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Adam heißt der letzte Mensch

Deutsches Schauspielhaus Hamburg: Michael Thalheimer inszenierte Kleists »Der zerbrochne Krug«

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 6 Min.

Lügen habe kurze Beine? Wenn das so ist und der Umkehrschluss gilt, freut man sich geradezu auf die Beine der nackten Wahrheit. Der Reiz einer weiblichen Wortverbindung. Aber nein, hier liegt der Fall anders: Die Wahrheit ist zwar auch nackt, aber sie hat Männerbeine. Und schwarzbesockte Füße. Dorfrichter Adam, von Wunden übersät, kriecht von links langsam über die Bühne, durch einen niedrigen Gang, dann rechts hinauf zu einer höheren Etage, wo sein lederner Gerichtssessel steht. Beim Versuch, sich anzuziehen, verheddert er sich im Irrtum, die Jacke sei die Hose, also bleibt er fast zwei Stunden nackt. Keiner der Übrigen reagiert darauf, das kennen wir doch: Tagtäglich sehen wir des Kaisers neue Kleider und wissen um die Blöße. Die wir auch uns selber geben, indem wir fleißig so tun, als ob.

Michael Thalheimer (Bühne: Olaf Altmann, Kostüme: Michael Barth) inszenierte am Deutschen Schauspielhaus Hamburg »Der zerbrochne Krug« von Heinrich von Kleist. Der Klassiker. Der wertvolle Krug der Marthe Rull ist entzwei, es gab ein Handgemenge mit einem nächtlichen Eindringling. Mit dem Krug geht’s auch um Ehre und Tugend der Tochter Eve, zum Glück wurden dem Wüstling zwei harte Hiebe nachgeschickt. Woher nur hat der Richter seine blutenden Kopfwunden, wo ist seine Perücke? Am Ende muss es der Teufel gewesen sein, denn Humpelfußspuren führen im Schnee durchs Dorf - wieso aber hinein in Adams Hof und nicht wieder hinaus? Der Richter mehr und mehr als Ertappter: der Liebesnachtversuch als Preis für ein Attest. Für Eves Künftigen, den Ruprecht - der zum Militär soll.

Das Bühnenbild von Olaf Altmann verbannt die Klägerin, den Zeugen und den falsch angeklagten Ruprecht in jenen Gang mit tief gezogener Decke, wo für vier Leute nur drei Stühle vorhanden sind (Eve muss stehen, für die Unschuldigsten ist nirgends Platz); keiner kann sich hier ganz aufrichten, und durch einen schmalen Spalt nur schaut das Volk hinauf auf die erhöhte Richterebene. Es ist, als blicke man, obwohl nicht verurteilt, durchweg schon aus einem Verlies. Links unten also Volk, rechts oben die Macht. Die Welt: ein Kastenwesen.

Paul Behrens Ruprecht, Aljoscha Stadelmann als sein Vater, Anja Lais’ Marthe Rull und Ute Hannigs Frau Brigitte: Thalheimers starkes Ensemble bietet eine faszinierende Galerie des empört Verletzten, des ängstlich Verschwitzten, des gefährlich Verhuckten, des giftig Verbiesterten und des stumm und bebend Verschüchterten. Die Hemdsärmel zu kurz. Ein Hosengürtel geradezu verzweifelt auf der Suche nach einem Bauch. Im Billigkleid doch Schmuckfäden: Man wär so gern schön. Hände wie dünne Antennen der Verklemmung. Einmal lässt Ruprecht die Hosen fallen: vorauseilende Bereitschaft, vom Vater verdroschen zu werden. Du siehst diese Gedrückten und spürst, wie Menschen ihren Restglauben leben: Demut sei, sich ohne Nachfrage demütigen zu lassen.

Carlo Ljubek als Dorfrichter Adam. Nackt und hilflos springt er seinem Schreiber Licht auf den Arm. Pudert sich ein und den Gerichtsrat Walther, der den Prozess im Revisor-Auftrag beobachtet, gleich mit. Ljubek spielt sich als Adam bravourös durch die Evolution: kriecht wie ein Wurm, tigert wie ein Raubtier. Ist stumpf und stier, geht nahtlos über von Schärfe in Schluffigkeit, von autoritärer Sinnlichkeit in den rüpligen Furor des Grobians. Wimmert dreckig, brüllt, lauert sehnig. Im Schwingen der Lautstärken lässt Thalheimer auch die latenten erotischen Elektrowellen zwischen Adam und Eve deutlich werden.

