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Ein »Conflict Barometer« der Kriege

Heidelberger Friedensforscher haben 2016 weltweit 226 bewaffnete Auseinandersetzungen erfasst

Es ist ein fast schon verzweifelter Appell des Flüchtlingskommissariats der Vereinten Nationen (UNHCR): Seit etwa zwei Jahren tobe der Krieg in Jemen, mit verheerenden Folgen für die Zivilbevölkerung. Über zwei Millionen Menschen wurden bisher aus ihren Dörfern und Städten vertrieben, über 18 Millionen sind auf humanitäre Hilfe angewiesen. Die anhaltende Gewalt hat die Infrastruktur und die Versorgung nahezu vollständig kollabieren lassen. In vielen Landesteilen hungern die Menschen. Trotz eines immensen Bedarfs aber sei die UNHCR-Hilfe dramatisch unterfinanziert, denn 94 Millionen Euro werden benötigt und nicht einmal 700 000 Euro sind bislang geflossen.

Und Jemen ist nur ein Beispiel für eine kriegsgeplante Welt, die mehr denn je aus den Fugen zu geraten scheint. Dabei hat das Heidelberger Institut für Internationale Konfliktforschung (HIIK), das seit 1990 inner-, zwischen-, trans- und substaatlicher Konflikte global dokumentiert und auswertet, gemäß seiner Kriterien im Vorjahr sogar einen Krieg weniger und damit 18 erfasst; die Zahl der begrenzten Kriege sank danach um vier auf nunmehr 20.

Doch zeigen insgesamt 402 Konflikte, von denen 226 mit Gewalt ausgetragen wurden, dass man nicht von einer wirklichen Trendwende sprechen kann. Im Nahen und Mittleren Osten sowie in der Maghreb seien zudem zwei neue Kriege in die Statistik aufgenommen worden, so die Wissenschaftler, die am Freitag ihr Conflict Barometer 2016 vorlegten.

In Syrien kam es im Vorjahr trotz des gemeinsamen Kampfes gegen die Regierung von Präsident Assad wie gegen den Islamischen Staat (IS) auch zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen oppositionellen Gruppen und islamistischen Gruppierungen wie Jabhat al-Nusra. In Jemen führten Gebietseroberungen und gegenseitige Angriffe zwischen der islamistischen Organisation Al Qaida auf der arabischen Halbinsel (AQAP) und Militäreinheiten der Regierung zu einer Eskalation des seit 1992 bestehenden Konfliktes, der durch das Eingreifen einer von Saudi-Arabien geführten Allianz eine neue Dimension gewann. Ihre Luftangriffe erhöhten die Zahl der Kriegsopfer drastisch. Seit Beginn des Bürgerkrieges sind in Jemen laut offiziellen Angaben mindestens 10 000 Menschen getötet worden.

Während 16 weitere Kriege nach Einschätzung der Friedensforscher mit unveränderter Gewaltintensität ausgetragen worden seien, deseskalierte u.a. jener auf den Philippinen. Wie in der Vergangenheit wurden auch 2016 in der Sub-Sahara-Region die meisten hochgewaltsamen Konflikte ausgetragen. Insgesamt kam es in acht der 48 afrikanischen Staaten zu Gefechten und Anschlägen, die hohe Todes- und Flüchtlingszahlen zu Folge hatten. Die Bürgerkriege im sudanesischen Darfur und Somalia etwa hielten auch nach über zehn Jahren unvermindert an. Der islamistischen Al-Shabaab-Miliz gelang es, in Teilen Somalias die Kontrolle wiederzuerlangen, obwohl die Regierung militärische Unterstützung von den USA, der EU und der Afrikanischen Union erhielt.

Neben dem anhaltenden Kriegszustand um die terroristische Gruppierung Boko Haram in Nigeria und anliegenden Staaten fassten die Wissenschaftler dabei die Aktivitäten der islamistischen Gruppierung Al Qaida im islamischen Maghreb (AQIM) in Mali, Niger, Burkina Faso sowie Ländern des Maghreb zu einem weiteren transstaatlichen Konflikt zusammen. In der Region Naher und Mittlerer Osten sowie Maghreb war Syrien mit gleich drei kriegerischen Auseinandersetzungen am stärksten betroffen. Dort wurden seit Kriegsbeginn nach UN-Angaben über 400 000 Menschen getötet, fast zwölf Millionen sind im In- und im Ausland auf der Fluch. Der Kampf gegen die Taliban und weitere islamistische Gruppen in Afghanistan forderte 2016 mindestens 11 400 zivile Todesopfer.

Die Region Asien und Ozeanien zählte mit 123 die meisten der 2016 beobachteten Konflikte, wobei viele auf einem nicht- oder gering gewaltsamen Level stattfanden. In Pakistan jährte sich der Krieg zwischen islamistischen Gruppen und der Regierung zum zehnten Mal. Zudem verschlechterten sich die diplomatischen Beziehungen zwischen Pakistan und Indien und es kam erneut zu gewaltsamen Auseinandersetzungen in der Grenzregion Kaschmir.

In Nord- und Südamerika haben die Heidelberger Friedensforscher den Drogenkonflikt zwischen mexikanischen Kartellen und der Regierung des Landes weiterhin als einzigen Kriegszustand beobachtet. Weitere hochgewaltsame Konflikte fanden laut ihrer Analyse 2016 in El Salvador, in Brasilien, wo Kämpfe zwischen Sicherheitskräften und Drogenorganisationen zu über 400 Toten führten, und in Kolumbien statt. Dort sank der Konflikt zwischen der Guerillabewegung FARC und der Regierung in Bogota mit den Friedensverhandlungen allerdings auf ein gering gewaltsames Niveau ab, während jener mit der Nationalen Befreiungsarmee ELN zum begrenzten Krieg eskalierte. Inzwischen gibt es auch hier Friedensgespräche.

In Europa blieb es nach Einschätzung des Heidelberger Instituts auch 2016 bei nur einem hochgewaltsamen Konflikt - den anhaltenden Kriegszustand in der ukrainischen Donbas-Region. Aber auch für den statistisch gesehen friedlichsten Kontinet gilt: Jeder Krieg ist einer zu viel. Zumal die Forscher in den USA, die mit einer symbolischen »Weltuntergangsuhr« verdeutlichen, wie nahe die Menschheit der Zerstörung des Planeten kommt, gerade den Zeiger der Doomsday Clock von drei Minuten vor Mitternacht weiter um eine halbe Minute vorgerückt haben. Als Grund nennen die Wissenschaftler, darunter 15 Nobelpreisträger, »den Anstieg eines schrillen Nationalismus weltweit, die Äußerungen von Präsident Trump zu Atomwaffen wie zum Klimawandel und eine verschlechterte weltweite Sicherheitslandschaft«.

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