Werbung

Wofür steht das Brandenburger Tor denn noch?

Für Paula Irmschler zeigt die Diskussion über die Beleuchtung des Berliner Wahrzeichens, wie öffentliche Trauer zur peinlichen Folklore verkommen ist

  • Von Paula Irmschler
  • Lesedauer: 3 Min.

Echt jetzt? Ihr wollt Geld von mir?

Ja, herrgottnochmal, es kostet!

Auch, wenn's nervt – wir müssen die laufenden Kosten für Recherche und Produktion decken.

Also, mach mit! Mit einem freiwilligen regelmäßigen Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Es ist wieder Kalter Krieg. Wussten Sie nicht? Hätten Sie mal das Internet der letzten Woche gelesen. Aufgerüstet wird im Jahre 2017 mit ekelhafter Arroganz, westlicher Propaganda, Russenhass und eiskalter Ignoranz. In St. Petersburg sind am Montag durch einen Bombenanschlag bisher 14 Menschen getötet worden und das Brandenburger Tor wurde nicht, wie bei vergangenen Anschlägen in westlichen Industriestaaten üblich, mit den Nationalfarben des angegriffenen Staates angestrahlt. Das ist in der Tat ein Skandal, doch nicht der eigentliche.

Die Wahl kontra Bestrahlung traf der Senat und die Begründung ist, dass nur die Trauer um Tote in angegriffenen Partnerstädten leuchtwürdig ist. Was wurde deswegen wieder rumdebattiert: Russische Opfer sind wohl Opfer zweiter Klasse, man schert sich nur um den Westen, die ganze Nichtaktion ist eine Verschwörung. Wichtig seien doch die Menschen, die Trauer und das Gute. Den Lautesten in der Debatte ist das alles allerdings weniger wichtig, als dass eben ein deutsches Nationalsymbol in Nationalfarben erstrahlt.

Die Diskussion zeigt dabei vor allem, wie öffentliche Trauer zur peinlichen Folklore verkommen ist. Wir hören von einem Anschlag, verschlingen die »Was wir wissen und was nicht«-Artikel wie eine Folge »Game Of Thrones«, beschwören die eigene Identität, ändern unsere Profilbilder, trauern vor Gebäuden. Wir suhlen uns in Betroffenheit und entkoppeln die Vorfälle von Politik. Ein Attentat wird uns angetan - wir können nur reagieren. Die Reaktion muss bedeutend sein und funkeln. Wichtig ist, ein Zeichen zu setzen. Zeichen, Zeichen, Zeichen. Dass das Brandenburger Tor Anfang des Jahres nach dem Lkw-Attentat in den Farben Israels erstrahlte, war nur dem massiven Druck der Öffentlichkeit zu verdanken. Während der Aktion übertrumpften sich Kommentatoren in den sozialen Netzwerken mit antisemitischen Parolen. Nicht nur die staatliche Trauer ist wählerisch, sondern auch die des lieben Volkes. Menschen sind doch nicht alle Menschen, wenn sie Juden sind. Das Problem an Symbolpolitik: Sie kann nicht allgemeingültig sein und somit unmöglich angemessen oder automatisch richtig.

Niemand weiß mehr so genau, wofür das Brandenburger Tor steht, aber es ist einem etwas schuldig. Ich kann »Danke Merkel« rufen oder mich fragen, welche Verhältnisse dafür sorgen, dass es mir ökonomisch beschissen geht. Ich kann auf Trost durch Beleuchtung hoffen oder die Bekämpfung von Terrorismus fordern. Ich schlage vor, das Brandenburger Tor täglich mit kleinen Brandenburger-Tor-Symbolen anzustrahlen oder mit einem Transparent zu behängen, auf dem sich verschiedenfarbige Kinder die Hände reichen. Dann kann sich jeder so richtig schön abgeholt fühlen. Allerdings prognostiziere ich, dass das verdammte Tor nächste Woche ohnehin noch wie erwünscht erstrahlen wird. Dann ist alles wieder gut.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!