Besagter Schreiber ist als Einziger adrett gekleidet, und aus einem verzögert schleichenden Büro-Lemuren wird bei Christoph Luser ein mehr und mehr von Ehrgeiz aufgeheizter Paragraphenküsser. Markus John gibt den Gerichtsrat als einen lederzähen Bürobärbeißer, der den sich windenden Adam mit Wein abfüllt. Ein verbeamteter Obrigkeitsgott stieg da in eine Wirklichkeit hinab, für die er im verbissenen Mund wohl schon jenes Wort von der Unterschicht lutscht, das Kleist noch nicht kannte, aber Thalheimer erzählt.

Kleists Text glänzt in dieser geradezu verzweifelten Aufführung, er besticht, er darf seine bösbittere und böswitzige Magie entfalten, aber ohne je etwas zu sein, das gleichsam weihebewusst über die Szene gelegt ist. Dieser Text nimmt sich hier, wie ein ernüchternder Zauber, seinen Weg durchs Mahlwerk einer gerechtigkeitslosen Welt. Nur jener Gott selber, der sich an seiner Schöpfung so gründlich verbastelt hat, könnte diese Welt zurücknehmen. Gott ist ein Theaterbauer, und so tut er’s, und also fährt jetzt das gesamte Bühnenbild weit nach hinten, vorn ist nur noch eine große Verlorenheit, eine weit ausladende Leere, wie ein Weltall - dort steht Eve in ihrer Einsamkeit, aber sie steht, als habe sie eine Kathedrale betreten.

Diese herzensweh bepresste Eve der Josefine Israel. Bisher so fassungslos leidend zwischen mürbendem Druck zur Aussage und ebenso mürbendem Schweige-Recht einer total Unschuldigen. Ein Mensch im dünnen Mäntelchen, wie auf fortwährender Durchreise mitten in ihrem Dorf. Jetzt ein freies, also gottverlassenes Wesen. Das in einem der bedrängendsten Monologe deutscher Theaterliteratur nun endlich die Wahrheit sagt. Sagt? Eine Schnürbrust springt auf. Dies gute Mädchen begründet mit seinem Wort-Atem, mit seinem Bericht von der Grabsch-Nacht selber eine Welt, und worin besteht sie? Aus lauter Glauben an eine Menschenliebe, die sich aber ans All verschwenden muss, um weiterhin Liebe genannt werden zu dürfen. Da steht und spricht Eve, und die Bühne ist der Kosmos - jener Ort, wo die Ausgestoßenen kreisen wie Sterne, und manchmal stürzt deren Flehen wie eine Schnuppe vor die Füße unseres Denkens, und schnell und kurz träumen auch wir die bessere Ordnung der Dinge, aber dann stolpern wir weiter durchs Labyrinth dieser Obenunten-Welt.

Ein Geldbeutel der Käuflichkeit flog durch die Luft. Eve hebt ihn nicht auf und hebt so das Gesetz auf, das gilt. Das macht ihr freilich das Weltall, in dem sie auch keinen Ruprecht mehr haben will, noch leerer. Thalheimer verweigert den Trost des Lustspiels, das den Dorfrichter hinausjagt und ihn doch auch, mit Lachsalven, begnadigt. Gerichtsrat Walther übernimmt: Er nötigt Eve einen sehr langen Kuss ab, drückt ihren Kopf sinnträchtig hinunter zum Hosenbund. Und hinten thront Adam im Sessel, in seiner Nacktheit majestätischer, als es eine Robe je hätte ausdrücken können. Der Körper grinst. Verkommenheit als Ornat.

Friedrich Hebbel schrieb, wie die Stücke anderer Dichter vor Leben strotzten, so starre Kleists Drama vor Leben. Thalheimer entfaltet mit seiner kaltklugen Exekution einen Vulkan des Erstarrtseins, der Lähmung. Lähmung aber, so zieht es sich durch die Zeit, ist die bewährteste Menschenart, in jedem System die Stellung zu halten. Der Gerichtstag, der den Fall des zerbrochnen Kruges klären sollte, gerät hier zum Weltgericht, vor dem am Ende nichts zu verhandeln bleibt. Weil eine Ordnung, in der sich der Mensch wirklich begriffe und in der Gerechtigkeit nicht herrschte, sondern wäre, nur trottlige Phantasie ist. Adam, das klingt nach erstem Menschen und ist ein Vorgriff auf den letzten. Der das Volk der Richter und Dichter begründete: Gewissen - Ruhekissen.

Michael Thalheimer so frappierend frostig im Kerngebiet seiner Gabe: Er kühlt Stücken die Stirn, bis sie in Kenntlichkeit aufschreien. Im Eise fiebrig, in Kälte erglühend. Das geht ins Mark.

Nächste Vorstellungen am 29. März, am 8. und 11. April

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