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Das dramaturgische Potenzial des bösen Imam

»Mit der Lizenz zum Beten«: Bernd Zeller untersucht die Figur des spionierenden Geistlichen auf Stoff für Kultur und Unterhaltung

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In unserem heutigen Bericht können wir uns endlich mal wieder mit einem erfreulichen Aspekt befassen, und zwar aus dem Bereich Kultur und Unterhaltung. Hatte es nach dem Ende des Kalten Krieges keinen Stoff mehr für spannende Agententhriller gegeben, könnte dieser Mangel nun behoben sein, da die Türkei Imame zum Ausspionieren von als feindlich eingestuften Personen und Aktivitäten nach Deutschland geschleust haben soll. Die tatsächlichen Einzelheiten brauchen uns hier nicht zu interessieren, es geht allein um die dramaturgische Verwertbarkeit des Stoffes.

Und der ist sehr ergiebig, wenn er von den richtigen Autoren bearbeitet wird. Der Titel »Der Imam, der aus der Kälte kam« bietet sich an, um das Genre zu eröffnen. Es könnte endlich das gelingen, woran sich die Sendeanstalten beim »Tatort« schon lange abmühen, nämlich, eine Verbindung von Spannung und Toleranz zu erzeugen und zu vermitteln. Die Imam-Figur ist dann nicht einfach ein Geistlicher, sondern der Spion mit der Lizenz zum Beten.

Wir als Zuschauer können mitfiebern mit dem Agenten im Auftrag des Sultans, einer an Erdogan angelehnten Figur. Er muss die Welt vor dem Erzbösewicht retten, in der ersten Folge muss dieser dem Prediger Gülen entsprechen, der die Herrschaft an sich reißen will. Dann gibt es die zwielichtige Kanzlerin, von der man nicht weiß, auf wessen Seite sie steht oder ob sie einen Spion im Kanzleramt beherbergt. In der Realität ist das natürlich nicht so; Merkel hat noch einmal nachgeguckt, da ist keiner.

Die Figur des Agenten-Imams muss natürlich über besondere Fähigkeiten verfügen, wobei die Grenzen des Realistischen großzügig ausgelegt werden dürfen. Das verlangt das Publikum. Da wäre seine Befähigung, in verschiedene Identitäten zu schlüpfen, auch in solche, die eigentlich viel jünger sind, noch im Kindesalter etwa. So kann er bei drohender Enttarnung entkommen oder im Falle, dass er bei einer notwendigen, aber illegalen Tätigkeit in die Fänge unserer Justiz gerät, von einem milden verständnisvollen Organ der Rechtspflege gleich wieder in die unwirtliche Freiheit hinauskomplimentiert werden. Seine Mehrfachidentitäten machen auch plausibel, woher sein Geld kommt.

Zu den erstaunlichen Kompetenzen eines Thriller-Agenten gehört, wie er Verletzungen wegsteckt, die einen normalen Bürger mindestens kampfunfähig machen würden. Unsere Identifikationsfigur kann aufgrund seiner mentalen Überlegenheit sämtliche Angriffe überstehen, indem er sich bewusst macht, dass das Risiko äußerst gering war und die Gefahr eines Verkehrsunfalls viel größer ist. In der Story lässt sich dies anschaulich darstellen, indem er einen Terrorakt vielleicht nicht gleich verhindert, aber dezent übergeht und weiterarbeitet wie bisher. So macht man eine Figur bewundernswert.

Der Erwartung des Publikums muss man entsprechen, indem er nicht nur erstaunliche technische Geräte ausgehändigt bekommt, sondern sie auch mühelos bedienen kann, was auf mehrere Facharbeiterqualifikationen schließen lässt.

Die Fähigkeit, zwischen Islam und Islamismus zu unterscheiden, ist Standard, das ist nichts Besonderes, muss aber natürlich auch zur Geltung kommen.

Wir sehen, Religion kann spannende Seiten haben, wenn sie nur storytechnisch geschickt dargestellt werden.

Davon konnte Marx noch nichts ahnen, als er Religion als Opium des Volkes unter Generalverdacht stellte. Ebenso konnte er nicht vorhersehen, dass die Legalisierung der Drogen in Konkurrenz zum Religiösen treten würde, so dass die Religion wiederum verstärkt Anwerbung betreiben muss, auch unter Inkaufnahme von fehlgeleitetem Verständnis ihrer Botschaften. Junge Menschen lassen sich begeistern, wenn sie nicht nur glauben sollen, sondern zugleich spionieren dürfen. Westliche Geheimdienste haben nur Geld zu bieten. Die Kundschafter des Friedens wiederum hätten sich an der unsichtbaren Front als Imame tarnen können.

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