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One-Man-Show

Die Serie »You are wanted« verspricht mehr als sie halten kann

Streaming-Plattformen sind das neue Fernsehen. Das alte - also die sattsam bekannten Sender mit den meist drei großen Buchstaben - bekommt von Netflix, Amazon und Co. Konkurrenz. Das kostet die Zuschauer zwar ein wenig Geld, aber dafür gibt es keine Werbung, und man kann die epischen Geschichten, die meist in einer ganzen Staffel von sechs und mehr Folgen erzählt werden, am Stück sehen. Mithalten können damit vielleicht noch die öffentlich-rechtlich finanzierten Sender mit ihren dank Rundfunkbeitrag sicheren Etats, nicht aber die Privaten wie RTL, Sat.1 und Pro7. Doch das Rad der Innovation hat sich längst schon wieder weitergedreht. Hardcore-Gucker laden sich ihre Lieblingsstaffeln gleich staffelweise herunter, und damit sie keine Zeit beim Ansehen verschwenden, spielen sie die einzelnen Folgen in 1,25-facher Geschwindigkeit ab. Wichtig, so scheint es, ist die Quantität des Konsums und dessen sozialkompatible Verwertbarkeit - so, wie man ein Buch nur querliest, damit man die wichtigsten Eckdaten kennt und beim Smalltalk bei der nächsten Party mitreden kann.

Der folgende Text soll diesbezüglich ein Dienstleistungsangebot für jene sein, denen es zu anstrengend ist, die von Amazon vor dem Start mit einer aufwändigen Kampagne beworbene erste deutsche Serie des Online-Händlers - »You Are Wanted« - in Gänze anzusehen. Der Inhalt in Kürze: Der smarte Hotelmanager Lukas Franke (Matthias Schweighöfer) lebt mit seiner ebenso smarten und hübschen Frau Hanna (Alexandra Maria Lara), die als Illustratorin tätig ist, und seinem knuffigen Sohn Leon (Franz Hagn) ein Leben am oberen Rand der Mittelschicht in Berlin. Doch als eine Hacker-Gruppe mit dem Namen »Antipode« die Stromversorgung der Hauptstadt lahmlegt, wird Frankes Leben auf den Kopf gestellt. Mit einem Trick hat sich einer der Gruppe Frankes digitaler Identität bemächtigt. Nach und nach schreibt der Unbekannte alle Daten um, die über Franke existieren. Schließlich wird Franke verdächtigt, ein Terrorist zu sein. Auch seine Frau glaubt ihm nicht mehr, nachdem sie davon ausgehen muss, dass er wegen einer psychischen Störung seit Jahren Psychopharmaka nimmt.

Frankes Leben gerät aus den Fugen. Er flüchtet, verbündet sich mit einer Unbekannten namens Lena (Karoline Herfurth), deren Identität ebenfalls durch gehackte Daten manipuliert wurde, und stößt schließlich auf eine Verschwörung, die in den BND reicht und - so viel sei verraten - mit dem US-Spionagedienst NSA zu tun hat. Durch die Handlung stolpern die beiden Kommissare Sandra Jansen (Catrin Striebeck) und Torsten Siebert (Edin Hasanovic), denen erst spät ein Licht aufgeht. Mysteriös ist auch der Frauenschwarm Marc (Tom Beck), der sich nach und nach in das Leben von Hanna Franke einschleicht und ihr Avancen macht. Ist er mehr als nur ein eitler Pfau?

Der Plot ist nicht neu und Hollywoodfilmen wie »Das Netz« (1995, mit Sandra Bullock in der Hauptrolle) entlehnt. Das ist kein Problem, und es spricht nichts dagegen, dass sich Serienverantwortliche an sattsam bekannten Stoffen orientieren. Das Problem aber ist, dass hier Matthias Schweighöfer faktisch alles alleine machen wollte - und sich damit übernommen hat. Er ist Hauptdarsteller (und gar kein schlechter), Ko-Regisseur, Ko-Drehbuchschreiber (neben Hanno Hackfort, Richard Kropf und Christoph Bob Konrad) sowie Produzent in einem. Man merkt der Serie an, dass Schweighöfer mit ihr von seinem Image als Darsteller oberflächlicher Typen wegkommen will, die er in seichten Komödien wie »Der Schlussmacher« verkörperte. Dennoch (oder vielleicht gerade deshalb?) reproduziert »You Are Wanted« Klischees, die so überflüssig sind wie die Großstelltaste auf der PC-Tastatur für Legastheniker. Die Welt der Erfolgreichen und Eloquenten, der Großstadtwohlstandsbürger, die, wenn sie »Worst Case« sagen, nie nur die Geschäftsbilanz der Firma meinen, sondern auch damit ihren aktuellen Beziehungsstatus kommentieren, kann Schweighöfer aus dem Stegreif spielen. Zum Abziehbild geraten die Nebenfiguren der Serie: Hacker, die Kapuzenpullis tragen, überall Spitzel wittern und ihr Leben in dunklen Räumen verbringen, leicht trottelige Polizeibeamte und eine Femme fatale, die - natürlich! - Französin ist und dieses Klischee mit einem lasziven Akzent in jeder Szene noch unterstreichen muss.

Auch leidet die Logik der Geschichte, schließlich muss Schweighöfer als Held in Szene gesetzt werden. So kann etwa in der finalen Folge der ersten Staffel ein Kind einfach so mutterseelenallein in der Empfangshalle der BND-Zentrale herumstehen, ohne dass es von Beamten angesprochen wird. Und dass es zum Ende hin ein explosives Finale à la »Alarm für Cobra 11« gibt, jener Seriendurchschnittsware auf RTL also, in der Folge für Folge durch den Einsatz von Pyrotechnik Dialoge eingespart werden, ist auch nicht gerade die originellste Idee. Aber vielleicht hat Schweighöfer gedacht, dass Tom Beck, der in »Cobra 11« viele Jahre einen Polizisten spielte, der sich immer wieder nur knapp aus einem Auto retten kann, bevor es in die Luft fliegt, diesmal nicht ungeschoren davon kommen soll.

Ob man das Wesentliche der sechs Folgen auch in 1,25-facher Geschwindigkeit mitbekommt? Auf jeden Fall!

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