Lege ich die Kamera zur Seite und helfe bei der Rettung?

Als Journalist an Bord eines Flüchtlingsrettungsschiffes kommt man um einige Konflikte nicht herum

  • Von Sebastian Bähr
  • Lesedauer: 6 Min.

Aus dem kleinen Bugfenster heraus sehe ich den Mond. Mein Zimmernachbar, ein Pariser Tonmann, der für einen französischen Privatfernsehsender arbeitet, betritt die Fünf-Quadratmeter-Kabine und macht sich bettfertig. Die Besatzung des Flüchtlingsrettungsschiffes »MS Aquarius« der Rettungsorganisation SOS Méditerranée hat an diesem Tag 252 Menschen aus zwei Schlauchbooten gerettet.

Seit sechs Uhr in der Früh waren wir auf den Beinen. Ich frage den französischen Kollegen, wie sein Tag war. »Wir haben starke Emotionen eingefangen, besonders von den Frauen«, sagt er mir mit dem Lächeln eines Medienprofis. Ich zucke zusammen. Der Tonmann hat viele Stunden mit seiner Kollegin, einer französischen Kamerafrau, im Schutzraum der Frauen und Kinder verbracht. Immer wieder haben sie die zum Teil noch Minderjährigen gefilmt, während sie sie über ihre Schreckenserfahrungen in der Sahara, in Libyen und auf den überfüllten Schlauchbooten befragt haben. Berichte über Vergewaltigungen und Folter waren keine Seltenheit. Dass die Flüchtlinge nur wenige Stunden, nachdem sie knapp dem Tod entronnen waren, ihre schmerzlichen Erinnerungen erneut durchleben mussten, war offenbar nebensächlich. Was mir durch den Kopf geht: »Ihr habt also für eure Reportage endlich das Tränenmeer bekommen, das ihr so verzweifelt gesucht habt.« Doch so einfach ist es nicht.

Die Wartung der »MS Aquarius« ist teuer. Rund 400 Flüchtlinge passen auf das Schiff, 11 000 Euro kostet ein einzelner Tag auf See. Eine Krankenstation, Hafengebühren, Ausrüstung, Treibstoff, zwei Schnellboote und eine zumindest teilweise professionelle Besatzung müssen durch Spenden der Zivilgesellschaft finanziert werden. Medien nehmen in der Arbeit der dahinterstehenden Organisation eine Schlüsselrolle ein. Regelmäßige Berichterstattung über Einsätze, Crew und Gerettete bringt öffentliche Aufmerksamkeit, die wiederum die notwendigen Geldspenden generiert. Aus diesem Grund sind auf der »MS Aquarius« vier der 30 wertvollen Besatzungsplätze für Journalisten vorgesehen. Neben mir fuhren im September 2016 das besagte französische Filmteam und eine bekannte BBC-Radiojournalistin mit. Verantwortlich für uns waren eine Medienkoordinatorin des anwesenden Teams von »Ärzte ohne Grenzen« sowie ein Medienkoordinator der Rettungsorganisation.

SOS Méditerranée bestimmte an Bord regelmäßig, welche Journalisten bei den Rettungseinsätzen auf die Schnellboote dürfen. Fotos von Rettungen auf offener See und des Erstkontaktes mit einem Schlauchboot zu machen, war am begehrtesten. Die Abhängigkeit der Journalisten von der Besatzung war offensichtlich. Gleichzeitig lebte man für meist mehrere Wochen auf engstem Raum zusammen, aß zusammen, machte zusammen Sport. Während der anstrengenden Rettungseinsätze durchlebten alle Beteiligten kollektiv starke Emotionen. Wir alle waren, sei es nun bei der Arbeit oder im persönlichen Umgang, auf ein Mindestmaß gegenseitigen Wohlwollens angewiesen. Es ist nicht abwegig, hierbei von einer speziellen Form des »embedded journalism« zu sprechen - einer von starker Nähe zu den Protagonisten geprägten Berichterstattung, die beispielsweise auch bei Medienschaffenden anzutreffen ist, die in Afghanistan über die Bundeswehr berichten.

An Bord, aber auch in der Zeit nach dem Einsatz, ergeben sich für einen Journalisten dadurch verschiedene Konflikte. Zum einen gibt es die Anforderungen des Auftraggebers, denen es nachzukommen gilt und die gegebenenfalls auch im Widerspruch zu eigenen moralischen Ansprüchen stehen können. Selbst wenn ein Journalist es für pietätlos halten würde, die Leiche eines Kindes zu dokumentieren, so kann es sein, dass genau dies in dem jeweiligen Format erwartet wird. Während meiner Zeit an Bord filmte das französische Kamerateam eine Geburt, obwohl Ärzte ohne Grenzen dies kritisierte. Die Frage, ob die Arbeit oder die persönliche Integrität im Vordergrund steht, kann nur individuell beantwortet werden.

