Für ein Baby nach Tschechien

Paare aus Deutschland und Österreich erfüllen sich den Kinderwunsch im Nachbarland

  • Von Jindra Kolar, Prag
  • Lesedauer: 3 Min.

Nach erfolgreicher Karriere noch ein Kind? Etliche Paare in Deutschland oder Österreich entscheiden sich erst spät für ein Baby. Wurden vor einem Vierteljahrhundert Über-30-Jährige bereits als Spätgebärende angesehen, ist dieses Alter heute durchaus in der Norm. Immer mehr Frauen entscheiden sich sogar erst mit über 40 für ein erstes Kind.

Leider geht der Wunsch häufig nicht in Erfüllung. Zu lange eingenommene Verhütungsmittel, Erkrankungen oder einfach die ablaufende biologische Uhr stehen dem Wunsch nach Nachwuchs entgegen. Um dem entgegenzuwirken, hat sich auch in Deutschland die Reproduktionsmedizin weit fortentwickelt. Bei der In-Vitro-Fertilisation (IVF) wird der künftigen Mutter eine Eizelle entnommen, außerhalb des Körpers befruchtet und dann in die Gebärmutter eingesetzt.

Was aber, wenn die Frau keine gesunden Eizellen produzieren kann? In Deutschland ist das Einsetzen fremder Eizellen illegal, im Nachbarland Tschechien hingegen per Gesetz geregelt. Kliniken in Prag, Karlovy Vary, Teplice oder Plzen haben sich auf die IVF-Behandlung mit fremden Eizellen - und Samenspenden - spezialisiert und bieten auch ausländischen Paaren mit Kinderwunsch ihre Dienste an.

Die Klinik Karlsbad Fertility, eine der führenden Einrichtungen in der Reproduktionsmedizin Tschechiens, betont auf ihrer Homepage, dass es sich bei den Spenderinnen durchweg um junge gesunde Frauen unter 30 Jahren handele. In der Regel, heißt es in der Eigenwerbung, seien es Hochschulstudentinnen, die sich für eine Eizellenspende zur Verfügung stellten. Zwar dokumentiert die Klinik den gesamten Vorgang und archiviert die Unterlagen für 30 Jahre. Doch sowohl die Eizellen spendende junge Frau als auch die empfangene Mutter bleiben anonym. Beide Seiten können so in einem später möglichen Regressfall nicht zur Verantwortung gezogen werden. Ein Grund, weshalb viele Paare aus Österreich den Weg ins Nachbarland suchen, denn in der Alpenrepublik ist die Anonymität nicht gewährleistet. Doch ethisch bleibt ein Dilemma: Was, wenn der Nachwuchs später einmal seine biologische Mutter kennenlernen will? Das verhindern die tschechischen Gesetze.

Ursprünglich waren die Kliniken für tschechische Paare vorgesehen. »Wir sehen hierzulande, dass die Frauen immer später Kinder bekommen«, erklärt der Gynäkologe Petr Uher von Karlsbad Fertility. Lag das Gebäralter 1980 im Schnitt bei 22 Jahren, so sind die werdenden Mütter heute meist über 30. »Viele Frauen haben über lange Zeit die Pille genommen und können nun auf natürlichem Wege nicht schwanger werden«, begründet Uher die Behandlungen.

Zunehmend jedoch kommen Paare aus den Nachbarländern Deutschland und Österreich, aber auch aus Russland zur IVF-Behandlung. Für die Patienten ist das relativ preisgünstig - für eine künstliche Befruchtung mit einer fremden Eizelle muss man 65 000 Kronen (2400 Euro) bezahlen. Die Spenderin bekommt eine Aufwandsentschädigung von 20 000 Kronen.

Nebst den renommierten Kliniken, die unter gesetzlicher Kontrolle stehen, gibt es allerdings noch den grauen Markt der Leihmutterschaften. Auch diese sind vom Gesetzgeber nicht verboten, bergen jedoch Risiken, da es keine einklagbaren Verträge gibt. Eine Leihmutter ist in Tschechien für 95 000 Kronen zu haben. Welche Folgen das geborene Kind mit sich trägt, ist nicht absehbar, das Risiko tragen die Eltern.

Der Bedarf steigt dennoch stetig: Waren 2010 noch 1795 Behandlungen ausländischer Paare verzeichnet, stieg die Zahl Ende 2015 bereits auf 4874. Auch in den kommenden Jahren werden immer mehr Paare auf ein Baby aus Tschechien hoffen.

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