Werbung

Ich war Old Shatterhands Schatten

Damals auf dem Sofa

  • Von André Niekisch
  • Lesedauer: 2 Min.

Meine Oma schlief immer ein, wenn im Fernsehen Karl-May-Filme liefen. Wenn Winnetou und Old Shatterhand dem Bösen und Üblen unter der Sonne hinterherjagten, um es zur Strecke zu bringen, saßen wir immer zusammen auf dem Wohnzimmersofa. Aber noch bevor sich der erste Fiesmensch auf der Mattscheibe sehen ließ, war zuerst ihr Kopf, dann ihr ganzer Körper zur Seite gesackt, wie ein von Indianerpfeilen durchbohrter Treck-Kutscher, und ihr Schnarchen dröhnte lauter als die ersten Explosionen im Film.

Ich gab es irgendwann auf, sie zu wecken. Sollte sie doch die spannendsten Szenen - das Verrecken des üblen Santer, das Zusammenbrechen des Stollens am Silbersee samt ertrinkender Banditen, das tapfere Dahinscheiden des großen Winnetou - verpassen! Ich genoss den Blick auf weite jugoslawische Filmlandschaften, durch die später Milosevics Todeskommandos zogen, um ihr serbisches Großreich ethnisch rein zu bekommen. Das Blut, das bei Winnetou floss, war bloß Ketchup, wie auf Pommes frites, jeder Kampf noch von aufrichtiger männlicher Verwegenheit geprägt. So männlich musste man selbst erst einmal werden!

Ich war Old Shatterhands Schatten, stand an seiner Seite, hielt ihm den Rücken frei, wenn es wieder mal ums Ganze ging, wenn der große blonde Held mit seinem Bärentöter auf die Knie des Gegners zielte. Immer aufs Knie zielen, hieß die Devise bei Karl May, der mich in seinen Abenteuerromanen aus einem alten Schwarzweiß-Porträt grüßte, ganz unheroisch, in Anzug, mit steifem Hemdkragen. Man sollte den Feind nicht töten, sondern ihm die Chance lassen, sich zu läutern. Old Shatterhand ging es nicht ums Killen, sondern darum, das Gute in die Welt zu tragen, auf dass sie am deutschen Wesen genese.

Später begriff ich, dass Mays Ansatz eigentlich ein pazifistischer war. Mit 17 wollte ich dann dem Feind, der damals ein Russe war, weder ins Knie noch sonstwohin schießen. Ich verweigerte den Wehrdienst - womit meine Oma, die immer »Wehrmacht« mit »Bundeswehr« verwechselte, ihrerseits einige Probleme hatte.

All das war aber noch Jahre entfernt, als ich mit ihr auf dem Sofa saß, neben Old Shatterhand herritt und dem hinterhältigen Mörder Winnetous den Tod an den Hals wünschte, der ihn dann dank einer wahren Armada durch die Luft schwirrender Speere auch ereilte. Das war völlig okay. Hier sah auch ich keine Chance mehr auf eine Läuterung des schlimmsten aller Halunken.

Wenn der Abspann über den Bildschirm lief, wachte meine Oma meistens mit einem lauten Schrei auf. Ich hatte ihr gerade ins Knie geschossen.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser:innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede:n Interessierte:n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor:in, Redakteur:in, Techniker:in oder Verlagsmitarbeiter:in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung