Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Serbien will den »starken Mann«

Regierungschef Vucic eindeutiger Sieger bei den Präsidentenwahlen

  • Von Thomas Roser, Belgrad
  • Lesedauer: 3 Min.

Die Anhänger im Hauptquartier der nationalpopulistischen Fortschrittspartei (SNS) jubelten. Eine Blaskapelle rumpelte mit einer russischen Kalinka-Weise durchs Gemenge. Und der amtierende serbische Regierungschef Aleksander Vucic hob nach seinem erfolgreichen Sturmlauf ins Belgrader Präsidentenamt zum Loblied auf die Wähler an. Seine Landsleute hätten klar gezeigt, dass sie »schneller und stärker« vorwärts streben wollten, zitierte der Triumphator den eigenen Wahlslogan: »Dieser Sieg ist sauber wie eine Träne.« Mit 55,1 Prozent hatte der SNS-Chef zwar drei Prozent weniger als die ihn unterstützenden Parteien bei der letzten Parlamentswahl erzielt. Doch die Rechnung des früheren Informationsministers mit seinem inszenierten Blitzwahlkampf gegen die von den TV-Schirmen weitgehend verbannte Opposition ging auf. Schon im ersten Wahlgang vermochte Vucic sein anvisiertes Wahlziel zu erreichen. »Vucic hat die Opposition K.o. geschlagen!« titelte am Montag das regierungsnahe Boulevardblatt »Alo!«.

Ausdrücklich bedankte sich der Wahlsieger auch für die Schützenhilfe aus Berlin und Moskau: Dass man ihn dort mitten im Wahlkampffinale empfangen habe, sei Beleg dafür, dass »Angela Merkel und Wladimir Putin nicht schlecht über mich denken«.

Katzenjammer war hingegen bei den Gegenkandidaten angesagt. Mit dem zweifelhaften Titel des Stärksten unter den Schwachen vermochte sich der frühere Ombudsmann Sasa Jankovic (16,2 Prozent) zumindest zu trösten: Analysten halten es für nicht ausgeschlossen, dass er nun eine eigene Partei gründen könnte.

Der »Parodiekandidat« Ljubisa Überläufer (9,44 Prozent) erzielte zwar einen Achtungserfolg, konnte aber nur eher ernüchterte Oppositionsanhänger und weniger bisherige Nichtwähler für den Urnengang mobilisieren. Restlos enttäuschend verlief die Wahl für Ex-Außenminister Vuk Jeremic (5,64 Prozent) und für den ultranationalistischen SRS-Chef Vojislav Seselj (4,47 Prozent), die sich vorab Hoffnungen auf den Einzug in die Stichwahl gemacht hatten. Ihr Debakel zeigt, dass Vucic die rechtsnationalen Kräfte fast vollständig absorbiert hat.

Die Verlierer machten vor allem die totale Medienkontrolle von Vucic für ihre Schlappe verantwortlich. Die Wählerabstinenz habe gesiegt, klagte der kläglich gescheiterte Ex-Wirtschaftsminister Sasa Radulovic (1,4 Prozent). Tatsächlich gaben nur etwa 54,6 Prozent der 6,7 Millionen Wahlberechtigten ihre Stimme ab. Doch dass viele ihrer Anhänger den Urnen fernblieben, hat sich die Opposition vor allem selbst zuzuschreiben: Die Unfähigkeit, sich auf einen gemeinsamen Kandidaten zu einigen, führte zu Umfragerückständen von über 40 Prozent und ließ die Erfolgschancen schon vorab fast völlig schrumpfen.

Doch letztlich ist es der serbische Hang zum »starken Mann«, der die Wähler auf den autoritär auftretenden Vucic setzen ließ. Laut einer Umfrage des Demostat-Instituts glauben drei Viertel der Wähler, dass das Land einen »starken Führer« benötige. Zu einem eher autoritären Politikmodell bekennen sich 61 Prozent. Nicht Regierungschef Vucic habe die Präsidentenwahl gewonnen, gesiegt hätten vielmehr Furcht und »das niedrige Niveau der sozialen Intelligenz«, kommentiert deshalb Slavisa Lekic, der Chef des Journalistenverbands NUNS, den Wahlausgang bitter. Die Serben würden mit Vucic einen »Präsidenten nach Maß« erhalten - »genauso wie er die Bürger erhält, die er verdient.«

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln