Werbung

Es schien alles möglich

Wladislaw Hedeler edierte einen Band über die russische Linke 1917

Echt jetzt? Ihr wollt Geld von mir?

Ja, herrgottnochmal, es kostet!

Auch, wenn's nervt – wir müssen die laufenden Kosten für Recherche und Produktion decken.

Also, mach mit! Mit einem freiwilligen regelmäßigen Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Der Sinn einer wirklichen Revolution, vermerkte Hannah Arendt, ist Freiheit. Damit meinte sie u. a. das Entstehen eines öffentlichen Raums, in dem sich die Menschen zusammenschließen und handeln können. Ihr Revolutionsbegriff lehnt sich an den von Walter Benjamin an, der in Frage stellte, ob Revolutionen wirklich, wie Marx das annahm, Lokomotiven der Geschichte sind. Vielleicht sei es so, dass Revolutionen der Griff der Passagiere zur Notbremse eines ins Unheil fahrenden Zuges sind. Diese Metapher lässt sich mit Sicherheit auch auf die Russischen Revolutionen des Jahres 1917 anwenden, selbst mit dem Schluss, dass eins der Gleise, die dieser Zug nach der Notbremsung befuhr, in eine Sackgasse führte.

Wladislaw Hedeler (Hg.): Die russische Linke zwischen März und November 1917.
Karl Dietz Verlag. 335 S., geb., 24,90 €.

Es waren viele Faktoren, die in Russland den Griff in die Notbremse erzwangen: Der imperialistische Krieg war verloren, die zaristische Selbstherrschaft ein Anachronismus, die Bauernfrage ungelöst, Hunger und Elend in den Städten. Überall kam es zu Erschütterungen im Vielvölkerstaat. Die Losung »Friede, Land, Brot« mobilisierte große Teile der Bevölkerung. Mit dem Sturz des Zarismus im Februar 1917 entstand jener öffentliche Raum, in dem sich neue politische Parteien bildeten bzw. die sich in der Emigration und der Illegalität befindlichen plötzlich frei agieren konnten.

Wladislaw Hedeler berichtet in seiner aufschlussreichen Einführung »Russische sozialistische Parteien im Wett- und Widerstreit«, die zugleich Bilanz der wissenschaftlichen Arbeiten über das Revolutionsjahr 1917 ist, von 217 Parteien. Tatsächlich merkte auch Lenin an, dass nach dem Sturz der Zarenmacht Russland wie ein freies Land regiert wurde, »nämlich auf dem Weg des offenen Kampfes der sich frei bildenden Parteien und der freien Vereinigungen zwischen ihnen«. Russland hatte kurzzeitig ein Mehrparteiensystems, das die Bolschewiki dann zum Einsturz bringen sollten. Unter dem Titel »Was tun in Zeiten der Ohnmacht?« schildert Michael Brie, wie sich Lenin im Schweizer Exil von 1914 bis April 1917 gedanklich auf die Revolution vorbereitete.

Aber auch andere sozialistische Parteien, darunter die Anarchisten und die jüdischen Bundisten, hatten zunächst noch ein gewichtiges Wort mitzureden. Es schien bei allen möglichen Differenzen, so der Orientierung der Sozialrevolutionäre auf die Bauern und der Bolschewiki auf die Arbeiter und Soldaten, doch mehr Gemeinsamkeiten zu geben, die im Diskurs zu klären waren.

Dessen ungeachtet wird im deutschsprachigen Raum das Revolutionsjahr 1917 eher mit den Bolschewiki assoziiert. Umso verdienstvoller dieses aufklärende Buch. Es bietet neue Forschungsergebnisse über die russischen Sozialdemokraten, die Sozialisten-Revolutionäre, vor allem deren linken Flügel, die Anarchisten und den Allgemeinen Jüdischen Arbeiterbund. Mehr noch: Faszinierend und für jeden Interessenten wichtig sind die hier erstmals in deutscher Sprache vorgelegten programmatischen Dokumente, verfasst von Lenin, Bucharin, Kisseljow, Spiridonowa sowie von Jermanski, Deutsch, Martynow, Kamkow, Lukin und Fischeljow. Interessant ist auch der Aufruf des Petrograder Klubs der Anarchisten und die Wahlplattform des ZK des Bundes für die Verfassungsgebende Versammlung.

Aufschlussreich ist ebenso der Aufsatz von Alla Morosowa über Alexander Bogdanows Vorstellungen von der sozialistischen Umgestaltung in Russland. Dessen 1926 auch auf Deutsch erschienenes monumentales Werk über die Tektologie, eine philosophische Begründung der Weltorganisationsdynamik, ist erstaunlich wenig rezipiert worden. Darin hatte Bogdanow, von der Unreife der russischen Arbeiterklasse ausgehend, die Bolschewiki gewarnt, sie könnten zu einer reinen Soldatenpartei werden. Der Bolschewismus, so seine Kritik, habe sich gewandelt und sich die Logik der Kaserne zu eigen gemacht. Zwanzig Jahre später sollte Trotzki seinerseits Stalin vorwerfen, er habe den humanistischen Marxismus zu einem Kasernenhofsozialismus pervertiert.

1997 war im gleichen Verlag und von Hedeler mit herausgegeben eine Dokumentenedition unter dem Titel »Die Russische Revolution 1917. Wegweiser oder Sackgasse?« erschienen. Der nun vorgelegte Band knüpft daran an. Es bleibt zu hoffen, dass er die Diskussion über die »Tage, die die Welt erschütterten« befördert. Es werden in diesem Jahr viele Bücher über die Russische Revolution auf den Markt kommen, apologetische und Verrisse. Dem hier angezeigten interessanten und sympathisch unaufgeregten Buch ist besondere Aufmerksamkeit zu wünschen.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

9 Ausgaben für nur 9 €

Jetzt nd.DieWoche testen!

9 Samstage die Wochenendzeitung bequem frei Haus.

Hier bestellen