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Reif für die Diktatur

Was uns Sinclair Lewis mit seinem 1935 geschriebenen Roman »Das ist bei uns nicht möglich« über die heutigen USA sagt

Alle Welt schaut momentan ratlos über den großen Teich und reibt sich ungläubig die Augen ob der politischen Kapriolen des neuen US-Präsidenten. Keiner weiß, wohin er seinen autokratisch geführten Amerika-Dampfer steuern wird. Mit ein wenig Phantasie jedoch - und der Unterstützung des Literatur-Nobelpreisträgers Sinclair Lewis - lässt sich ein düsteres Bild für die USA der kommenden Jahre zeichnen.

Lewis hatte unter dem Eindruck der damaligen Entwicklung in Nazi-Deutschland im Jahr 1935 mit seinem Roman »It can’t happen here« diese faschistischen Verhältnisse fiktiv auf die USA übertragen und seine Landsleute vor allzu großer moralischer Überheblichkeit gewarnt. Von wegen: »Das ist bei uns nicht möglich«! Nun, 80 Jahre nach diesem Roman-Warnschuss, reibt man sich die Augen ob der genauen Beobachtungsgabe des Autors. Als habe er sich seinerzeit in die Zukunft gebeamt und als Botschafter aus der Vergangenheit die heutigen US-Verhältnisse beschrieben - wohlgemerkt als Anti-Utopie, um die Menschen vor solchen Entwicklungen zu warnen.

Mit blumigen Wahlversprechen lässt sich Buzz Windrip im Roman zum neuen US-Präsidenten wählen. Die Stimmung im Lande nach langer Wirtschaftskrise ist der Nährboden, um »mit sicherem Instinkt für das, was der einfache Mann aus dem Volk zu hören liebte«, Erfolg zu haben. Windrip ist ein begnadeter Schauspieler, der seine Zuhörer in Trance versetzen kann. Und er verkündet im Wahlprogramm sein »America first«: »Ich will nicht eher ruhen, bis wir alle Bedarfsartikel selbst erzeugen können, … damit das Geld im Land bleibt.« Allen reinrassigen Amerikanern verspricht er ein Grundeinkommen, mit dem sie in Zukunft gut leben könnten. Warum ihn also nicht wählen?!

Präsident geworden, reißt Buzz Windrip sofort das Zepter der Macht an sich. Er vereint in seiner Hand Legislative und Exekutive - »der Oberste Gerichtshof darf nichts als verfassungswidrig erklären, was dem Präsidenten zu tun beliebt«. Durch diese gebündelte Macht kann er nun durchregieren. Die Bundesstaaten werden abgeschafft und durch acht regionale Provinzen ersetzt, die unter die Kontrolle des Präsidenten gestellt werden. Es gibt fortan nur noch eine vaterländische Partei - die Unterschiede zwischen Demokraten und Republikanern waren über die Jahre sowieso marginal geworden. Die Presse wird unter staatliche Kontrolle gesetzt; mit ihr steht Windrip seit eh und je auf Kriegsfuß.

Dies nun betrifft den Hauptprotagonisten in Lewis’ Roman in besonderer Weise. Doremus Jessup, ein liberaler Mittelstands-Intellektueller, ist Besitzer und Herausgeber des konservativen »Daily Informer«. Er lässt es sich in seiner journalistischen Ehre nicht nehmen, gegen Buzz Windrip anzuschreiben. Da kann es nicht ausbleiben, dass er mit den neuen Gesetzen in Konflikt gerät. Er wird verhaftet, verhört und nur gegen das Versprechen wieder entlassen, sich künftig jeglicher Kritik an der Regierung zu enthalten. Ach, wie recht hatte Doremus Jessup zu Beginn des Romans, als er seinen unkritischen Zeitgenossen entgegenhielt: »Wann in der Geschichte war je ein Volk so reif für die Diktatur wie unseres!«

So zieht nach kurzer Zeit wie ein eisiger Wind die Angst ins Land. Die Menschen scheuen sich, laut zu sprechen, weil sie überall Windrips Spitzel und seine Sturmtrupps befürchten. Willkürliche Hausdurchsuchungen und Bücherverbrennungen finden statt. Und natürlich wird kräftig für einen Krieg gegen Mexiko gerüstet - Kapitalismus giert schließlich nach Expansion.

Vom Wahlversprechen eines Grundeinkommens ist schon lange keine Rede mehr. Arbeitslager werden errichtet, später Konzentrationslager für unliebsame Regimegegner. In einem dieser Konzentrationslager findet sich auch Doremus Jessup wieder, weil er seiner Wut gegen Windrips Regime weiter Luft gemacht hatte. Selbstkritisch lässt Sinclair Lewis ihn feststellen, dass auch gewissenhafte, ehrbare, nachsichtige Menschen wie er selbst »den Demagogen das Tor geöffnet haben, weil sie sich nicht heftig genug widersetzten«.

Um Widerstand ist es Sinclair Lewis gegangen. Gleichwohl distanziert sich Doremus Jessup nach seinem Willen vom Kommunismus, der für ihn nur die linke Spielart einer gleichgearteten Diktatur ist. Insofern ist es schon bemerkenswert, dass dieser Roman trotz seiner vielen kritischen Bemerkungen zu den diktatorischen Verhältnissen in der Sowjetunion und allgemein zum Kommunismus 1984 im Kiepenheuer-Verlag der DDR erschienen ist. Allerdings, so erkennt auch Doremus Jessup, war der Kampf zwischen diesen Fronten in den USA auch vernebelt - durch jene, »die das Wort Faschismus peinlichst vermieden und die Diktatur des Kapitals mit Phrasen von der konstitutionellen und altamerikanischen Freiheit verbrämten«.

1935 geschrieben, wurde der Roman in den USA zu einem Bestseller. Doch über die Generationen hinweg scheint er immer mehr in Vergessenheit geraten zu sein. Umso bemerkenswerter, dass der Aufbau-Verlag in diesen Tagen eine Neuausgabe auf den deutschen Buchmarkt gebracht hat. Bei der heutigen Lektüre merkt man, dass Sinclair Lewis dieses Werk in nur drei hektischen Monaten zu Papier gebracht hat. Literarisch gehört es sicher nicht zu den Meisterwerken des Nobelpreisträgers. Viele Figuren bleiben schemenhaft, passagenweise liest sich der Roman wie ein Großessay, was seiner aktuell-politischen Brisanz keinen Abbruch tut.

Sinclair Lewis: Das ist bei uns nicht möglich. Roman. Aus dem Amerikanischen von Hans Meisel. Nachwort von Jan Brandt. Aufbau, 448 S., geb., 24 €.

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