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Der Freischwimmer

Im Kino: »Moonlight« von Barry Jenkins

Betörende, durchkomponierte Bilder, eine ungewöhnliche Erzählform, starke Darsteller, authentische Dialoge, neue Perspektiven auf afroamerikanische Maskulinität, die Vermeidung von Klischees, die Abwesenheit eines moralischen Zeigefingers und (wie nebenbei) ein endlich zeitgemäßer Umgang mit den Themen Drogen und Massen-Kriminalisierung: »Moonlight« von Barry Jenkins ist ein kleines Wunder.

Das gerade mit dem Oscar für den besten Film ausgezeichnete Drama erzählt das Heranwachsen eines schwulen Schwarzen aus armen Verhältnissen in den USA - und tut das so zurückhaltend und zärtlich, dass dieser Film auch weiße Heteros angeht. Und dies nicht nur als deren besorgter Blick auf eine Minderheit, sondern als universell gültiges Lehrstück über Außenseitertum. Und als Gegenstück zur jahrzehntelangen Diffamierung schwarzer US-Männer als homo- und frauenfeindliche Materialisten-Machos. An dieser Diffamierung und an den gesetzlichen Grundlagen zur Masseninhaftierung vor allem junger afroamerikanischer Männer haben übrigens Bill und Hillary Clinton entscheidend mitgewirkt. Das sollte nicht vergessen werden, wenn sie sich nun als Advokaten unterdrückter Minderheiten aufspielen, doch dazu später mehr.

Über 16 Jahre wird in »Moonlight« die Entwicklung von Chiron geschildert: Wir sehen ihn zunächst im Miami der 80er Jahre als das schmächtige, »Little« gerufene afroamerikanische Kind, dann als gemobbten, schlaksigen und introvertierten Teenager und schließlich als muskulösen harten jungen Mann, der sich »Black« nennt.

Regisseur Barry Jenkins teilt dieses Leben in einem geglückten Kunstgriff in drei Kapitel ein, in ein Triptychon mit drei hervorragenden Darstellern des Chiron: »Little« (Alex R. Hibbert) spricht kaum und wird gehänselt. Da seine Mutter (Naomie Harris) wegen ihrer Crack-Sucht zwischen übertriebenem Beschützerinstinkt und totaler Vernachlässigung schwankt, muss er viel zu schnell erwachsen werden. Unterstützt wird Little ausgerechnet vom Dealer der Mutter. Dieser Juan (zu Recht oscarprämiert: Mahershala Ali) ließt den verstockten Jungen auf und bietet ihm ein Ersatz-Zuhause.

Im nächsten Kapitel rätselt der Teenager Chiron (Ashton Sanders) über seine sexuellen Präferenzen, während seine grausamen Mitschüler ihn (wegen seiner angeblichen »Schwäche«) schon längst als »Schwuchtel« identifiziert haben. Und er macht seine erste homosexuelle Erfahrung mit dem gleichaltrigen Denis. Ersatzvater Juan ist in dieser Lebensphase verschwunden, und es liegt nahe, dass er (wie zahllose andere afroamerikanische Väter) im Gefängnis sitzt.

Auch Chiron landet (fast schon folgerichtig) im Knast, und als er dort herauskommt, ist er äußerlich Juans Ebenbild: ein muskulöser Gangster-Macho, der sein Geld mit Drogen verdient. Innerlich jedoch ist er immer noch der verstockte, nach Worten ringende Teenager. Und auch die harte Fassade erhält Risse, als sich Denis nach vielen Jahren wieder bei ihm meldet.

Die wichtigste Figur neben Chiron ist der Dealer Juan, und es ist dem Film hoch anzurechnen, dass hier endlich einmal ein sympathischer und verantwortungsvoller Drogenverkäufer und kein Klischee-Monster gezeichnet wird. Gelten diese Dienstleister doch spätestens seit Hillary Clintons rassistischen Tiraden in den 90er Jahren gegen angebliche »Super-Predators« (Super-Raubtiere) schlicht als Bestien.

