Gegenwärtigkeit ist eine Legende

Pünktlich zur Leipziger Buchmesse ist Clemens Meyers neuer Erzählband erschienen: »Die stillen Trabanten«

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Clemens Meyer wird grantig, wenn er sich ins falsche Licht gerückt sieht. Zwar ist er keiner jener Autoren, die die Öffentlichkeit scheuen. Sobald er aber Lunte riecht und spürt, dass er vor irgendeinem Mikrofon als Betriebsnudel in Besitz genommen und im Palavertopf weich gekocht werden soll, beharrt er cholerisch auf seinem Beruf und seiner Berufung. Ein Künstler sei er! Ein Literat! Die Sprache zähle, der Inhalt, der Stil. Sonst nichts! Alles Lauwarme, Abwiegelnde ist diesem Leipziger Schriftsteller so fremd wie seinen Büchern. Es fällt leichter, ihn sich im Boxring vorzustellen als hinter dem Hochschulpult der Goethe-Universität.

Genau dort aber stand er im Sommersemester 2015. Schon die Buchfassung seiner Frankfurter Poetikvorlesungen (»Der Untergang der Äkschn GmbH«) lässt keinen Zweifel daran, dass es sich bei diesem Auftritt keineswegs um einschläferndes Dozieren, vielmehr um einen performativen Höllenritt durch die Literaturgeschichte und die Meyersche Ästhetik gehandelt haben muss. Zuweilen entlädt seine literarische Leidenschaft sich in pöbelnder Polemik: »Man sollte«, heißt es da, »manchen Schriftstellern TITELGHOSTWRITER zur Seite stellen, obwohl ca. 90 % der Gegenwartsliteratur (sagen wir 2 Drittel) überhaupt einen Ghostwriter bräuchten«. Er, das Original, gehört natürlich nicht zu denen. Wer das nicht wusste, dem schleudert er es selbstbewusst entgegen: In seiner »Titel-Top-Ten« der Weltliteratur (von Tolstoi bis Norman Mailer, von Karl Marx bis Karl May) stehen zwei seiner eigenen Bücher ganz oben: »Als wir träumten« und »Die Nacht, die Lichter«.

Meyers neuer Erzählband heißt »Die stillen Trabanten«, und man kommt nicht umhin, diesen Titel zu preisen, noch bevor man das Buch lobt, dessen Sujets und Stimmungen er so trefflich umkreist. Drei Worte nur, aber was mit denen alles gesagt sein kann: »Die stillen Trabanten«. Nicht die Planeten sind es, denen Meyers Interesse gilt; es sind jene »Begleiter«, die in deren Bannkreis ihre Bahnen ziehen. Nicht die Innenstädte mit ihrem falschen Glanz und Glamour, sondern die Hochhaussiedlungen in den Außenbezirken. Nicht die Prunkvollen, sondern die Proleten. Nicht die Arrivierten, sondern die Getriebenen: einsame Lichtpunkte im finsteren All. Selbst der ausrangierte deutsche Osten, oftmals Kulisse von Meyers Prosa, ist im Titel schon suggeriert: Still waren jene »Trabanten«, die dort zu Hunderttausenden durch die Schlaglöcher polterten, damals zwar nicht. Aber heute.

Von »Trabantenstädten« ist in den Erzählungen des Öfteren die Rede, leitmotivisch blinken ihre Lichter in der Nacht. Ein »Trabbi« kommt nirgendwo vor. Nichts liegt dem 1977 in Halle (Saale) geborenen Schriftsteller ferner als eine Verklärung der DDR. Zwar lassen sich Sachsen, Sachsen-Anhalt, die Ostseeküste und immer wieder Leipzig unschwer als Orte des Geschehens identifizieren, »der Osten« aber ist bei Meyer zuerst ein Gefühl, keine Gegend. »Wo ist Osten«, fragt Hamed, der befreundete muslimische Nachbar des Erzählers, in der Titelgeschichte, als er gen Mekka beten will. »Ich weiß nicht genau«, antwortet der. »Dort etwa.«

In den Nächten steht der Erzähler mit Hameds Frau, einer zum Islam konvertierten Deutschen, im Treppenhaus ihres Hochhauses, um gemeinsam zu rauchen. Nicht nur der glühende Tabak knistert, wenn sie im Dunkeln gierig an ihren Zigaretten ziehen. Zwei Menschen wie Mond und Erde: gehören zusammen und können einander doch nicht berühren. Eines Tages sind Hamed und seine Frau verschwunden, fortgezogen, man weiß nicht, wohin. In seinen Träumen streift der Erzähler durch die verlassene Wohnung des Paares, und ihm wird angst, wenn er das offene Fenster sieht. Erinnerungen an das gemeinsame Rauchen: »Hatte ich ihr die stillen Trabanten gezeigt?, diese großen Hochhäuser am Rande der Stadt, deren Lichter in den Nächten langsam erloschen, Wohnung für Wohnung, Fenster für Fenster?«

Von der Erde aus betrachtet, scheint der Mond zu- und abzunehmen, scheint er auf- und unterzugehen - und ist doch jederzeit ganz bei sich dort oben im Himmel. Ausnahmslos erzählt Meyer von Menschen, denen Menschen verloren gehen, von Verlusten, von Einsamkeit. Einsamkeit? Nein. Die Verschwundenen sind anwesend. Erinnerungen, Träume, selbst Mythen webt Meyer so in sein Erzählen ein, dass sie untrennbarer Bestandteil dieses rauen Realismus werden. »Gegenwärtigkeit ist eine Legende«, beharrt der Erzähler, »und ein vollkommen falscher Begriff, wir befinden uns immer wieder woanders, und ich weiß, wovon ich spreche, denn ich betreibe einen Imbiss in einem flachen Häuschen mit Vordach, in dem früher mal eine Tankstelle war.«

