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Eine internationalistische Alternative am Hamburger Hafen

Das Bündnis »Plan C« aus Großbritannien nimmt anlässlich der G20-Proteste die kapitalistische Logistik in den Blick

  • Von Elio Di Muccio, Plan C, Birmingham
  • Lesedauer: 5 Min.

Diesen Juli findet der G20-Gipfel in Hamburg statt. Dort kommen drei Phänomene von Weltmaßstab zusammen: Populismus, Protektionismus und Logistik. Die entscheidende Frage lautet dabei: Wird der Gipfelprotest wieder »business as usual« oder wird die Linke etwas Innovation ins Spiel bringen? In diesem Zusammenhang sollte eine Absicht linksradikaler Gruppen besonders begrüßt werden: die narrative Beschränkung des zügellosen Populismus und Protektionismus zu überwinden durch den Fokus auf Logistik zu erweitern.

Schließlich muss die Linke ihre Einschätzung über die Macht der populistischen Übernahme von Staatsmacht präzisieren und deren tatsächliche Errungenschaft gegenüber den Versprechen abwägen: Der Populismus konnte das Spar- und Kürzungsdiktat nicht beenden. Aber die Tatsache, dass Populismus nicht die erhoffte Alternative bringt, heißt keineswegs, dass die Welt automatisch empfänglicher für universelle, linke Gesellschaftsideen ist. Das zeigt nicht zuletzt der Anstieg des Nationalismus quer über das politische Spektrum.

Dieser Nationalismus definiert sich u.a. über eine reaktionäre Kritik an der Globalisierung im Sinne von Reichtumsverteilung anhand bestehender Grenzen. Die Kritik der kapitalistischen Bedingungen für die Produktion dieses Reichtums bleibt auf der Strecke. Stichwort öffentliche Resonanz: Es stimmt zwar, dass rechtem und rechtsradikalem Nationalismus mehr medialer Aufmerksamkeit geschenkt wird. Dennoch muss man feststellen, dass entgegen jeglicher Versprechen die kapitalistische Globalisierung keineswegs durch die nationalistische Reaktion herausgefordert wurde – egal, welche Form diese Globalisierung annimmt.

Dazu muss man sich nur europäische Städte wie Hamburg, Frankfurt, Dundee (Schottland) oder Hull (England) vergegenwärtigen. Alle haben sich in den letzten Jahren im Zuge der Globalisierung massiv verändert – doch ihre Schicksale könnten nicht unterschiedlicher sein. Während die ersten beiden Sinnbilder des gegenwärtigen Kapitalismus darstellen und boomen – Hamburg als logistischer, Frankfurt als Finanzstandort – wurden die britischen Hafenstädte zunehmend deglobalisiert und deindustrialisiert.

Zusammen mit den Hafenarbeiter*innen Neues wagen

Die radikale Linke hat es gewiss nicht versäumt, Analyse und Kritik dieses Phänomens hervorzubringen. Aber wie die Mobilisierung zum Hamburger G20-Gipfel zeigt, ist ihre Organisationsfähigkeit innerhalb des Logistikbereichs stark unterentwickelt. Ob wie einst schwere Maschinerie oder neuerdings »Gig Economy« – im Grunde genommen geht es immer noch um effizientere Ausbeutung und Umschichtung von Arbeit. In etwa so, wie wenn Uber und Deliveroo zunächst tausende Arbeiter*innen einstellen müssen, bevor sie voll und ganz in fahrerlose Autos investieren. Die Lehre für die Linke bleibt: Menschliche Arbeitskraft steht nach wie vor im Zentrum. Daher sollte auch und vor allem eine Mobilisierung gegen die G20 über das übliche Gipfel-Hopping hinausgehen, das zwar ein großes Momentum für die internationale Linke kreiert hat, aber einen signifikanten Teil längerfristig erschöpft und demoralisiert hat.

Daher ist der nächste logische Schritt, für den Sommer auf den Hamburger Hafen zu fokussieren. Der Anspruch muss gar nicht so hoch sein. Diese Aktion kann ein erster Schritt zu einem transnationalen Netzwerk von Streiks und Störaktionen in der Logistik sein, konkret in Häfen auf der ganzen Welt. Dafür ist eine Kooperation mit den Arbeiter*innen im Logistikbereich unabdingbar.

Ein Grundstein in diese Richtung wurde Mitte März in Hamburg gelegt. Antiautoritäre Gruppen aus ganz Europa haben für den G20-Gipfel eine transnationale Mobilisierungsplattform mit dem Fokus auf Logistik gegründet. Doch dieser Anspruch kann schnell scheitern, nämlich wenn sich auf altbekannten, bequemen Formen in Politik, Organisation und Praxis verlassen wird. Oder, wenn man einfach nur eine wutgeladene, identitätspolitische, coole Intervention hinlegen will, um einige Wenige für die eigenen Reihen zu rekrutieren. Stattdessen müssen ernst gemeinte Debatten geführt werden, welchen theoretischen sowie praktischen Aufwand es bedarf, um ein wirksames kritisches Narrativ gegen die bestehende Realität zu etablieren oder: eine internationalistische Alternative zum Kapitalismus.

Der Autor lebt und arbeitet in Birmingham und ist Mitglied des antikapitalistischen Bündnisses »Plan C« aus Großbritannien. Das Bündnis entstand 2012 im Rahmen der Krisenproteste in Großbritannien und setzte sich den Anspruch, die Lücke zwischen altbewährtem Parteisozialismus und organisierungsfeindlichen Anarchismus zu überwinden. Der Plan ging auf, mittlerweile existieren acht Ortsgruppen. Plan C organisiert Festivals, gibt ein Magazin heraus und ist Teil der europaweiten, logistikkritischen Plattform »Transnational Social Strike« sowie dem antiautoritären Bündnis gegen Kapitalismus »Beyond Europe«. Dieses organisierte vom 10. bis 12. März ein Mobilisierungswochenende zum G20-Gipfel. Aus diesem Wochenende ist eine noch namenslose Plattform hervorgegangen, die während der G20-Proteste zu Aktionen im Hamburger Hafenbereich aufruft. Weitere Informationen finden sich auf: www.weareplanc.org

Übersetzung: Hamid Mohseni

Weitere Beiträge aus unserer nd-Reihe zum G20-Gipfel:

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