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Ohne jede Attitüde

In einem Gesprächsband zieht die wunderbare Schauspielerin Dagmar Manzel die Zwischenbilanz ihres intensiven Künstlerlebens

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»Wenn du Erfolg hattest, wächst dir auch eine Verantwortung zu. Ich will die Zuschauer erreichen, und ihre Erwartungen an meine Arbeit sind mir nicht gleichgültig.« Dies gelte grundsätzlich, und offenkundig auch für das vorliegende Buch. »Menschenskind« zieht Zwischenbilanz eines intensiven Künstlerinnen-Lebens, sagt Knut Elstermann, der es herausgegeben hat. Es sei Selbstvergewisserung so sehr wie Werkstattbericht und für Dagmar Manzel, die Protagonistin, vielleicht auch so etwas wie eine »Einübung im Reden über sich selbst«.

Dagmar Manzel: Menschenskind. Eine Autobiographie in Gesprächen mit Knut Elstermann.
Aufbau Verlag. 272 S., geb., 19,95 €.

Über sich selbst, ja, aber in weiten Teilen auch über andere, und die wiederum über sie. So ist das Buch angelegt. Beziehungen bis in die eigene Familie tun sich kund. Leidenschaft muss die Manzel nicht aktivieren, die steckt in ihr. Mit Haut und Haaren ist sie Schauspielerin, denkende, ehrlich mitfühlende, ernste, vergnügliche, aufrichtig engagierte, kritische wie selbstkritische Künstlerin. Ohne jede Attitüde erzählt sie von Proben und Aufführungen, erinnert an »Hamlet« unter Heiner Müller oder »Gift« unter Christian Schwochow am Deutschen Theater Berlin, an dem sie fest engagiert war, oder über kuriose Geschehnisse hinter der Bühne.

Es gilt das in Text übertragene gesprochene Wort: ein Gesprächsband. Elstermann, Radiomann und Filmjournalist, hat die Gespräche geführt. Er hat das tadellos gemacht und eine Form gefunden, die das Buch sehr übersichtlich und gut lesbar macht. 15 Intermezzi schieben sich zwischen die Gesprächsteile. Freunde, künstlerische Mitstreiter, Familienangehörige kommen in knappen Statements zu Wort. Manzels langjährige Freundin Heike Höpcke, ihre Mutter Annemarie, ihre Tochter Klara, die bewunderten Schauspielerinnen und Schauspieler Johanna Schall, Gudrun Ritter, Ulrich Matthes, Matthias Habich, Max Hopp, Sylvester Groth und andere. Auch der ihre sängerische Arbeit und ihre Freundlichkeit bewundernde Musiker und Dirigent an der Komischen Oper, Adam Benzwi. Sodann Regisseure wie Andreas Kleinert, Christian Schwochow und Barrie Kosky, ein jeder von ihrem unerhörten Können nicht minder überzeugt wie von ihren menschlichen Qualitäten. Kosky, australisch-jüdischer Herkunft, fantasiert sogar, jüdisches Blut flösse in ihr. »Ihr jüdischer Humor, wie sie singt und spielt - da muss etwas sein.« Ein Ensemble von Stimmen, die der bald sechzigjährigen Protagonistin den Rang geben, der ihr gebührt.

Zu Anfang kreist es um ihre Kindheit und Jugend in Berlin-Friedrichshagen. Liebevolle Sätze fallen über ihre Eltern und Großeltern, eine besonders geschätzte Großtante, über Nachbarn, Freundinnen und Freunde. Dann Einstieg in die Schauspielerei, Aussagen über ihre ersten Rollen am Deutschen Theater. Die erwähnte Schwochow-Inszenierung »Gift«, sie im Duett mit Ulrich Matthes, muss bleibenden Eindruck hinterlassen haben, denn die Sprache kommt immer wieder darauf. Inhalt: Erst verloren die Frau und der Mann ihr einziges Kind bei einem Unfall, dann sich selbst und schließlich einander.

Auch auf ihre DDR-Vergangenheit wird Manzel angesprochen. Zu leugnen und mieszureden, wo sie herkommt und sich künstlerisch frei entwickeln konnte, ist nicht ihr Ding. Andreas Kleinert würdigt ausdrücklich diese Haltung. Die geborene Komödiantin mobilisiert ihren berlinischen Dialekt auch auf der Bühne. Köstlich als Kleopatra in der Offenbach-Operette unter Kosky an der Komischen Oper. Da haut sie nur so um sich mit Slang von der Straße, und die Leute biegen sich vor Lachen. Das erzählt sie zwar nicht, aber dies: Mit 17 bewarb sie sich an der Fachschule für Schauspielkunst in Berlin. Beim Vorsprechen habe sie als Klara in Hebbels »Maria Magdalena« den anwesenden Intendanten teils was vorberlinert. Sie wurde angenommen.

Was ist Erfolg, was Misserfolg? Hatte ich wirklich Glück? Bin ich tatsächlich so begabt, wie Kritiker sagen? Und privilegiert? Über all das redet sie freimütig. Insbesondere darüber, gleichzeitig als multiple Begabung in vier Sparten beschäftigt zu sein - Theater, Film, Musiktheater, »Tatort« - und darüber die familiären und sonstigen Kontakte, auch die Gartenarbeit, nicht zu vernachlässigen. Jede einzelne Sparte mit der Manzel und ihren Mitstreitern rollt das Buch sukzessive auf.

Sie selbst zu erleben als Darstellerin, ist natürlich die beste Möglichkeit, ihr Talent zu erkunden. Das Buch ergänzt, bringt Hintergründe, vertieft das Wissen um eine bedeutende Persönlichkeit. Vergebliche Müh, darin Geschichten ihres Privatlebens auffinden zu wollen, die niemanden was angehen. Wunderbar zu erleben dieses »Menschenskind«, ein Buch voll menschlicher Substanz.

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