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In türkischer Haft - nur in Badehose

Wie Martin Leidenfrost im nördlichen Teil Zyperns unter Terrorverdacht geriet

  • Von Martin Leidenfrost
  • Lesedauer: 4 Min.

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Neulich verbrachte ich einen Nachmittag in Gewahrsam von Polizei, Militär und Geheimdienst. Eigentlich wollte ich bloß eine Länge im Mittelmeer schwimmen, und zwar vor der Geisterstadt Varosia, die vor 1974 der zyprische Spitzenbadeort mit 10 000 Gästebetten gewesen war. Varosia, von der türkisch besetzten Republik Nordzypern als Tauschobjekt für eine etwaige Wiedervereinigung Zyperns gehalten, ist militärisches Sperrgebiet.

Auf dem belebten Strandstück vor dem Absperrzaun, beim Hotel »Palm Beach«, schritten zwei Polizisten gegen eine Gruppe Russen in Badekluft ein. Ich fragte den Polizisten, der soeben die Geisterstadt-Fotos vom Handy eines Russen löschte: »Darf ich hier schwimmen?« Er sagte: »No foto, swim ok.« Ich schwamm beherzt los, stets einen schönen Respektabstand zu Varosia haltend. Ich sah Hotelgerippe mit Schmalseite zum Meer, in den jüngeren Hochhäusern waren manchmal noch Fenster drin. Der goldgelbe Sandstrand, vor dem einst Liz Taylor mit halboffenem Kussmund posiert hatte, war gänzlich weggespült. Oje, dachte ich, diese schattige, viel zu eng betonierte Promenade - für eine touristische Wiederbelebung sehe ich schwarz.

Die Sonne schien, ich schwamm weit. Dann sah ich im ausgestorbenen Varosia vier Uniformierte stehen. Sie fuchtelten unbegreifliche Botschaften zu mir her. Ich gab fuchtelnd zurück, dass ich brav zum »Palm Beach« zurückschwimmen würde. Dort erwarteten sie mich nachher. Ich wurde in der Badehose verhört. Einer sagte: »Das sieht mindestens nach einer Nacht in der Zelle aus.« Ich zog mich unter Aufsicht an. Meine Lage verschlechterte sich, als die Polizei meine Reisetasche öffnete. Zwischen Mandarinen purzelte mein Selbstbriefing heraus, Karten und Zeitungsartikel über die Genfer Zypernverhandlungen, mit Leuchtstift bearbeitet. Ein Polizist mit buschigem Schnauzer stöhnte triumphierend auf. Ich hörte aus seinem Türkisch das Wort »Terrorist« heraus. Ich protestierte ehrlich entrüstet.

Sie fuhren mich in die Kaserne um die Ecke. Paradoxerweise drang ich erst dank ihnen in das Innere der verbotenen Stadt vor - der hintere Teil von Varosia war ein gepflegter Kasernenpark der türkischen Armee. In der Heimat durch Putsch, Terror und Gülen-Säuberung gefährdet, brachten mir die türkischen Soldaten deutlicheres Misstrauen entgegen als die meisten beteiligten Zyperntürken. Sie beugten sich lange über ein Papier und malten eine Skizze meiner Schwimmbewegungen. Ich erklärte ihnen meine Arbeit: »Ich war in den Zitrushainen von Güzelyurt, davor war ich in Polen, weil ...« - »Das wissen wir schon.« Meine Lage verschlechterte sich weiter: Der verhörende Jungoffizier fragte mich, welcher Polizist mir das Schwimmen erlaubt hätte: »Heute haben nur vier Dienst. Alle vier sind in diesem Raum.« Nun ließ mich mein Gedächtnis im Stich. Ich schwankte zwischen zwei Gesichtern. Der eine hatte mich immer furchtsam angestarrt, der andere hatte mir schmunzelnd ein türkisches Wort für Mandarine vorgesagt - »Turuncu.« Ich brachte es nicht übers Herz, auf einen der beiden zu zeigen. »Ha,« rief der Buschschnauzer, »Sie haben gelogen!« Ich wurde von zwei ernsten Männern in Zivil hinausgeführt.

Einer der beiden war jung, unter der eng taillierten Lederjacke trug er einen weinroten Rolli und einen kunstvoll verknoteten Schal. Ich versuchte die Stimmung aufzulockern, indem ich die ungewöhnlich gute Erhaltung der Kirche im Kasernenpark lobte. Mustafa blickte in conditio-humana-versunkener Nachdenklichkeit an sich runter.

Ich kam ins Polizeihauptquartier, zum Geheimdienst, Abteilung Politik. Dort war es gleich netter. Coole, gut aussehende, stoppelbärtige Kerle wie aus einem Italo-Krimi. Sie schauten Fußball. Einer brachte Bananen, gab auch mir eine ab. Ich fragte, ob ich denn verhaftet sei. Man antwortete mir mit einer schwebenden Geste. Noch am Strand hatte man mich angewiesen, mein Handy »noch nicht« zu benutzen. Ich schaltete es auf dem Klo ein, schickte der Frau eine SMS, da klopfte Mustafa auch schon. Es dämmerte.

Am Ende eines Nachmittages, an dem ich zur Sicherung von insgesamt 17 nordzyprischen Arbeitsplätzen beitrug, stellte sich mir ein kerniger Mittfünfziger als Chef vor, als »Kapitan«. Er zeigte selbstironisch auf seine Wampe im Trainingsanzug: »Ja, Kapitan, sieht man das etwa nicht?« Er verkündete, dass ich gehen durfte. »Sie sind nun online vorgemerkt, schwimmen Sie dort also kein zweites Mal!« Das versprach ich gerne.

Rosa - Dietz-Verlag

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