Dissidenz gleichgesetzt. Es gab jedoch eine vielfältige Folk-, Chanson- und Liedermacherszene und unterschiedliche Positionen und Konzepte. Diese Differenziertheit wollen wir sichtbar machen«, so Kirchenwitz. Steffen Mensching leitet hierzu eine Podiumsdiskussion mit Reinhold Andert, Elke Förster, Stefan Körbel, Wolfgang Leyn und Bernd Rump. »Uns ging es damals um Strategien, die eine Gesellschaft in Bewegung bringen können«, so Mensching. Aber findet auch ein Austausch der Generationen statt? Traphan locker: »Ich beobachte die anderen Künstler auf der Bühne, da kann ich am meisten lernen.«

24. bis 26. Februar, »Wabe«, Danziger Str. 101, Prenzlauer Berg.
www.musikundpolitik.de

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