Von Sebastian Bähr

Was sollen die Nachbarn denken?

Das Grips-Theater zeigt mit »Nasser 7 Leben« den Kampf eines schwulen Muslims

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Fordert Akzeptanz: David Brizzi als Nasser (Mitte)

Es ist kurz nach eins, als der junge Nasser von der Party in die Neuköllner Wohnung kommt. Eigentlich war mit seinen streng-religiösen Eltern zwölf Uhr ausgemacht. »Chill mal, Papa«, sagt der 15-Jährige noch, doch Vater Ibrahims Gesicht bebt bereits vor Wut. Partys sind für ihn haram, Sünde, wie alles andere auch, was Freude bereitet. Die Mutter stellt sich noch schützend vor den Sohn, doch auch das kann die einprasselnden Schläge mit dem Gürtel nicht mehr stoppen. Eine Schauspielerin steigt in diesem Moment aus ihrer Rolle, am Mikrofon fordert sie entschlossen, die Gewaltszene zu beenden. Nasser, locker in Jogginganzug und Sneakers, spricht selbstbewusst zum Publikum: »Mein Vater, der hat nicht aufgehört«. Bedrückte Gesichter. Die Fantasie erledigt den Rest.

Die Prügelszene ist weder der Anfang noch das Ende von Nassers Unterdrückung. Von klein auf wird dem Sohn klar gemacht: Als männlicher Erstgeborener steht und fällt mit ihm die vermeintliche Familienehre. Er flieht vor dem Druck und den Schlägen zum Jugendamt - die Eltern versuchen, als Reaktion eine Zwangsheirat zu arrangieren. Als sie dann durch eine Mitschülerin von Nassers Homosexualität erfahren, eskaliert die Situation vollends.

Unter fadenscheinigen Gründen wird er von der Mutter in die Wohnung gelockt und betäubt. Sein Vater und der nicht weniger engstirnige Onkel verfrachten Nasser kurzerhand ins Auto: In der alten Heimat Libanon wollen sie ihn umbringen. Ein Foto mit dem bereits aufgestellten Galgen wird zum Beweis gezeigt. Nur durch Zufall bemerkt ein bulgarischer Grenzpolizist den zappelnden Körper - und lehnt das Bestechungsgeld des Vaters ab. Die Uraufführung von »Nasser 7 Leben« im Grips-Theater Podewil fühlt sich umso intensiver an, da sie auf den realen Erlebnissen des echten Nasser El-Ahmad beruht.

Die Autorin Susanne Lipp hatte sich für ihre Recherchen ein halbes Jahr lang mit dem heute als Hotelfachmann arbeitenden jungen Mann getroffen. Aus den daraus entstandenen Interviews verfasste sie eine subjektive Geschichte, die sich dennoch an den wahren Geschehnissen orientiert und von Nasser autorisiert wurde. Die Regisseurin Maria Lilith Umbach inszenierte den Text dann in 70 Minuten auf dramatische wie mitreißende Weise.

Die Entscheidung, das Ensemble auf vier Personen zu beschränken, geht gleichsam auf. Katja Hiller überzeugt in den Rollen als überforderte und selbst unterdrückte Mutter, brutaler Onkel und desinteressierte Jugendamtsmitarbeiterin. Jens Mondalski mimt den autoritären Vater und gleichzeitig den ängstlichen, aber wohlmeinenden Sozialarbeiter. Öz Kaveller spielt die kleine Schwester. Ganz besonders brilliert aber David Brizzi, der einfühlsam und doch voller Stärke die Rolle von Nasser einnimmt, als sympathisch-lakonischer Erzähler seine eigene Geschichte kommentiert und zwischendurch Regieanweisungen erteilt.

Auch wenn das Stück - ersichtlich alleine anhand der Sprache - im religiösen Migrantenmilieu spielt, war es Philipp Harpain, dem Leiter des Grips-Theaters, wichtig, keine islamophoben Vorurteile zu bedienen. »Nasser steht ebenso für den Islam, er kämpft für seinen muslimischen Glauben und für seine Identität«, erklärte der Pädagoge. »Außerdem wird in dem Stück ein Grundkonflikt verhandelt, wenn Eltern ihre Anschauungen, egal welcher Art, rigide auf ihr Kind übertragen, ohne ihm Raum für seine eigene Entwicklung zu geben.« Distanz zu einer nur auf Muslime fokussierten Kritik wird auch dadurch aufgebaut, indem sowohl Mutter als auch Vater von weißen Schauspielern dargestellt werden. Die Probleme mit homophoben, konservativen oder dogmatischen Eltern wirken für die Kinder- und Jugendbühne unabhängig von Religion oder Kultur.

Das reduzierte Ensemble spiegelt sich auch in dem minimalistischen Bühnenbild samt zurückhaltender Tonbegleitung wieder. Mit bunter Plastikfolie bespannte Quader dienen als Multifunktions-Wohneinheiten. Markante Gegenstände wie eine silberne Palme oder eine Topfpflanze symbolisieren Szenenwechsel. Schwulenpartys am Spreeufer werden mit elektronischer Popmusik unterlegt, eindrückliche Aussagen greifen die Schauspieler mit einer Loopmaschine auf.

Besonders stechen die zwischendurch eingeblendeten Videos hervor, die Kommentare aus den sozialen Netzwerken repräsentieren sollen. Als Nasser im Internet seine Kämpfe um Anerkennung und Identität transparent macht, erfährt er von dort sowohl starke Ablehnung als auch Zustimmung. Mit knappen Wortfetzen wie »Tu der Menschheit einen Gefallen und bring dich um« oder »Im Koran gibt es keine schwulen Muslime« bekommen die Zuschauer das Online-Stimmengewitter von verfremdeten Gesichtern entgegengeworfen. Zum Glück bleibt es aber nicht beim Hass. Ansagen wie »Ich bin eine lesbische Muslima und stolz auf dich«, machen Hoffnung.

Als sich während des tosenden Abschlussapplauses der echte Nasser El-Ahmad zwischen die Schauspieler einreiht, muss er über beide Ohren grinsen. Ein groß eingeblendetes Foto zeigt ihn auf einer Demonstration gegen Homophobie in Neukölln. Angst hat er keine mehr, das sieht man dem heute 20-Jährigen an. Seit seinem Gang an die Öffentlichkeit war Nassers Ziel, mit seiner Geschichte anderen Jugendlichen Mut zu machen. Die engagierte Inszenierung des Grips-Theaters ist dabei eine große Hilfe.

Nächste Vorstellungen: 4., 5., 6. April (alle ausverkauft)

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