Überdies ergibt sich die Frage, inwieweit Journalisten bei den alltäglichen Arbeiten partizipieren - bis hin zu den Rettungseinsätzen. Spätestens, wenn die erschöpften und kranken Flüchtlinge an Bord gebracht werden und jede helfende Hand benötigt wird, müssen sie sich entscheiden: Behalten sie die Kamera in der Hand oder legen sie sie zur Seite? Journalisten können zwar zuvor entscheiden, dass sie auch in Extremsituationen die unbeteiligte Beobachterrolle beibehalten - wie sie dann in eben jenen Situationen konkret handeln, können sie aber nur schwer vorhersehen.

Journalisten stehen vor der Schwierigkeit, dass die Tragödie auf dem Mittelmeer mit allein im Jahr 2016 über 5000 erfassten Toten nur noch bedingt einen Neuigkeitswert verspricht. Viele Geschichten wurden bereits erzählt, nur die Namen, Details und Zahlen ändern sich. Es scheint, als hätte sich ein Teil der europäischen Öffentlichkeit mit dem Massensterben abgefunden, ein anderer scheint keine Bilder von Menschen mit verzweifelten Gesichtern auf Schlauchbooten mehr sehen zu wollen. Hilflosigkeit, verdrängte Schuldgefühle, überflüssiges Pathos in den Reportagen sowie eine polarisierte Asyldebatte mögen bei vielen Zuschauern und Lesern zu einer Abwehr führen. So schaffen es nur noch wenige Filmaufnahmen und Geschichten, das mediale Rauschen zu durchbrechen und bei Rezipienten Empathie hervorzurufen. Meist sind es die drastischen, grausamen Bilder mit vielen Toten.

Medienschaffende stehen auch vor der Herausforderung, positive oder negative Stereotypisierung zu vermeiden, ohne gleichzeitig die eigenen Erfahrungen an Bord zu verzerren. So mag der Anspruch eines progressiven Mediums sein, aus afrikanischen Ländern stammende Flüchtlinge nicht grundsätzlich als ungebildet zu porträtieren. In meinem Fall wussten jedoch viele Geflüchtete nicht, dass sie mit ihren Schlauchbooten über ein Meer gefahren sind oder was in Europa auf sie wartet. Wecken Bilder von vor Freude tanzenden Flüchtlingen unbewusste rassistische Assoziationen? Wie berichtet man über jenen einen Flüchtling an Bord, der mit einem Messer bewaffnet von anderen Geld einsammelt?

Das Verhältnis untereinander an Bord ist nicht einfach. Mit dem eigenen Wissen können Journalisten schnell selbst zu handelnden Figuren werden und Lebenswege beeinflussen. Wer zu freundlich ist, kann Hoffnungen wecken, die später nicht eingelöst werden können. Als mich Frauen aus Nigeria, bei deren Rettung ich anwesend war, fragten, ob sie mit mir nach Deutschland kommen können, fiel mir eine Antwort schwer.

Während der Rettungseinsätze sind Journalisten zudem - wie auch der Rest der Crew - vor traumatischen Erfahrungen nicht geschützt. Ich hatte Glück. Die drei Rettungseinsätze, die ich miterlebt habe, haben alle Flüchtlinge überlebt. Nicht immer geht es so glimpflich aus. Der Berliner Fotograf Christian Ditsch war rund einen Monat nach mir auf dem Rettungsschiff »Sea Watch 2« im Einsatz. In einem Schnellboot näherte sich die libysche Küstenwache - in internationalen Gewässern - während einer Rettungsmission und schlug vor den Augen der Besatzung auf die in einem Schlauchboot zusammengepferchten Flüchtlinge ein. Viele der Insassen sprangen in Panik ins Wasser, rund 30 Menschen starben an diesem Tag. »Ich kann nicht wirklich in Worte fassen, wie es ist, wenn man hilflos zusehen muss, wie Leute ertrinken, weil der Wind Schwimmwesten nicht weit genug fliegen lässt«, schreibt Ditsch kurz darauf in seinem Blog. Nach der Rückkehr wundert er sich, wie »normal« der Anblick von Leichen in so kurzer Zeit für ihn geworden ist.

Während meiner Zeit an Bord der »MS Aquarius« musste eine BBC-Journalistin eine andere bittere Erfahrung machen. Mit ihren Live-Podcasts über die Rettungsmissionen und Flüchtlingsgeschichten konnte sie Hunderttausende britischer Zuhörer erreichen und bekam dafür viel Zuspruch. Gleichzeitig machte sie aber eine Erfahrung, die sie in ihrer Karriere so noch nicht gemacht hatte: Über das Internet wurden ihr Dutzende Mord- und Vergewaltigungsdrohungen zugespielt. Unter nicht wenigen britischen Rassisten galt sie fortan als lügende »Komplizin« der Flüchtlinge. In verschiedenen Beiträgen versuchte sie, rational auf die Vorwürfe einzugehen. Doch die Zahl der Hassbotschaften nahm nicht ab. Unter Kollegen darüber zu sprechen, vermochte etwas zu helfen. Uns beiden wurde dabei deutlich: Unabhängig davon, ob man als Flüchtling, Freiwilliger oder Journalist auf einem Rettungsboot landet - die Reise hinterlässt in jeder Biografie ihre Spuren.

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