Und so ist das erste Kapitel das stärkste und es gibt dort eine Reihe von beeindruckenden Szenen mit Little und Juan. Etwa jene inhaltlich wie optisch betörende »Taufszene«, in der Juan dem Jungen das Schwimmen beibringt, und versucht, ihm eine Art Urvertrauen zu vermitteln. Angeblich hat Alex R. Hibbert hier von Mahershala Ali tatsächlich das Schwimmen gelernt, und man wünscht sich, dass sich Chiron doch noch aus seinem vorprogrammierten Schicksal freischwimmen kann.

Oder eine Szene, in der Little Juan fragt, was eine Tunte (»Faggot«) ist. Wie der Inbegriff des harten und muskelbepackten (und heutzutage auch unter Linken allzu schnell unter Homophobie-Verdacht stehende) Schwarze dem Kind hier sensibel erklärt, dass dies ein Begriff böser Menschen sei, damit schwule Männer sich schlecht fühlen, das hat man so im US-Kino noch nicht gesehen. Direkt ans Herz und voll an die Nieren geht aber vor allem der intensive und herzzerreißende Dialog, in dem Little Juan fragt, ob er derjenige ist, der seiner Mutter das Gift verkauft, das seine Kindheit ruiniert hat.

In dem Film, der auf dem Theaterstück »In Moonlight Black Boys Look Blue« von Tarell Alvin McCraney basiert, spielt kein einziger Weißer mit - nicht einmal in kleinen Nebenrollen. Das »kleine« Meisterwerk hat laut dem Branchenblatt »Variety« gerade einmal 1,5 Millionen US-Dollar gekostet.

Doch der Film ist auch eine Rückschau in eine Zeit, in der wichtige Weichen für Massen-Kriminalisierung und -Inhaftierung gestellt wurden, die dazu geführt haben, dass die USA die mit Abstand größte Gefängnispopulation der Welt haben - und dazu, dass zahllose schwarze Kinder wie die Filmfigur Chiron ohne Vater aufwachsen. Der absolut toxische und rassistische Einfluss der Republikaner bei diesem Thema ist bekannt. Ebenso fatal aber war die Entscheidung der US-Demokraten unter Bill Clinton, die Republikaner auf dem Feld der »Kriminalitätsbekämpfung« weit rechts zu überholen. Von seiner Frau mit Hetzreden unterstützt, beschloss Bill Clinton 1994 etwa ein verheerendes »Three Strikes Law«.

Es sind solche Tatsachen, die das aktuelle Bashing gegen US-Präsident Donald Trump so unbefriedigend machen, da es allen Ernstes die aus linker Sicht völlig untragbare Hillary Clinton als Alternative bereit hält. Die wegen Drogen-Lappalien eingesperrten Väter in »Moonlight« - sie wurden auch wegen von Demokraten beschlossenen rassistischen Gesetzen eingesperrt, die übrigens auch (gezwungenermaßen) von Ex-Präsident Barack Obama und seiner schwarzen Justizministerin exekutiert wurden.

Auch »Moonlight« ist übrigens nicht frei von Gemeinplätzen. Im Gegenteil, der Film hält zahlreiche Klischees bereit, wie die Nachrichtenagentur »epd« richtig beobachtet: »die crackabhängige alleinerziehende Mutter; den irgendwie väterlichen Dealer; die patente schwarze Lady mit dem großen Herzen; den guten Jungen, der verloren zu gehen droht; die drangsalierenden Mitschüler und den großmäuligen Anführer; den guten Freund; das Ghetto und den Knast«. Der Unterschied zu fast allen bisherigen US-Dramen ist aber, dass diese Stereotype in »Moonlight« extra aufgetischt werden, um dann als solche entlarvt zu werden.

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