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Zu viele Beweise für eine einfache Wahrheit

Wer setzte in Syrien Sarin ein? Eine unabhängige Untersuchung wäre trotz Bürgerkriegs möglich

Jüngst hatte die Bundesregierung viel Mühe beim Versuch, den deutschen Anteil an der Bombardierung einer Schule in der syrischen Ortschaft Mansura klein zu reden. Nun könnte sie den Wert deutscher Luftaufklärung unter Beweis stellen, wenn sie aktuelle Fotos der 90 000-Einwohner-Stadt Chan Scheichun vorlegen würde. Dann ließe sich womöglich beurteilen, ob dort am Dienstag ein Munitionslager der Al-Nusra-Aufständischen bombardiert worden ist. Das behauptet der Moskauer Generalstab. Dabei, so informierte man unter Berufung auf die syrischen Verbündeten, sei von Rebellen gelagerter C-Kampfstoff frei geworden.

Die syrische Opposition sowie westliche Regierungen sprechen von einem Luftangriff mit Chemiewaffen, für den die Regierung in Damaskus verantwortlich ist. Dabei seien mindestens 86 Menschen ums Leben gekommen, Dutzende sind verletzt.

Experten unter anderem der Weltgesundheitsorganisation gehen davon aus, dass das Nervengas Sarin eingesetzt worden ist. Syrien hatte seit den 70er Jahren große Mengen Chemiewaffen produziert, darunter auch Sarin. Der Vorfall vom Dienstag ist der verheerendste dieser Art seit dem Chemiewaffeneinsatz von 2013. Damals wurde mit Boden-Boden-Raketen ein Vorort von Damaskus verseucht. Hunderte Menschen kamen ums Leben. Der damalige US-Präsident Barack Obama drohte mit einer Flugverbotszone und Vergeltungsangriffen, weil er zuvor den Einsatz von Chemiewaffen als rote Linie bezeichnet hatte. Von Russland gedrängt, stimmte Machthaber Baschar al-Assad im Oktober 2013 der Vernichtung sämtlicher Chemiewaffen seines Landes zu. Unter Aufsicht der UN-Organisation für das Verbot von Chemiewaffen (OPCW) wurden die deklarierten Waffen zerstört und Syrien 190. Vertragsstaat der Chemiewaffenkonvention: Die OPCW bekam den Friedensnobelpreis, doch westliche Staaten behaupteten nach Inspektionen weiter, Assad habe nicht alle C-Waffen abgeliefert. Möglich.

In den Jahren 2014 und 2015 setzte die Assad-Seite erneut Kampfstoffe ein: Chlorgas, das steht nicht direkt auf der C-Waffen-Verbotsliste. Der Islamische Staat (IS) wurde beim Einsatz von Senfgas erwischt. Das wesentlich aggressivere Sarin wurde auf keiner Seite identifiziert.

Nun ist es für Terroristen aller Art - anders als zu Zeiten, da Hitlers Wissenschaftler Sarin entwickelten - kein Problem mehr, diesen Kampfstoff unbemerkt herzustellen. Doch warum sollte die Luftwaffe dieses Massenvernichtungsmittel jetzt ausgerechnet in Chan Scheichun einsetzen? Um die von der EU initiierte Syrien-Geberkonferenz zu sabotieren? Um den neuen US-Präsidenten zu »zwingen«, Obamas Angriffsdrohungen wahr zu machen? Da hätte das mit Damaskus verbündete Russland gewiss anders reagiert, denn in Moskau kann niemand ein Interesse an einer direkten Konfrontation mit den USA haben.

Eine vorurteilsfreie Untersuchung des Kriegsverbrechens ist möglich. Auch ohne vor Ort zu sein, kann man leicht feststellen, welcher militärische Kampfstoff - so es einer war - eingesetzt wurde. Sarin ist bei Bluttests noch wochenlang nachweisbar und zahlreiche Verletzte hat man zur Behandlung in die Türkei gebracht.

Einen Hinweis auf die Täter erhält man so freilich noch nicht. Doch dabei helfen auch keine - in Medien zitierte - Augenzeugenberichte. Einige dieser »unabhängigen« Beobachter haben als Weißhelme, Ärzte oder Medienleute bereits bei anderen Bürgerkriegsvorfällen »Stellung« bezogen. Andere Betroffene schwören, sie haben das Sarin gerochen. Der Kampfstoff ist aber so unsichtbar wie geschmack- und geruchlos.

Ebenso absurd ist die Aussage eines syrischen Militärsprechers, die Su-22 könne keine chemischen Waffen tragen. Dazu ist der Jagdbomber bestens geeignet. So eine Maschine bringt bis zu acht 250 kg-Freifallbomben, die mit Kampfstoff gefüllt werden können, ins Ziel. Um Täter zu recherchieren braucht man keine Flug- und Einsatzpläne der syrischen Luftwaffe. Man muss nur die in der Türkei oder von US- sowie NATO-Gefechtsständen gespeicherten Radaraufzeichnungen analysieren.

Fraglich sind Darstellungen von einem angeblich getroffenen Rebellendepot, so auf Rebellenseite nicht - im Wortsinn - blutige Anfänger am Werke waren. C-Waffen lagert man seit Jahrzehnten als Binärkampfstoffe. Die ungefährlichen Grundsubstanzen werden erst nach dem Abschuss der Granate oder dem Ausklinken der Bombe scharf gemischt.

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