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Als der Zar abdanken musste

Vor 100 Jahren wurde in Russland die Monarchie gestürzt.

  • Von Sonja Striegnitz
  • Lesedauer: 6 Min.

Fast über Nacht verschwand eine der mächtigsten und zugleich reaktionärsten Monarchien Europas von der historischen Bildfläche. Für manchen Zeitgenossen gleichsam ein »Wunder«. Hatte doch die Romanow-Dynastie in Russland gerade erst (1913) mit kaum zu übertreffendem Pomp ihr 300-jähriges Bestehen gefeiert, internationale Aufmerksamkeit erheischt und bekommen. Und der Neujahrsempfang von Zar Nikolaus II. für das diplomatische Corps an der Jahreswende 1916/17 war auch fürs Ansehen des Landes und die Spitzen der Gesellschaft erfreulich verlaufen.

Die nach den katastrophalen Niederlagen und Verlusten 1915, namentlich unter den Verbündeten des Ersten Weltkriegs England und Frankreich, vermehrt gehegten Zweifel an Russlands weiterer Kriegsfähigkeit waren gegen Ende 1916 weitgehend gegenstandslos geworden. Schon im Sommer verbuchten russische Truppen an der Südwest- und Kaukasusfront beachtliche militärische Erfolge gegen die Türkei und andere Verbündete der Mittelmächte. Englische und französische Waffen- und Munitionslieferungen, zuvor oftmals im Wortsinn auf der Strecke geblieben, erreichten jetzt zügiger die russischen Fronttruppen; neuerdings kamen solche Lieferungen über Fernost auch aus Amerika. Die eigene Rüstungsproduktion lief ebenfalls störungsfreier und effektiver, so dass die Versorgungslage der Armee längst nicht mehr ein so neuralgischer Punkt war wie im ersten Kriegsjahr. Die Pläne für alliierte Kampfhandlungen gegen die Mittelmächte 1917 - auf einer Konferenz im Januar in Petrograd abgesprochen - wiesen Russland erneut einen zentralen Platz zu.

Zudem schienen die innenpolitischen Turbulenzen, befördert durch die fortwährende Auswechselung von Ministern, der Vergangenheit anzugehören. Das »Ministerkarussell«, vor allem zur Absicherung der Kriegsführung in Bewegung gesetzt, verlor zunehmend an Tempo. Die tiefgreifenden inneren Probleme jedoch, die Überlebensbedingungen des Volkes, hatten sich inzwischen permanent verschlechtert, insbesondere die Versorgungslage. In den Großstädten, und nicht nur dort, griff Hunger um sich. In Petrograd reichten Anfang 1917 die Mehlvorräte nur noch für zehn bis zwölf Tage. Schlangen vor den Bäckerläden prägten den Alltag. Dabei war nicht so sehr der Mangel an Lebensmitteln die Ursache, sondern die fehlende Transportkapazität für zivilen Bedarf, die zum Beispiel die Heranschaffung von Brotgetreide aus den sibirischen Anbaugebieten in die europäischen Landesteile verhinderte. Hinzu kam der desolate Zustand des dafür übriggebliebenen rollenden Materials. Hinter einer wachsenden Unzufriedenheit über die Belastungen und Nöte des täglichen Lebens und erkennbarer Kriegsmüdigkeit war die bei Kriegsbeginn durchaus vorhandene Euphorie längst aufgebraucht. Doch dies alles spielte im Regierungshandeln kaum eine Rolle.

Das russische Parlament, die IV. Staatsduma, gab seine »Sacharbeit« auf. Seine Tätigkeit war in den Kriegsjahren ohnehin durch die von der Zarenregierung wiederholt verfügten Zwangsferien auf die Bewilligung der Kriegskredite reduziert. Antikriegsstimmen im Hohen Haus waren frühzeitig zum Schweigen gebracht, die sozialdemokratischen Abgeordneten - sieben Menschewiki, sechs Bolschewiki - als »Landesverräter« wegen ihrer Antikriegshaltung verhaftet und verbannt worden.

Die nun in den Duma-Sitzungen angeschlagenen neuen Töne, von den Stimmungen im Lande nicht unbeeinflusst, galten zwar auch der allgemeinen Lage, aber zuvörderst der Absicherung von Russlands Kriegsfähigkeit. P. N. Miljukow, Führer der Konstitutionellen Demokraten (kurz Kadetten genannt), fragte in einer großen Rede am 13. November 1916 kühn, ob man die Urgründe der Regierungspolitik Dummheit oder Verrat nennen solle. Der nachmalige Außenminister der Provisorischen Regierung, dem man wegen seiner vehementen Verfechtung russischer Kriegsziele den Spitznamen »Dardanelski« gab, griff die seit 1915 vom so genannten Progressiven Block, einem Zusammenschluss von Abgeordneten aller bürgerlichen Parteien, immer wieder vorgebrachte Forderung nach Kursänderung auf. Miljukow rief zu einer von der Duma ernannten und ihr verantwortlichen »Regierung des Vertrauens« auf und wetterte - gleich dem Abgeordneten der »Bauernfraktion« Trudowiki und späteren Regierungschef A. F. Kerenski - gegen den verhängnisvollen Einfluss der »deutschfreundlichen« Zarin auf Regierungsentscheidungen Nikolaus II. Der Kadett wagte es gar, diesbezügliche Meldungen aus deutschen Zeitungen zu zitieren, was strikt verboten war und strafrechtlich geahndet werden konnte.

