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Zu allem bereit

»Schlagercountdown«

  • Von Mark-Stefan Tietze
  • Lesedauer: 3 Min.

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Es war Neugier. Ich hatte nur ins Erste hinübergeschaltet, weil die Sendung »Schlagercountdown - das große Premierenfest« in meinem TV-Guide als »die überraschende Show mit Florian Silbereisen« angekündigt stand. Was um alles in der Welt sollte da überraschend sein? Waren nicht Silbereisen und alles, für das er stand, von vollständiger Überraschungsfreiheit gekennzeichnet? Und war es nicht das, wonach sein Publikum dürstete, um in dieser verstörenden Welt des Wandels nicht vollends irre zu werden?

Tatsächlich plumpste ich gleich in den öden Piraten-Mummenschanz einer Band namens »Santiago«. Mit der absehbarsten Melodie über den abgegriffensten drei Volksliedakkorden bot sie das erwartbare Notenmaterial für Leute, die Musik hassen, beschmiert mit einem dickflüssigen Mitsingtext à la »Wir halten zusammen«. Es folgte ein ähnlich billig hergestelltes Industriesandwich aus Klang, belegt mit Zeilen wie: »So wie eine Gangsterbraut / Hast du mir mein Herz geraubt / So wie Bonnie und Clyde / Bin zu allem bereit heut Nacht.« Freddy und Martin hießen die unsympathischen Interpreten, als Duo offenbar »Fantasy«. Aber wo waren jetzt die Überraschungen?

Sogar zwei hatten die beiden mitgebracht, wie Silbereisen augenzwinkernd mitteilte. Die eine bestand darin, dass das Ensemble schon zwanzig Jahre existierte, die zweite im mitgeschleiften Nachwuchsstar Sandro - fast noch ein Kind, in T-Shirt, Jackett und Jeans. Während der Jüngling eine schreckliche Heiratsbetrugsnummer mit dem Titel »Sag einfach Ja« aufführte, klaubte er einen Strauß Rosen vom Tisch und verteilte ihn grinsend ans weibliche Publikum, abgezockt wie ein Alter!

Der synthetische Schlagerkitsch beruhte natürlich auf den vorhersagbarsten Akkordwechseln, lyrisch wurde es komplett abgeschmackt: »Kann denn Liebe Sünde sein / mit mir heute Nacht? / Wenn du dasselbe fühlst / Sag einfach Ja.« Ich wunderte mich überhaupt nicht darüber, dass das Hallenpublikum aus vollem Hals mitsang, obwohl der Typ doch völlig unbekannt war.

Als Silbereisen anschließend Emma, den jüngsten Spross des Kelly-Familienclans anmoderierte, die mit ihrem Papi zusammen »Angel« singen würde, wusste ich nicht, dass damit das Ereignis des Abends seine Schatten vorauswarf, und verließ den TV-Apparat für ein Telefonat. Bei meiner Rückkehr wollte ich dann auch ausschalten, aber - laus mich der Affe - erlebte stattdessen die leibhaftige Reunion der Kelly Family nach soundso viel Jahren!

Die sechs sahen schon ein bisschen angegraut aus, hatten bestimmt viel mitgemacht. Der getragene Titel atmete Melancholie und hieß schön entfremdet »Fell in Love with an Alien«. Es handelte sich zwar auch um konfektioniertes Liedgut. Aber eben um normalen Pop von internationalem Zuschnitt, der - trotz Mitklatschpart und jaulenden Leadgitarren im Outro - in diesem erstickenden Rahmen deutscher Schlagertradition fantastisch gut, ja geradezu aufregend klang. Das war für mich eine Überraschung; und für diese Erfahrung bin ich der Kelly Family dankbar.

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