Es ist, als bröckelten unter den schreibenden Händen dieses Autors all die Fassaden, die uns die Sicht verstellen. Es ist, als spürte man lesend plötzlich die zerborstenen Knochen der Gewesenen unter den Füßen - oder die feinen Splitter von Glas, das einst Fenster undurchdringlich erscheinen ließ. Eine Geschichte Meyers, der die Pferderennbahnen liebt, handelt von einem alternden Jockey, dessen größter Wunsch, einmal in St. Moritz die Pferde über das Eis des Sees galoppieren zu sehen, endlich in Erfüllung zu gehen verspricht. Doch dann wartet sein Freund vergebens auf ihn. Im Hotelbett träumt er, gemeinsam auf dem Rennen zu sein, doch »als ich nach unten blickte, war all der Schnee verschwunden, und das Eis war wie Glas, und unter dem Glas sah ich die langen Leiber, ganz langsam sanken sie ...«

Ein Sicherheitsdienstler erblickt im Fenster des Ausländerwohnheims, das er in den Nächten bewacht, das Mädchen, in das er sich vor mehr als zwanzig Jahren verliebt hat, jung und schön wie damals - wie kann das sein? Eine Waggonreinigerin trifft in der Bahnhofskneipe auf eine Friseurin, die ihr mit jedem Beisammensein näherkommt, Freundin wird, einmal mitten in der Nacht die Haare schneidet - und dann so plötzlich, wie sie aufgetaucht war, fernbleibt. Ein alter Mann sitzt auf einer Bank an der Strandpromenade und sieht im Meer, was außer ihm niemand sieht: die Bahn, die er dort fuhr, bevor der Krieg ein Loch in die Landmasse und in sein Leben riss. Ein jüngerer Mann kehrt zurück ins »Kohlenviertel« der Stadt, wo er seine Jugend verbrachte, sieht die grauschwarzen Wände unter dem bunten Putz und trifft auf die lebendigen Schatten der Toten, die seine Freunde waren, um endlich zu begreifen, »dass all das schon lange verschwunden war und doch immer da sein würde«.

Der Bahnhof. Sich verzweigende Gleise. Die breiten Straßen, die aus der Stadt herausführen. Gestrandete Menschen. Die Nacht, die Lichter. Wer Clemens Meyers frühere Erzählungen schätzte, wird Motive, wird Stimmungen und Erzählton im neuen Band wiedererkennen; verstärkt aber brechen längst vergangene und ganz gegenwärtige Kriege durch die bewährten Muster. Perfektioniert hat der Autor, der offenkundig ein gefräßiger Leser ist und die großen russischen, amerikanischen, auch ostdeutschen Erzähler verschlungen hat, seinen Stil und die Komposition. So präzise diese Texte im Einzelnen gearbeitet sind, so durchdacht ist ihre Anordnung und heimliche Verwobenheit, auch ihre Unterbrechung durch drei eindrucksvolle Kurztexte, prägnant wie moderne Fabeln. Umso ärgerlicher die Häufung von Fehlern, die ein Verlagskorrektorat hätte tilgen müssen. Der Verdacht liegt nahe, dass das Buch schnell fertig werden sollte, und es stimmt ja: Eine Leipziger Buchmesse ohne neuen Titel des derzeit markantesten Leipziger Autors wäre ooch nischt gewesen.

Eine Erzählung, die letzte im Buch, hebt sich von den anderen ab. Während überall sonst das Heute die Oberfläche bildet, durch die das Gestern schimmert und blitzt, ist es hier genau umgekehrt. Der »Hamburger Arbeiterschriftsteller« Willi Bredel tritt auf in seinem Moskauer Exil. In der Lenin-Bibliothek arbeitet er ruhelos an seinem Störtebeker-Roman, während draußen die Deutschen näher rücken. Im blinden Spiegel im Keller der Bücherei begegnen wir im Morphium-Rausch Johannes R. Becher, nach dem später das Leipziger Literaturinstitut benannt werden sollte, an dem Meyer selbst, noch viel später, studierte. Das steht aber nicht da. Und wir treffen auf Alfred Kurella, den ersten Direktor jenes Instituts, das ihm hier, in Moskau, schon vor Augen steht - den Blick immer in die strahlende Zukunft gerichtet. Kurella redet auf Bredel ein, er solle seinen anarchisch-widerständigen Störtebeker umschreiben in »ein Erbauungsbuch für unsere Jugend in unserem neuen Deutschland«. Bredel hadert. Bredel gehorcht.

Ein Gedanke, Bredel von Meyer in den Mund gelegt, hallt lange nach: »Nein, er hatte nichts im Spiegel gesehen, er hasste Spiegel. Man sollte alle Spiegel von der Wand nehmen und zerschlagen. Schaut aus dem Fenster. Dort ist der neue Mensch.« Es schließt sich der Bogen. Das Hochhaus der Rauchenden. Die Lichter in der Ferne, die »in den Nächten langsam erloschen, Wohnung für Wohnung, Fenster für Fenster«.

Clemens Meyer: Die stillen Trabanten. Erzählungen. S. Fischer, 272 S., geb., 20 €.

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