Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Toshiba will weg von der Atomkraft

US-Tochter des japanischen Mischkonzerns wird wohl Insolvenz einreichen

  • Von John Dyer, Boston
  • Lesedauer: 3 Min.

Toshibas skandalgeplagte US-Atomtochter Westinghouse wird einem Medienbericht zufolge noch in dieser Woche einen Insolvenzantrag einreichen. Der Aufsichtsrat treffe sich am Dienstag, um zu entscheiden, ob das Unternehmen unter Gläubigerschutz saniert werden solle, berichtete die japanische Wirtschaftszeitung »Nikkei« am Montag. Westinghouse wolle die südkoreanische Gruppe Kepco um Unterstützung bei der Umstrukturierung bitten. Beide Unternehmen unterhalten bereits eine Technologiepartnerschaft. Toshiba wollte den Bericht nicht kommentieren.

Hintergrund der Turbulenzen sind Abschreibungen auf das US-Geschäft von Toshiba in Höhe von 712,5 Milliarden Yen (5,9 Milliarden Euro). Dabei geht es um den Kauf des US-Atomkraftwerkbauers CB&I Stone & Webster durch Toshibas US-Tochter Westinghouse. Westinghouse soll die Firma falsch bewertet haben. Der japanische Elektronikkonzern hatte die Probleme Ende 2016 publik gemacht und vor Milliardenabschreibungen gewarnt. Für das bis Ende März laufende Geschäftsjahr muss das Unternehmen wohl mit einem Verlust von 390 Milliarden Yen rechnen. Um seinem Unternehmen mehr Zeit zu verschaffen, hatte Toshiba-Präsident Satoshi Tsunakawa gerade noch einen zweimonatigen Aufschub erwirkt, um die Quartalszahlen vorzulegen. Das geschieht zum zweiten Mal in zwei Jahren.

Darüber hinaus leidet Toshiba weiter unter den Folgen des Bilanzskandals, der im Sommer 2015 bekannt geworden war. Von 2008 und 2014 waren die Bilanzen um umgerechnet rund 1,13 Milliarden Euro geschönt worden. Dem Konzern droht die Entfernung von der Tokioter Börse. Inzwischen wurde ein großangelegter Umbau eingeleitet; unter anderem trennte sich Toshiba von Geschäftsbereichen.

Sein Konzern brauche aber »weitere Reformen«, um die Schwierigkeiten auszugleichen, sagte Tsunakawa vergangene Woche. Dazu gehört dann wohl auch die Möglichkeit, Westinghouse in den Bankrott zu schicken. Die Milliardenverluste der Toshiba-Tochter kommen aus Kostensteigerungen bei Atomkraftwerksprojekten in Georgia und South Carolina.

Die Arbeiten am geplanten Atomkraftwerk Vogtle in Georgia sind kürzlich eingestellt worden, nachdem die lokalen Behörden erklärt hatten, man benötige keine zusätzliche Energie. Die Kosten für den Bau lagen zu diesem Zeitpunkt bereits um drei Milliarden Dollar über den Planungen. Im AKW V.C. Summer in South Carolina gibt es Verzögerungen bei den Bauarbeiten. Ein Bankrott würde es Wes-tinghouse wahrscheinlich ermöglichen, Verträge mit staatlichen Energieversorgern neu zu verhandeln.

Toshiba hat schon einen Teil seines Chipgeschäftes verkauft und könnte die gesamte Atomsparte zum Verkauf anbieten, sagte Tsunakawa. Dabei werde man den Käufer sorgfältig wählen, da es Aspekte der nationalen Sicherheit zu beachten gelte.

Toshiba hatte Westinghouse mit Sitz in Pittsburgh vor zehn Jahren übernommen. Aber das Unglück von Fukushima 2011 hat die Nuklearbranche verändert. Länder wie Deutschland steigen ganz aus der Kernkraft aus. Der Bau von Kraftwerken ist teurer geworden. »Die Ungewissheit über das Ausmaß der Verluste im Nukleargeschäft war Sorge Nummer eins«, sagte der Analyst Hideki Yasuda vom japanischen Ace Research Institute. »Sie abzustoßen würde Toshiba Stabilität und eine höhere Bewertung einbringen.«

Noch ist unklar, wer Westinghouse kaufen könnte. Offenbar gibt es Interesse in China und in Südkorea. China wird bald mehr Kernkraftwerke besitzen als jedes andere Land. Aber die US-Regierung könnte den Verkauf der Ikone der US-Industrie - Westinghouse wurde 1886 gegründet - an Peking bremsen, erklärt George Borovas, ein Anwalt der Nuklearindustrie. Der südkoreanische Elektrizitätskonzern Kepco habe Interesse angemeldet. Nach Borovas Meinung wären Präsident Donald Trump und die US-Behörden offener für einen Verkauf an Kepco als an China.

In einer Erklärung von Kepco hieß es: »Es ist nichts bestätigt oder entschieden. Kepco beobachtet den/die Markt/Branche intensiv und ist bereit, den Kauf zu prüfen, wenn es ein Angebot von Toshiba bekommt.«

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln