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Ein Business für alle Generationen

Immer mehr Animationsfilme für Kinder sprechen auch Erwachsene an. »The Boss Baby« ist dafür ein aktuelles Beispiel

  • Von Christian Baron
  • Lesedauer: 4 Min.

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Durch den dunklen Flur hallt am späten Abend eine düster anmutende Männerstimme. Schwaches Licht schimmert unter der Tür hindurch. Einem in verschwörerisch gedämpftem Ton geführten Dialog lassen sich Satzfetzen entnehmen wie »Schlafentzug« und »Hungerstreik«. Ist der siebenjährige Tim Templeton einem Verbrechen auf der Spur? Eigentlich dürfte in diesem Zimmer nur der kleine Bruder in seiner Säuglingswiege schlummern. Als sich Tim mit einer Tennisballkanone hineinschleicht, entdeckt er das Neugeborene, wie es in ein Spielzeugtelefon hineinspricht.

Das ist die Szene, mit der Tom McGrath die Handlung seines Animationsfilms »The Boss Baby« in Fahrt bringt. Sie kopiert das klassische Setting des Auf-die-Schliche-Kommens und offenbart den Clou des Werks: Ein Bambino in Businessanzug mit Aktenköfferchen und goldener Armbanduhr, der sprechen kann und eine Mission verfolgt. Der Winzling handelt im Auftrag des Monopolkonzerns »Baby Corp«, der kinderlose Paare zu glücklichen Familien machen will. Denn Babys sind in dieser 2010 durch die Buchautorin Marla Frazee erdachten Welt nicht die aus körperlicher Zuneigung entstehende Frucht des menschlichen Leibes. Sie werden vielmehr in einer himmlischen Fabrik am Fließband hergestellt und in zwei Kategorien eingeteilt: Fröhliche Würmchen gelangen über einen Storch zu sich nach einem Kind sehnenden Erdenbürgern, mürrische Windelpupser starten dagegen eine Karriere als Manager im Babyunternehmen. Der irdische Geschäftsmann Francis E. Francis hat jetzt Hundewelpen entwickelt, die niemals altern. Damit will er »Baby Corp« überflügeln und die Hingabe der Menschen von den Zweibeinern auf die Vierbeiner lenken.

Am Beispiel dieser handwerklich perfekt gemachten Komödie ließe sich jetzt kinderleicht eine tief gehende Ideologiekritik entfalten. Etwa darüber, was Karl Marx wohl zur hier mit augenfälliger Symbolik aufgeladenen Unterscheidung zwischen gutem und bösem Kapitalismus gesagt hätte. Oder zur Frage, wie Friedrich Engels am dominanten Erzählstrang die Verbindung zwischen kapitalistischen Produktionsverhältnissen und bürgerlichem Familienideal hätte studieren können. Das alles wäre aber nichts Neues. Mit beiden Grundelementen funktionieren auch Jahrzehnte alte Produktionen aus dem Hause »Disney«. Dafür illustriert »The Boss Baby« exemplarisch eine neue Entwicklung, die einiges aussagt über die Strategie des Blockbusterbetriebs. Denn dieser vordergründig auf Kinder ausgerichtete Film enthält zahlreiche Anspielungen und Gags, die nur Erwachsene verstehen können.

Während der zum obligatorischen Happy End führenden Babyrettungsaufgabe, der sich Tim schnell anschließt, fallen Sätze wie dieser: »Die Leute auf Long Island wissen echt nicht, wie man Eistee macht.« Das Baby artikuliert sich in den witzigsten Szenen in Managementphrasen. Außerdem imitieren mehrere Einstellungen legendäre Erwachsenenfilme wie »Der Exorzist« oder »Der Pate«. Mit diesen Kniffen hat »The Boss Baby« prominente Vorläufer. Pete Docters »Alles steht Kopf«, der 2016 mit dem Oscar ausgezeichnet wurde, kommt etwa genauso hektisch, aufgekratzt und kindgerecht daher wie »The Boss Baby«. Er geht aber noch einen Schritt weiter und verknüpft die süßliche Story mit einer der derzeit meistdiskutierten philosophischen Fragen: Hat der Mensch einen freien Willen? Der Film verneint diese Frage: Im Gehirn der elfjährigen Riley, in dem sich der Großteil der Handlung abspielt, arbeiten tüchtige Wesen, die den Emotionshaushalt ihrer Wirtin steuern und für sie alle Entscheidungen treffen.

Animationsfilme speziell für Erwachsene gibt es schon lange. Seinen Durchbruch schaffte das Genre 1978, als Martin Rosens »Watership Down« ins Kino kam. In jüngerer Zeit stachen im Arthouse-Spektrum »Persepolis« (2007), »Waltz with Bashir« (2008) oder »Anomalisa« (2016) heraus, im Multiplex-Segment waren es die Fäkalhumorstreifen »Ted« (2012) und »Sausage Party« (2016). Offenbar reicht es den Filmemachern aber nicht mehr, nur eine Zielgruppe anzusprechen. Was mit »The Simpsons« seit 1989 famos gelingt, das erproben immer mehr Trickfilmhersteller: Mit eingängigem Plot und tiefgründigem Subtext möchten sie Widersprüchliches symbiotisch zusammenführen.

Tatsächlich: Die mit diesem Anspruch antretenden Produktionen sind erfolgreicher. Während reine Kinderfilme wie »Vaiana«, »Ballerina« oder »Arlo und Spot« an der Kasse gefloppt sind, zogen mit Erwachsenenproblemen gespickte Animationswerke wie »Zoomania« (Rassismus), »Sing« (Selbstverwirklichung) und »Pets« (Heimat) viel mehr Publikum an.

Verstärkt hat sich der Trend dadurch, dass die Rollen von großen Stars synchronisiert werden - eine teure, aber wirkungsvolle Idee. In »The Boss Baby« spricht Alec Baldwin den Titelhelden (im Deutschen Baldwins Stammsprecher Klaus-Dieter Klebsch) mit dem diesem Schauspieler eigenen tragikomischen Esprit. Für die Verbindung von Erwachsenen- und Kinderhumor ist in diesem Sinn der Fortgang der eingangs erwähnten Szene prototypisch, weil hier ein platter Widerspruch (Baby spricht mit tiefer Männerstimme) und ein voraussetzungsvoll transportierter Inhalt zusammenkommen. Das Baby fordert mit feierabendlich locker gebundener Krawatte den Bruder auf: »Besorg mir nen doppelten Espresso und guck, ob man hier irgendwo ordentliches Sushi kriegt.« Geldscheine herauskramend und die Wangen des Älteren tätschelnd, vollendet es: »Und du, gönn dir auch was Schönes.«

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