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»Man muss viele unwichtige Fragen wichtig nehmen«

LINKE-Frontmann Willi van Ooyen zieht sich mit 70 Jahren aus der Landespolitik zurück

  • Von Hans-Gerd Öfinger, Wiesbaden
  • Lesedauer: 3 Min.

Am Donnerstag hatte Willi van Ooyen wenig Zeit für große Feiern. Weil sein 70. Geburtstag mit einer Sitzung des hessischen Landtags zusammenfiel, saß er von früh bis spät diszipliniert im Plenarsaal und nahm die Glückwünsche anderer Parlamentarier am Arbeitsplatz entgegen. Diesen Tag hatte er aber auch gewählt, um seinen Abschied aus der Landespolitik anzukündigen. Der Jubilar will sein Mandat offiziell Mitte April niederlegen und sich dann wieder voll auf das Feld konzentrieren, das bis 2008 sein Leben bestimmte: außerparlamentarische Bündnisarbeit und Friedensbewegung. Den Frankfurter Ostermarsch am 17. April wird van Ooyen wieder als außerparlamentarischer Aktivist mitgestalten.

Der gelernte Elektriker, der seinen Beruf in einem Ausbesserungswerk der Bundesbahn in Krefeld erlernte, war in den 1960er Jahren durch die damalige Lehrlingsbewegung und die Ostermärsche politisiert worden. 1971 geriet er wegen eines Aufrufs zum vermeintlich illegalen Streik von Zivildienstleistenden in das Visier der Ermittlungsbehörden, das Verfahren wurde jedoch eingestellt. Später studierte er in Frankfurt am Main Pädagogik und Geschichte. In der Bankenmetropole organisierte er Proteste gegen den Vietnamkrieg, den Radikalenerlass und den Militärputsch in Chile mit. Er war jahrelang Bundesgeschäftsführer der 1990 aufgelösten Deutschen Friedensunion (DFU) und wirkte ab Ende der 1970er Jahre als treibende Kraft beim Wiederaufleben der westdeutschen Friedensbewegung mit ihren Großdemonstrationen. Ebenso engagiert er sich bis zum heutigen Tag für die internationale Vernetzung von Sozialforen und Antikriegsbewegung.

»Parlamentarische Arbeit ist sehr kräftezehrend und lenkt mitunter vom außerparlamentarischen Engagement ab. Man muss viel Papier bewältigen und viele unwichtige Fragen wichtig nehmen«, sagt van Ooyen gegenüber »nd«. Allerdings habe die Fraktion auch wichtige Ressourcen für außerparlamentarische Politik zur Verfügung gestellt und als deren Sprachrohr fungiert. So debattierte das Parlament vor wenigen Wochen auf Antrag seiner Fraktion über den jüngsten hessischen Busfahrerstreik. Für viele Gewerkschafter im Land ist die Linksfraktion ein wichtiger Ansprechpartner im Landesparlament geworden.

Dass der damals parteilose Willi van Ooyen im Herbst 2007 überraschend zum Spitzenkandidaten der neu gegründeten LINKEN für die Wahl 2008 gekürt wurde, war innerparteilichen Turbulenzen geschuldet. Zuvor war der für diesen Platz vorgesehene Ex-DGB-Landeschef Dieter Hooge überraschend dem Marburger Stadtverordneten Pit Metz unterlegen, der jedoch bald wieder aufgab. Seit 2008 ist die Partei kontinuierlich mit einer sechsköpfigen Fraktion im Landtag vertreten. Hessen ist damit bislang das einzige größere westliche Flächenland, in dem DIE LINKE dreimal in Folge die Fünfprozenthürde übersprungen und den Einzug in den Landtag geschafft hat. Umfragen räumen der Partei im Land derzeit acht Prozent ein. Gleichberechtigte Fraktionsvorsitzende neben Willi van Ooyen ist seit 2009 die 35-jährige Janine Wissler.

Als Nachrücker auf der Landesliste steht der 36-jährige Marburger Stadtverordnete Jan Schalauske bereit, seit Ende 2014 Landesvorsitzender der Partei. Im Parteiumfeld geht man davon aus, dass sich Schalauske in Wiesbaden rasch in die Landespolitik einarbeiten wird. Bei der nächsten Landtagswahl im Spätherbst 2018 könnte er dann mit Wissler eine neue, verjüngte Doppelspitze bilden.

Van Ooyen jedenfalls hält viel von seinem Nachrücker. Er sei »ein kluger und engagierter Mensch, der in der Partei viel Resonanz gefunden hat«. Schalauske ist Chef der Linksfraktion im Rathaus der mittelhessischen Universitätsstadt, die als hessische Hochburg der Partei gilt. 2015 errang er als Oberbürgermeisterkandidat seiner Partei mit 9,7 Prozent einen Achtungserfolg.

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