Werbung

»Lehrer sind schlicht überfordert«

Initiative kritisiert Schule für zu spätes Eingreifen nach antisemitischen Übergriffen

  • Von Jérôme Lombard
  • Lesedauer: 4 Min.

Echt jetzt? Ihr wollt Geld von mir?

Ja, herrgottnochmal, es kostet!

Auch, wenn's nervt – wir müssen die laufenden Kosten für Recherche und Produktion decken.

Also, mach mit! Mit einem freiwilligen regelmäßigen Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Herr Langer, ein 14-jähriger jüdischer Schüler hat nach antisemitischen Beleidigungen und einem tätlichen Angriff durch Mitschüler an der Friedenauer Gemeinschaftsschule die Institution verlassen. Die Schulleitung sucht nach dem richtigen Umgang mit dem Vorfall. Dafür will sie Ihre Initiative kontaktieren. Welche Konsequenzen müssen gezogen werden?
Die Eltern des betroffenen Jungen hatten uns schon im Dezember angesprochen. Sie wollten, dass wir einen Toleranzworkshop in der Klasse durchführen. Das hätten wir auch gerne gemacht. Die Schulleitung hat aber nicht auf unsere Anfrage reagiert.

Die Eltern des Jungen werfen der Schulleitung vor, zu spät auf die seit Monaten andauernden antisemitischen Beschimpfungen seitens türkisch- und arabischstämmiger Schüler reagiert zu haben. Hätte der gewalttätige Übergriff vor zwei Wochen mit einem früheren Eingreifen der Schulleitung verhindert werden können?
Das kann man nicht mit Garantie sagen. Ich denke aber, dass wir mit einem Workshop einiges bewegt hätten. Dafür hätte uns die Schule nur einladen müssen. Das Problem wurde in seiner Ernsthaftigkeit zu spät erkannt. Ich sehe hier ein klares Versäumnis der Schulleitung.

Die Schule gehört zum Netzwerk »Schule ohne Rassismus«. Regelmäßig gibt es Projekttage zu Diskriminierung und Mobbing. Trotzdem war ein Schüler über Monate hinweg Antisemitismus ausgesetzt. Werden entsprechende Einstellungen muslimischer Jugendlicher nicht ernst genommen?
Ich glaube nicht, dass das Problem nicht ernst genug genommen wird. Schulleiter und Lehrer sind schlicht überfordert. Mobbing ist ein ernstes Problem an Berliner Schulen, wird aber zu selten erkannt. Die finanziellen und menschlichen Ressourcen fehlen. Ich habe Wertschätzung für das, was das Netzwerk »Schule ohne Rassismus« äußert. Aber ein Projekttag im Jahr reicht nicht. Genauso wenig wie eine Plakette an der Eingangstür.

Ihre Initiative betreut interkulturelle Workshops an Schulen. Ein Dialogprojekt über den Nahostkonflikt wird von einem jüdischen und einem muslimischen Initiativmitglied betreut. Welche Erfahrungen machen Sie da?
Wir gehen hauptsächlich an Schulen in Neukölln, in Klassen mit hohem Migrationsanteil. Die meisten Schüler haben noch nie einen Juden gesehen. Viele stammen aus muslimischen Elternhäusern. Antiisraelische Vorurteile sind hier weit verbreitet. Es kommt immer wieder zu inhaltlichen Vermischungen: Alle Juden werden dann für Israels Politik verantwortlich gemacht und alle Israelis für den Siedlungsbau. Solchen Stereotypen begegne ich immer wieder, natürlich auch unter Nicht-Muslimen. Wir versuchen, in lockerer Atmosphäre mit den Schülern zu sprechen und der Homogenisierung entgegenzuwirken. Das ist harte Arbeit. Vorurteile werden leider nicht an einem Tag abgebaut.

Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, kritisiert, dass in einem Teil der Moscheen in Deutschland Judenhass und Israelfeindlichkeit Vorschub geleistet werde. Sehen Sie die muslimische Gemeinde in der Pflicht, energischer gegen Antisemitismus in den eigenen Reihen vorzugehen?
Ja. Ich sehe den Kampf gegen Antisemitismus als gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Gegen antisemitische Ressentiments muss in der Moschee und überall vorgegangen werden.

Der Fall aus Friedenau hat Stimmen laut werden lassen, die einen Antisemitismus-Beauftragten der Bundesregierung fordern. Jüdische Organisationen erachten das schon seit Langem als notwendig. Was halten Sie davon?
Wenn sich viele jüdische Bürger das wünschen, unterstütze ich die Idee eines institutionalisierten Ansprechpartners. Ich glaube aber kaum, dass ein solches eher symbolisches Amt ausreichen wird. Der Antisemitismus ist tief in der Gesellschaft verwurzelt. Daher müssen wir ihn direkt an den Wurzeln packen. Das heißt: Mehr Geld für Bildung, Antidiskriminierungsprojekte und Lehrerfortbildungen.

Was ist die Konsequenz aus dem Fall?
Das ist, die Wichtigkeit von Aufklärungsarbeit zu betonen. Wir dürfen es nicht zulassen, dass Kinder in Schulklassen gemobbt werden. Dabei ist es egal, aus welchem Grund das Mobbing passiert. Lehrerinnen und Lehrer müssen für alle Formen der Diskriminierung im Klassenzimmer sensibilisiert werden. Mit den Gewalttätern muss ernsthaft gesprochen werden. Wenn sie strafmündig sind, sollten sie juristisch zur Rechenschaft gezogen werden.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!