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AKW Brokdorf setzt Rost an

Der Meiler bleibt wegen oxidierter Brennstäbe weiter vom Netz - kommt nun eine frühere Abschaltung?

  • Von Dieter Hanisch, Kiel
  • Lesedauer: 3 Min.

Das Atomkraftwerk Brokdorf bleibt weiter vom Netz. Nach dem Fund von auffällig dicken Oxidationsschichten auf Brennelementen vor einigen Wochen hatte die Atomaufsicht des Landes Schleswig-Holstein das Wiederanfahren untersagt und damit Streit mit dem Betreiber PreussenElektra provoziert.

Der Reaktor ist aktuell aber auch Zankapfel im politischen Diskurs, wie eine Landtagsdebatte in Kiel am Donnerstagnachmittag zeigte. Eigentlich besitzt der Meiler laut dem Atomausstiegsbeschluss von 2011 noch eine garantierte Laufzeit bis Ende 2021. Doch nicht zuletzt die aktuellen Schwierigkeiten befeuern eine Diskussion, die nukleare Stromproduktion von der Unterelbe schon früher zu beenden.

Das Oxidationsproblem auf einzelnen Brennelementen war Mitte Februar im Zuge der Jahresrevision in Brokdorf festgestellt worden. Der Sachverhalt in dieser Ausprägung bleibt selbst Experten ein Rätsel. Bisher war solch ein Vorkommnis lediglich aus dem Schweizer AKW Leibstadt bekannt geworden, das daraufhin gleich mehrere Monate zum Zwecke der Inspektion und Ursachenforschung still stand, aber seit vergangenem Monat wieder zur Stromproduktion ans Netz gelassen wurde, obwohl es bisher keine plausible Erklärung für das beobachtete Phänomen gibt.

Schleswig-Holsteins Umweltminister Robert Habeck (Grüne), zuständig für die Atomaufsicht, hat PreussenElektras Wunsch widersprochen, den Reaktor wieder hochzufahren, bevor nicht feststeht, wie es zu der über Gebühr aufgetretenen Oxidation gekommen ist. Damit geht Schleswig-Holstein einen anderen Weg als die Eidgenossen. Für PreussenElektra, eine 100-prozentige Tochter des Energiekonzerns E.on, gehen hingegen mit jedem weiteren Tag Stillstand Einnahmen verloren. Und da in Schleswig-Holstein am 7. Mai Landtagswahlen anstehen, spekuliert die FDP, dass es den Grünen höchst ungelegen käme, würde das AKW Brokdorf vor diesem Termin wieder ans Netz gehen.

Im Übrigen zeigen die Nord-Liberalen ein anderes Problembewusstsein als Habeck. So verwies ihr Abgeordneter Oliver Kumbartzky darauf, dass bisher noch kein einziger der 5,5 Millionen Brennstäbe des im Brokdorfer Reaktor verwendeten Typs aufgrund von Korrosionsprozessen undicht geworden sei.

Die Piraten-Abgeordnete Angelika Beer nannte das AKW hingegen eine »tickende Zeitbombe« und verlangte die sofortige Abschaltung für immer. In diesem Zusammenhang benannte Habeck mit Bezug auf eine Bewertung durch die Bundesnetzagentur den Meiler als nicht mehr »systemrelevant« - angesichts der hohen Strommengen aus erneuerbaren Energien sei Brokdorf kein unverzichtbarer Grundlastversorger.

Ein Antrag der Regierungskoalition aus SPD, Grünen und dem Südschleswigschen Wählerverband, dass sich die Landesregierung auf Bundesebene dafür einsetzen solle, dass Energiebetreiber still gelegter Reaktoren keine Reststrommengen mehr auf das AKW Brokdorf übertragen dürfen, fand auch die Zustimmung der Piraten. Begründet wurde der Parlamentsvorstoß damit, dass im nördlichsten Bundesland besonders viel Strom aus erneuerbaren Energien nicht zur Einspeisung komme. Hinter dem Antrag steckt die Berechnung, dass das Atomkraftwerk Brokdorf bereits 2019 oder 2020 seine Stromproduktion einstellen könnte. CDU und FDP stimmten im Landtag dagegen, wobei die Liberalen darauf hinwiesen, dass der Parlamentsvorstoß eigentlich nichts anderes als eine weitgehende Übernahme grüner Parteibeschlüsse darstellt.

Ungeachtet dessen machen sich Visionäre bereits Gedanken für die nachnukleare Zeitrechnung des Brokdorfer AKW-Standortes. Im Rahmen eines »Regiobranding«-Workshops kam Anfang des Monats die Idee auf, das gesamte Areal in ein industriehistorisches Atommuseum umzugestalten.

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