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Unter uns

Andreas Koristka über Politiker, Journalisten und die bedrohte Art der Hintergrundgespräche

  • Von Andreas Koristka
  • Lesedauer: 3 Min.

Vor Kurzem hat ein Gericht entschieden, dass die Bundeskanzlerin offenlegen muss, mit wem und worüber sie in Hintergrundgesprächen spricht. Diese Art von Gespräch findet gewöhnlich zwischen unfassbar wichtigen Menschen statt: Journalisten und Politikern. Die Politiker erzählen dabei den Journalisten wertvolle Details aus der Politik, die zu schade sind, um sie direkt dem Pöbel auf der Straße anzuvertrauen. Die Informationen unterliegen dabei einer strengen Klassifizierung. Im Journalistenjargon spricht man von »unter eins«, »unter zwei« und »unter drei«. Unter eins bezeichnet alle Informationen, die uneingeschränkt weitergegeben werden dürfen, wie zum Beispiel: »Angela Merkel sagte, dass sie das neue Gesetz zum Schutz bedrohter Eidechsenarten unterstützt.« »Unter zwei« bezeichnet Informationen, die nicht unter der direkten Nennung des Urhebers weitergegeben werden dürfen. Beispiel: »Wie aus konservativen Kreisen der Union zu erfahren war, hält man das neue Eidechsen-Gesetz für zu weitreichend.« Und Informationen »unter drei« sind geheim und dürfen nicht wiedergegeben werden, weshalb es bis heute ein gut gehütetes Geheimnis ist, dass nach Ansicht Horst Seehofers Angela Merkel Anführerin einer Reptiloiden-Weltverschwörung ist, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Menschheit und alle Bayern zu knechten.

Doch was wird geschehen, wenn es die geheimen Gespräche bald nicht mehr geben kann? Noch ist das Gerichtsurteil nicht rechtskräftig, aber sollte es das werden, stehen die Medien vor immensen Problemen: Wie sollen all die wichtigen Topjournalisten ihre Artikel mit Informationen füllen und ihre Mägen mit kostenlosem Kaffee und belegten Brötchen?

Auf diese Frage hat das Gericht, das das Urteil erließ, natürlich keine Antwort. Dabei wäre genau das so wichtig. Offensichtlich haben die Richter überhaupt gar keine Vorstellung davon, wie der Medienbetrieb funktioniert. Ich möchte das darum gern an dieser Stelle etwas illustrieren: Ich selbst habe für diesen Artikel alle relevanten Informationen von einer wichtigen Person aus der Spitzenpolitik erhalten, die ich hier leider nicht nennen möchte. Nebenbei bekommt man da natürlich einiges zu hören, das man prinzipiell nicht weitertratschen sollte. Ich darf hier wirklich nichts verraten, aber lassen Sie doch einfach mal Ihrer Fantasie über mein Wissen freien Lauf! Was ich allein über Peter Altmaier und Ursula von der Leyen sagen könnte (aber nicht sagen will), würden Sie schon aus physikalischen Gründen gar nicht für möglich halten!

Meine Informationen könnten Sie orientierungslos und verstört zurücklassen. Mir dagegen macht mein Wissen nichts aus. Denn ich bin ein alter Hund, ein Profi eben. Meine Synapsen sind von all den schlimmen Dingen, die ich erfahren musste, vernarbt. Dinge, bei denen Sie schockiert die Augen aufreißen würden, lassen mich nur müde mit den Schultern zucken. Sie lassen mich geradezu gleichgültig zurück wie ein schlecht gemachter matschiger Masala Dosa und ich hunze kaltblütig kurz vor Abgabeschluss einen Artikel hin mit einem Kommafehler, in jeder zweiten Zeile.

Keine einfache Arbeit, sicherlich, aber ich mache darüber kein großes Aufheben. Denn all das gehört zum Beruf eines Journalisten. Genau wie die Hintergrundgespräche und deshalb kann man diese nicht einfach verbieten. Aber ich verstehe natürlich auch ein bisschen Ihre Neugier. Sie, der einfache 08-15-Leser von nebenan, der das Borchardt nur von außen kennt, hätten natürlich auch mal gern das Gefühl, ein wichtiger Teil des großen bedeutenden Berliner Lebens zu sein. Deshalb möchte ich Ihnen hier am Ende des Artikels noch eine kleine, durchaus pikante Information geben: Angela Merkel und ich haben den gleichen Lieblingsitaliener. Das dürfen Sie gern »unter eins« verwenden. Aber die Adresse des Ladens bekommen Sie nicht!

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