Die Duma, bislang das ungeliebte Kind der Gesellschaft, wurde in diesen Tagen schließlich sogar für Militärs Anlaufpunkt, die von ihr Initiativen zur Veränderung der Lage erwarteten. General A. M. Krymow, Befehlshaber eines Kavalleriekorps an der Südwestfront, suchte sie auf und berichtete - freilich in einer »Privatberatung« außer Haus - über die miserable Stimmung unter der gerade erst siegreichen Truppe und einen rasch um sich greifenden Vertrauensverlust seiner Soldaten gegenüber den Offizieren. Er forderte den unverzüglichen Umsturz, ansonsten würden die für 1917 vorgesehenen Angriffsoperationen für Russland schmachvoll enden und das Land keinerlei Siegeschancen haben.

Duma-Präsident M. W. Rodsjanko, politisch auf der äußersten Rechten im russischen Parteienspektrum, bei den Oktobristen verortet, glühender Monarchist, der, wie er in seinen Erinnerungen schreibt, seinerzeit nicht nur von Militärs diesbezüglich kontaktiert wurde, ließ auch den General wissen: »Ich werde mich auf keinerlei Abenteuer einlassen, aus Überzeugung nicht und weil ich die Duma nicht in unvermeidliche Wirren verwickeln kann. Palastumstürze sind nicht Sache von Gesetzgebungsorganen, das Volk aber gegen den Zaren aufzubringen, habe ich weder Lust noch die Möglichkeit.« Eine Haltung, die der Präsident bis zum Ende der Monarchie beibehielt, während er gleichzeitig hinter den Kulissen alle Register zog, um Nikolaus II. zum Einlenken zu bewegen bzw. ihn durch seinen »liberaleren« Bruder zu ersetzen und das Regime doch noch zu retten. Die ratlose, lethargische Duma-Mehrheit folgte ihm darin.

Und nun dieses »Wunder«!

Auf den Straßen der Hauptstadt hatten sich die Ereignisse inzwischen weiter zugespitzt. Die Proletarierinnen machten den Anfang, als sie aus den Schlangen vor den Brotläden Demonstrationszüge formierten, unüberhörbar und nachdrücklich ihre Forderungen nach Brot und dem Ende des verheerenden Krieges skandierten, der für sie und ihre Familien nur Hungerrationen zuließ. Als am 23. Februar (8. März) rund 120 000 Petrograder Arbeiter ebenfalls auf die Straße gingen und Gleiches einforderten, glaubte man in Regierungskreisen noch immer an harmlose »Hungerrevolten«. Zwei Tage später erhöhte sich die Zahl der Streikenden aber auf fast eine halbe Million. Das war der von den Herrschenden so befürchtete Generalstreik. Denn immerhin waren über 200 wichtige hauptstädtische Betriebe lahmgelegt. Unter den Losungen der Aufbegehrenden dominierte nun »Nieder mit der Selbstherrschaft!« Die Arbeiter blieben nicht allein. Anknüpfend an Erfahrungen aus der ersten russischen Revolution (1905) öffneten die Studenten ihre Hörsäle für Kundgebungen und stellten sich den Streikenden an die Seite.

Angesichts dieses gesellschaftlichen Drucks, einer solchen Dynamik der Ereignisse, gerieten die Herrschenden in hektische Betriebsamkeit. Der Gendarmeriechef der Hauptstadt und der Befehlshaber des Petrograder Militärbezirks erhielten vom Zaren aus Mogiljow, dem Hauptquartier der russischen Armee, die strikte Weisung und die entsprechenden Vollmachten und Mittel, um die »Unruhen« am Folgetag zu »beenden«. Wie, das war klar.

Bereits zuvor waren im Stadtzentrum Schüsse gefallen und erste Todesopfer zu beklagen. Jetzt wurde dorthin eine gewaltige bewaffnete Maschinerie in Bewegung gesetzt - Polizeieinheiten, bislang in den Arbeitervorstädten stationiert, zusätzlich etwa 5000 in der Bekämpfung von »Straßenunruhen« besonders geschulte Spezialkräfte, Kosakenabteilungen, eine Reitereskadron, die gesamte Petrograder Garnison (180 000 Mann) waren einsatzbereit. Besonders pikant (und infam): Für russische Fronttruppen bestimmte englische Maschinengewehre schossen von Häuserdächern des Newski Prospekts auf streikende Arbeiter. Wurde man der Arbeiter habhaft, drohte sofortige Abschiebung an die Front.

Doch diese militärische Übermacht wankte, als Soldaten von der Nord- und Westfront, die auf die Hauptstadt in Bewegung gesetzt worden waren oder werden sollten, den Befehl verweigerten und sich den Aufständischen anschlossen. Über 70 000 waren es am Abend des 27. Februar (12. März) 1917. Das zielgerichtete und entschlossene Handeln der Monarchiegegner führte an diesem Tag die Entscheidung herbei, zerstörte den Mythos von der Unerschütterlichkeit des zaristischen Regimes. Am 2. (15.) März musste Nikolaus II. abdanken.

Dr. Sonja Striegnitz lehrte an der Humboldt-Universität zu Berlin und ist Autorin, Herausgeberin und Übersetzerin zahlreicher Studienbänden, darunter »Die Russische Revolution 1917 - Wegweiser oder Sackgasse?« (1997), sowie von Dokumenteneditionen.

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