Von Karlen Vesper

Wo blieben die Flüche?

Gesine Lötzsch hat Episoden und Anekdoten aus ihrem Politikerleben niedergeschrieben

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Nach einer Gemahlin des Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm, Dorothea, heißt die ehemalige Clara-Zetkin-Straße seit 1995. An eine Vorkämpferin für Frauenemanzipation mochte die Bundestagsmehrheit nicht täglich erinnert werden.

Sie ist ein Profi. Im Politikgeschäft. Sie hat viel erreicht. Und viel einstecken müssen. Man erinnere sich an das Geschrei und Gezeter, als sie es wagte, in der Zeitung »Junge Welt« über »Wege zum Kommunismus« nachzudenken. »Der latente Antikommunismus in unserem Land brach wie eine Lawine über mich herein«, erinnert sich Gesine Lötzsch. Die CSU forderte sogleich eine flächendeckende Überwachung der LINKEN, deren Vorsitzende sie damals war. Und der Generalsekretär jener Partei, die sich demagogisch christlich-sozial nennt, gar ein Parteiverbot. Was hierzulande - dank feiger Verfassungsrichter - gegen stramme Antisemiten, Antidemokraten und Antieuropäer, kurzum: die NPD, nicht möglich ist. Selbst aus den Reihen der eigenen Genossen schlug ihr damals heftige Kritik entgegen, obwohl sie nicht zur Weltrevolution aufrief, sondern lediglich angesichts des großen Finanzcrashs über antikapitalistische Alternativen sinnierte. Was damals gar das Zentralorgan des deutschen Großkapitals und der Großagrarier, die FAZ, tat.

Oder man denke an die Entrüstung in den Medien und in Parteiführungsetagen, als Gesine Lötzsch und Klaus Ernst als Spitzenduo der LINKEN Fidel Castro zum 85. Geburtstag ein Telegramm schickten. »Hat der Spiegel die Glückwünsche der Kanzlerin hinterfragt?«, fragt Lötzsch. Man schmunzelt mit ihr, dass ausgerechnet der »Spiegel« fünf Jahre später den »Maximo Líder« mit einem 122-seitigen Sonderheft würdigte: »Nach der Revolution von 1959 galt er vielen Menschen als Hoffnungsträger, der eine gerechte Gesellschaft versprach. Einiges ist ihm gelungen, die Alphabetisierung der Bevölkerung etwa und eine Gesundheitsversorgung für alle.«

Ad drei: Welch schofeliges, schlicht unkollegiales Verhalten wurde Gesine Lötzsch und Petra Pau im Hohen Haus zuteil, als die PDS 2002 nicht wieder in den Bundestag einzog! Die beiden Direktmandatinnen mussten gar um einen Katzentisch kämpfen. Obendrein frohlockte der - Parteienpluralismus gern beschwörende - Ex-Bürgerrechtler und nunmehrige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse über das Verschwinden einer Partei, die gleichen Wurzeln entspross wie seine sozialdemokratische. Dagegen ist dessen Amtsnachfolger zu loben: Als Lötzsch nach der Rede von Wolfgang Schäuble zum Haushalt 2017 als Vertreterin der größten Oppositionspartei an das Rednerpult trat, verließ die Hälfte der Bundesminister und Parlamentarischen Staatssekretäre sowie der CDU/CSU-Fraktion den Saal. Und Frau Merkel schwatzte despektierlich. »Deutlicher kann man kaum sein Desinteresse an einer politischen Debatte bekunden«, vermerkt Lötzsch. Norbert Lammert rief dann die Bundeskanzlerin zur Ruhe und Räson. »Ich habe schon häufiger erlebt, dass Menschen sich eher über das schlechte Verhalten von Politikerinnen und Politikern empören als über die schlechte Politik«, so Lötzsch.

Beim Lesen solcher Episoden fragt man sich: Warum tut die Frau sich das alles an? Jahr um Jahr. Man erfährt es aus anderen Geschichten. Die von dankbaren Wählerinnen und Wählern berichten, von Freude und Erkenntnisgewinn bei Begegnungen landauf, landab. Spürbar ist der Stolz auf Erreichtes, leider mehr im Kleinen als im großen Ganzen. Aber immerhin rollte der »Zug der Erinnerung«, eine von Beate Klarsfeld mitinitiierte Ausstellung über die 11 000 von der Deutschen Reichsbahn aus Frankreich in die NS-Vernichtungslager deportierten jüdischen Kinder, trotz störrischen Widerstandes der Deutschen Bahn schließlich doch durch bundesdeutsche Bahnhöfe. Und die kyrillischen Inschriften im Reichstag blieben ungeachtet ewig gestriger Krieger. Woraufhin sich eine ukrainische Schulklasse freuen konnte, weil sie die Botschaft eines Rotarmisten aus Charkow entdeckte. Allerdings sind einige »Russen-Graffiti« eliminiert worden, wie Veteranen der Roten Armee beklagten: »Wo sind die Flüche geblieben?«

Zu den kleinen und größeren Siegen gehört, dass Berlins erster Nachkriegskommandant Nikolai Bersarin wieder Ehrenbürger und Professor Dathes Tierpark in Lötzschs Wahlkreis nicht dichtgemacht wurde. Enttäuschungen und Niederlagen gab es indes auch zuhauf, beispielsweise gegen den Privatisierungswahn öffentlicher Güter und Infrastruktur. Und die Clara-Zetkin-Straße unweit des Bundestags, benannt nach der international geachteten Frauenrechtlerin, Mitinitiatorin des Frauentages und letzten Alterspräsidentin des Reichstages der Weimarer Republik, musste einer Prinzessin weichen.

Alljährlich zum 8. März lädt Gesine Lötzsch Frauen aller Stände, Generationen und Konfessionen zu einer Tour durch Berlin, inklusive Führung durchs Reichstagsgebäude samt Stippvisite in den Raucherraum. Dort hängt im Stil alter Ikonografie der Fries eines russischen Künstlers, auf dem neben viel werktätigem Volk Lenin und Stalin zu sehen sind. Gesine kann’s halt nicht lassen. Bravissimo.

Gesine Lötzsch: Immer schön auf Augenhöhe. Eulenspiegel Verlag. 158 S., geb., 9,99 €. Buchpremiere heute im nd-Gebäude am Franz-Mehring-Pl. 1, 10243 Berlin, 18.30 Uhr.

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