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Guten Tag, fremder Nachbar!

Fotografien von Lorenz Kienzle und Omar Akahare im Käthe-Kollwitz-Museum

  • Von Anita Wünschmann
  • Lesedauer: 4 Min.
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»Schau mir in die Augen, Kleines!« - ein klassischer Spruch, Filmgeschichte, Fluchtgeschichte: »Casablanca« mit Humphrey Bogart und einem Übersetzungsfehler (eigentlich sagte Bogart den Trinkspruch »Here›s looking at you, kid«). In einer später synchronisierten Fassung heißt es: »Ich seh dir in die Augen, Kleines!« Auch das ist falsch übersetzt, trifft aber immerhin dieses charmante Versprechen, dass die Augen etwas von der Aufrichtigkeit des Gefühls verraten. So funktioniert auch ein Großteil der Porträtfotografie, vielleicht der schwerste, denn der Blick in die Kamera ist eine heikle Sache. Darum gibt es andere Erzählweisen mit Gesten, Accessoires, Räumen, die es den Abgelichteten erleichtern, etwas von sich mitzuteilen.

Das Berliner Käthe-Kollwitz-Museum zeigt in einer Wechselausstellung etwa 30 Porträtfotografien von Lorenz Kienzle. Der Berliner Fotograf hat Menschen aus Syrien, Vietnam, Afghanistan, Tschetschenien vor die Kamera gebeten. Die Bilder wirken unprätentiös und sind frei von jeglicher Raffinesse. Kienzle konzentriert sich auf den jeweiligen Menschen, face to face. Die Augen, der Blick in die Kamera. Man könnte sagen, die Arbeiten wirken fast banal in ihrer gleichförmigen Regie: Fotografiert sind die Personen zumeist auf einem nah gelegenen Feld mit geringfügig erhöhtem Horizont oder in sparsamem Ambiente, in der Küche, im Flur, auf dem Hof oder vereinzelt im städtischen Raum. Sachlichkeit und Empathie sind in eigenwilliger Balance. Fast aus jedem Bild spricht ein gewisses Maß an Vertrauen im Umgang miteinander, das auch durch die Gastfreundschaft der abgelichteten Geflüchteten bestärkt wird. Der Fotograf hat sich immer wieder in einem Flüchtlingsheim in Guben an der deutsch-polnischen Grenze bzw. im Übergangsheim im märkischen Lietzen aufgehalten.

Von Yosufy aus Afghanistan, der inzwischen auch Deutsch lernt, heißt es: »Seitdem purzeln die Worte nur so aus ihm heraus. Immer, wenn ich in Lietzen zu Besuch komme, drückt er mir ein Stück Obst in die Hand. Inzwischen bekocht er mich sogar.« Nur ein Foto zeigt pure Skepsis und ein Sich-Abwenden von drei jungen Männern, die offensichtlich kein Verlangen nach einem Shooting hatten und dennoch einen Schnappschuss ermöglichten. Kienzle war einem Aufruf von Freelens e.V. zu einem fotografischen Projekt mit dem Titel »Ein Tag als Flüchtling« gefolgt. Es begann im Herbst 2015, in angespannten Monaten, als es in einer Gemengelage aus asylrechtlichem und humanitärem Handeln zu Überforderung, eiligen Improvisationen und Engpässen kam. Eine Zeit des Engagements sowie fremden- und politikfeindlicher Aggressionen.

Lorenz Kienzle, der sich zuvor erfolgreich mit Industriegeschichte befasst hatte, zum Beispiel in der einstigen Hut- und Textilstadt Guben, fuhr also wieder in das brandenburgische Grenzstädtchen, um dort die unbekannten Menschen zu treffen und sie für die Teilnahme an dem fotografischen Projekt zu gewinnen. Unterstützung erfuhr er durch Omar Akahare. Der studierte Übersetzungswissenschaftler für Arabisch und Englisch kommt aus Lattakia. Er war als Dolmetscher auch in Seelow tätig. Akahare hat assistiert, Gespräche ermöglicht und einen Film zum Thema realisiert. Wie hat sich die Lebenssituation der Menschen verändert? Das ist eine seiner Hauptfragen.

Zu sehen sind selbstbewusste Frauen, die für ihre Familie sorgen, die sich allein auf den Weg gemacht haben, Frauen mit und ohne Kopfbedeckung. Familien, Männer, Muslime. Das dynamischste Bild von Kienzle zeigt Mohammad, Daniel, Ali und Mortaza am 27. Dezember 2016, als sie in der Heimküche Fladenbrote in der Pfanne backen. Dazu fällt die Bemerkung: »Über ein Jahr warteten sie auf ihre Anhörung zum Asylverfahren und waren zum Nichtstun verurteilt. Der Sport war ihr einziger Zeitvertreib.« Ein großes Gruppenporträt zeigt die Familie Khalil. Der Vater kam 2015 nach Lietzen, und ein Jahr später gelang die Familienzusammenführung. Selbstbewusst präsentiert sich der Imam aus Tschetschenien, der davon träumt, Fußballtrainer zu werden.

Die Tiefe der analog fotografieren Schwarz-Weiß-Porträts gelingt nicht an einem Tag. Darum hat Kienzle das Projekt auf ein Jahr erweitert, hat sich mit den Menschen angefreundet, ganze Serien abgelichtet: Die Prozesse vor Ort, die Hoffnungen auf Familienzusammenführung, auf Arbeit oder die Anerkennung des Status, die Umzüge innerhalb Deutschlands und die bitteren Enttäuschungen, wenn alles Warten vergeblich war, all das hat er miterlebt und notiert.

Le aus Hanoi lernt Kienzle in einem Supermarkt kennen. Er zeigt sie mit karierter Bluse und nacktem hochschwangerem Bauch. Dann ein Foto mit Baby Vy, die Mutter-Kind-Figuration, und ein Jahr später Le und Vy inmitten der aufragenden Ähren eines Getreideackers in der märkischen Landschaft. Was hat man denn da unter den Füßen? Heimatboden, Mutter Erde, Gastgeberland?

»Ein Jahr Heimat. Foto- und Filmausstellung von Lorenz Kienzle und Omar Akahare«, bis zum 1. Mai im Käthe-Kollwitz-Museum, Fasanenstr. 24, Charlottenburg

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