Von Frank Hellmann, Dortmund

Der Zielstrebige

Vor seinem ersten Länderspiel am Mittwoch gibt sich der Leipziger Stürmer Timo Werner zurückhaltend

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Timo Werner in der Leipziger Arena

Das Sportzentrum Kamen-Kaiserau bietet praktischerweise alles unter einem Dach. Sportschule, Hotel und Kongresszentrum. Und wenn die Stars von Real Madrid hier vor wichtigen Champions-League-Spielen nächtigten, können sich auch deutsche Nationalspieler dort zu den ersten Länderspielen des Jahres betten. Zum Treff fürs Freundschaftsspiel gegen England in Dortmund (Mittwoch 20.45 Uhr) und dem - sportlich bedeutsameren - WM-Qualifikationsspiel gegen Aserbaidschan in Baku (Sonntag 18 Uhr) kam am Montag einer, der nach einem kurzen Abstecher aus der schwäbischen Heimat anreiste: Timo Werner. Mit seinem Debüt beim Abschiedsspiel von Lukas Podolski am Mittwoch wird allseits gerechnet.

Er habe erstmal mit seinem Dienstwagen rechts ranfahren müssen, damit er das Steuer nicht verreiße, berichtete der 21-Jährige vom Moment, als ihn Joachim Löw am vergangenen Donnerstag anrief. Aber war es wirklich so überraschend, dass der Bundestrainer jenen Stürmer von RB Leipzig nominierte, der bereits 14 Tore schoss und sieben vorbereitete? Kein deutscher Stürmer kann in der Liga eine solche Quote vorweisen, auch nicht Mario Gomez (9/0). Der formstarke Wolfsburger ist überdies nicht nur zehn Jahre älter, sondern auch ein ganz anderer Angreifertyp. Eben der klassische Vollstrecker. Während Werner den variablen Irrwisch gibt, der mit Vorliebe seine Tempoläufe anzieht, wenn nach schnellen Umschaltbewegungen der Ball tief in die Schnittstellen der gegnerischen Abwehr gepasst wird.

Inwieweit diese Spielweise auch in der Nationalmannschaft zum Tragen kommt, wo sich selbst im EM-Halbfinale der Gastgeber Frankreich in der eigenen Hälfte verschanzte, wird eine spannende Frage. Aber das deutsche Sturmspiel um eine neue Facette, speziell die elementare Komponente Geschwindigkeit, zu bereichern, kann sicher nicht schaden. »Werner ist ein junger und interessanter Spieler mit guter Perspektive. Er hat in dieser Saison konstant auf hohem Niveau gespielt«, hat Löw verlauten lassen.

Den einen Co-Trainer vom A-Team (Thomas Schneider) kennt Werner (»Vielleicht bin ich ein neuer Stürmertyp«) bereits als Jugendspieler und Jungprofi beim VfB, den anderen (Marcus Sorg) als U19-Nationaltrainer. Überdies saß Löw selbst oft genug im Stuttgarter Stadion, als das VfB-Eigengewächs seine ersten Sprints startete. Und der oberste Fußballlehrer des Landes hat mitbekommen, wie ein Megatalent ins Stolpern kann, wenn ihm in einem unruhigen Umfeld zu viele Erwartungen aufgebürdet werden - bis er sich selbst im Wege steht. Drei Spielzeiten hat Werner benötigt, um für den Verein mit dem roten Brustring 13 Bundesligatore anzubringen - bei den roten Bullen ist eine ganz andere Zielstrebigkeit und Abschlussstärke zu begutachten.

Es hat wohl die Luftveränderungen im vergangenen Sommer gebraucht, um einen Neustart hinzulegen. »Ich prophezeie ihm eine große Karriere. Er ist im Sturm die größte und beste Aktie im deutschen Fußball. Er hat bei uns einen enormen Reifeprozess durchgemacht«, sagt RB-Trainer Ralph Hasenhüttl. Tatsächliche scheint die Philosophie des Österreichers wie gemacht für Werner, für den sich ob seiner Fortschritte angeblich sogar Jürgen Klopp vom FC Liverpool ganz konkret interessiert.

In der Premier League dürfte sich Werner allerdings noch weniger leisten, was ihn hierzulande immer noch verfolgt: die dreiste Schwalbe gegen Schalke. Für die Fankurven aller Couleur avancierte Leipzigs Nummer elf da nach zur »Persona non grata«, die mit einem Pfeifkonzert eingedeckt wurde, sobald er nur am Ball war. Oder bündelte sich an ihm all die Abneigung gegen die Leipziger? »Ich habe mehrfach mitgeteilt, dass ich damals einen Fehler gemacht habe«, richtete Timo Werner am Wochenende aus. »Ich finde, dass man damit auch nicht allzu hysterisch umgehen sollte.«

Obwohl der gebürtige Stuttgarter in diversen Juniorenteams unter dem DFB-Dach bereits auf 48 Einsätze kommt, gibt er sich im Kreis der Weltmeister betont demütig. Es sei etwas Besonderes, »plötzlich neben einem Manuel Neuer, Toni Kroos, Mesut Özil oder Thomas Müller am Esstisch zu sitzen und mit denen zu trainieren«, sagte er der Deutschen Presseagentur. Daher würde es nicht passen, »wenn ich hingehen und sagen würde, ich will gleich mal zwei Tore schießen.« Gegen England seinen Einstand zu geben, würde ihm schon reichen.

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