Von Wolfgang Hübner

Durch die Nacht mit Telemann

Die Aequinox-Musiktage in Neuruppin sind eine bravouröse Kulturleistung und allerbestes Stadtmarketing

Das muss man sich mal vorstellen: An einem Samstagabend bewegen sich hunderte Menschen durch die brandenburgische Kreisstadt Neuruppin; in kleinen Gruppen, jede einem anderen Plan folgend, durchqueren sie das Stadtzentrum. Der Grund: Georg Philipp Telemann, der Barockkomponist.

Die Teilnehmer sind nicht etwa Mitglieder eine Geheimloge, die den Schutz der Dunkelheit suchen - nein, es sind Gäste des Aequinox-Festivals, das jedes Jahr im März, zur Tag-und-Nacht-Gleiche, in Neuruppin stattfindet. Fast fünf Stunden lang lernen sie bei der spätabendlichen musikalischen Schnitzeljagd immer neue Facetten des aus Magdeburg stammenden Komponisten kennen, an dessen 250. Todestag in diesem Jahr erinnert wird. Galerie, Atelier, Schule, Stadtkantine, Blumenladen, Buchgeschäft, Museum, Tischlerei: Zwischen solchen Orten eilen die Beteiligten hin und her; das Ganze hat etwas von »Trimm dich« mit Kulturanteil. Selbst Ortsansässige werden danach über Entdeckungen in ihrer Heimatstadt staunen.

Einen solchen Marathon kann man keinem Zufallspublikum zumuten. Hier liegt ein Ergebnis jahrelanger Arbeit vor. Seine achte Auflage erlebte das kleine Aequinox-Festival schon, und die Besucher wissen längst: Was ihnen da geboten wird, hat Seltenheitswert. Denn die Organisatoren um die Hotelbetreiberin Gabriele Lettow und die gastgebenden Musiker der Berliner Lautten Compagney um Wolfgang Katschner überzeugen statt mit einem riesigen Etat mit Esprit, Neugier, Ideen, einer familiären Atmosphäre und Sinn fürs Unkonventionelle. Inklusive der Gastauftritte von Ensembles aus Italien und den Niederlanden.

Die zweite Hauptfigur das Aequinox-Jahrgangs 2017: natürlich Martin Luther. Die Lautten Compagney, bei Freunden der Alten Musik hoch angesehen, hat erst kürzlich mit »1517 - Mitten im Leben« eine CD vorgelegt, die einen Eindruck vom Alltagsgefühl der Luther-Zeit vermittelt. Gemeinsam mit den Vokalisten des Leipziger Calmus Ensembles haben die Musiker Lieder von Komponisten eingespielt, die Zeitgenossen des Reformators waren und für die Luthers Gedanken einen wesentlichen Bezugspunkt bildeten. Tatsächlich ermöglichen die vornehmlich deutschen Texte einen Blick mitten ins Leben; das reicht von strenger Gottesfurcht über Betrachtungen der Jahreszeiten bis zum Spott über eine Ehebrecherin. Manchmal bleiben die Sänger und Musiker exakt am historischen Original, zuweilen wiederum kann man beim Hören kaum sagen, wo genau die Renaissance-Klänge in einen leichtfüßigen Jazzsound hinübergerutscht sind.

Teile dieser CD-Produktion sind in das Programm »Deutsche Messe« eingeflossen, mit dem das Aequinox-Festival begann. Es ist der Versuch, den von Luther eingeführten Gottesdienst in deutscher Sprache, verständlich für Bürger und Bauer, musikalisch zu fassen. Passender als die riesige Klosterkirche St. Trinitatis, fast bis auf den letzten Platz besetzt, hätte der Ort für das opulente Programm mit Chor und Solisten nicht gewählt sein können. Denn die schiere Größe des frühjahrskühlen Kirchenschiffs gab eine Vorstellung davon, wie sich die Gläubigen vor ein paar Jahrhunderten gefühlt haben mögen, wenn sie - aus ihren engen Stuben kommend - hier eintraten. Ein ordentlicher Gottesdienst war keine lustige Sache, sondern eine Machtdemonstration.

Was unbedingt bemerkenswert ist an Aequinox: das Bemühen, kulturelle Spuren zu hinterlassen. Seit etlichen Jahren nun schon arbeitet die Lautten Compagney mit der Kreismusikschule zusammen; ein Barockorchester wurde dort gegründet, das mit den Profis aus Berlin probt und gemeinsam musiziert. Über die Jahre ist da eine erfreuliche Entwicklung festzustellen, was die Fertigkeiten und das Selbstbewusstsein der Schüler betrifft. Ähnlich übrigens wie bei der Musikschule Barnim, mit der die Barockvirtuosen im Umfeld des Festivals Alter Musik jedes Jahr im September in Bernau kooperieren.

Die Lautten Compagney zeigte sich bestens aufgelegt, trotz eines Mammutpensums. Mit ihrem musikalischen Enthusiasmus kompensierte sie - im Verein mit Sopranistin Susanne Ellen Kirchesch - auch locker den etwas uninspiriert wirkenden Sonett-Rezitator bei der Shakespeare-Matinee.

Ein Festival wie Aequinox in Neuruppin ist nie ein Selbstläufer. Kulturmanagement bleibt ein mühseliges Unterfangen. Aber Hartnäckigkeit zahlt sich irgendwann aus. Inzwischen, sagt Gabriele Lettow, sind Geldgeber aufgeschlossener, es gibt eine treue Fangemeinde. Das Festival ist ein kleiner Wirtschaftsfaktor für Neuruppin geworden. Eine bravouröse Kulturleistung und allerbestes, sympathisches Stadtmarketing ist es sowieso.

Calmus Ensemble, Lautten Compagney: »1517 - Mitten im Leben«. Carus-Verlag

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