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Wels, Erzberger. Und wie weiter?

Am 23. März gab Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) bekannt, dass die vom Bundestag genutzten Häuser Unter den Linden 50 und 71 fortan die Namen Otto Wels und Matthias Erzberger tragen. Der eine war führender Sozialdemokrat, der andere Zentrumspolitiker in der Weimarer Republik. Letzterer fiel 1921 einem Attentat der rechtsradikalen Organisation Consul zum Opfer, einer militanten Geheimorganisation, die aus der Marine-Brigade Ehrhardt hervorging, die 1919 die Bremer und die Münchener Räterepublik zerschlug und am Kapp-Putsch im Folgejahr beteiligt war.

Gegen den Anschlag auf die noch junge Weimarer Demokratie im März 1920 hatte Wels als SPD-Vorsitzender zusammen mit dem Gewerkschaftsfunktionär Carl Legien einen erfolgreichen Generalstreik geleitet und den Rücktritt des im Putsch involvierten Reichswehrministers Gustav Noske erzwungen. Unrühmlich hingegen seine Haltung in der Novemberrevolution: Im Dezember 1918 etwa ließ er in seiner Eigenschaft als Berliner Stadtkommandant auf demonstrierende Spartakisten schießen; bei seinem Versuch, die Volksmarinedivision aus dem Stadtschloss der gestürzten Hohenzollern und dem Marstall zu vertreiben, wurde er von den revolutionären Matrosen festgesetzt. In die Annalen der Geschichte schrieb er sich mit seiner mutigen Ablehnung von Hitlers Ermächtigungsgesetz im Reichstag am 23. März 1933 ein; die KPD-Fraktion gab es da schon nicht mehr. Wels sagte damals die heute viel zitierten Worte: »Freiheit und Leben kann man uns nehmen, die Ehre nicht.« Sein Name stand denn auch auf der ersten Ausbürgerungsliste der Nazis. In Prager Emigration baute Wels die Exilorganisation der SPD (Sopade) auf. Er starb 1939 in Paris.

Erzberger, der mit dem (damals noch) SPD-Abgeordneten Karl Liebknecht als Einziger im Reichstag gegen den türkischen Genozid an den Armeniern protestierte, geriet ins Visier der deutschen Rechten, als er 1917 für einen »Verständigungsfrieden« ohne Annexionen eintrat - und erst recht, nachdem er als Mitglied der deutschen Delegation den Waffenstillstand von Compiègne am 11. November 1918 unterzeichnete. Das Reformpaket, das er als Reichsminister der Finanzen schnürte, machte ihn noch mehr zur Zielscheibe rechter Propaganda, die sogar aus Regierungskreisen befeuert wurde, so durch den Staatssekretär und Deutsche-Bank-Lobbyisten Karl Helfferich. Erzbergers Mörder wurde von der auf dem rechten Auge blinden Weimarer Justiz nur zu einer Geldstrafe verurteilt.

Nach der liberalen Frauenrechtlerin Marie Elisabeth Lüders, dem Christdemokraten Jakob Kaiser und dem Sozialdemokraten Paul Löbe nun also Wels und Erzberger. Sie verdienen zweifellos diese hochoffizielle Ehrung in der Hauptstadt. Bleibt nur zu hoffen, dass sich auch mal für einen Namen weiter links ein öffentliches Gebäude findet. Indes, der Glaube fehlt: Die Berliner Republik leidet wie die Weimarer an einer Rechtsblindheit, die das linke Auge überstrapaziert und wilde Halluzinationen befördert. So wurde jüngst der von der Linkspartei unterbreitete Vorschlag gleichwertiger Ehrung der Alterspräsidentin des Parlaments der ersten deutschen Demokratie, Clara Zetkin, angstvoll und arrogant abgelehnt.

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