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Die vergessene Hungersnot

In Ostafrika und im Jemen verhungern die Menschen / 40 Millionen leiden unter Nahrungsmittelknappheit

  • Von Oliver Eberhardt
  • Lesedauer: 4 Min.

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Die Bundesregierung will zusätzliche 1,169 Millionen Euro für die Opfer des Bürgerkrieges in Syrien zur Verfügung stellen, insgesamt hat Berlin bis Ende 2018 rund 3,5 Milliarden Euro zugesagt. Einige Tausend Kilometer weiter östlich müssen die Helfer derweil um jeden Euro betteln: In Ostafrika sowie im Jemen leiden bis zu 40 Millionen Menschen unter Nahrungsmittelknappheit. Auf dem Bab al Mandab, wie die Meerenge zwischen Indischem Ozean und Rotem Meer heißt, werden die Frachter und Tanker, die auf dem Weg zum Suez-Kanal und von dort nach Europa sind, ständig von Flüchtlingsbooten gekreuzt. Tausende flüchten vor dem Krieg im Jemen nach Dschibuti und in den Sudan. Zehntausende indes sind auf dem Weg aus Afrika nach Jemen. Man hofft darauf, im Schatten des Krieges leichter nach Saudi-Arabien und in den Oman gelangen zu können. Doch egal in welche Richtung man geht: Am Ende bleiben die meisten in den Klauen des schlimmsten Feindes überhaupt gefangen: dem Hunger. Denn die reichen Nachbarländer des Jemen haben die Grenzen hermetisch abgeriegelt.

Zwischen dem UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR in Genf und dem UN-Welternährungsprogramm WEP in Rom ist derweil ein Verteilungskampf ausgebrochen: Man kämpfe, oft gegeneinander, um jeden Euro, jeden Dollar, sagen Mitarbeiter beider Organisationen und vor allem die Leute vom WEP scheinen von Tag zu Tag frustrierter. Der Syrien-Krieg hat Millionen von Flüchtlingen verursacht, dringend müsste auch in den Aufbau des Gaza-Streifens investiert werden, um die Wahrscheinlichkeit eines neuen Krieges mit Israel zu verringern. Und nun auch noch Ost-Afrika und der Jemen. Sehr oft ziehen die Betroffenen dort den Kürzeren, wenn internationale Organisationen bei westlichen Regierungen den Hut herum reichen.

Für die Opfer des Syrien-Konflikts werden bis Ende des Jahres 4,3 Milliarden Euro benötigt, eine Summe, die man wohl auch erreichen wird. Für die Hungernden in Ost-Afrika und im Jemen bräuchte man 5,2 Milliarden Euro, wovon vier Milliarden sofort benötigt werden, so ein Sprecher von UN-Generalsekretär Antonio Guterres. Zugesagt wurden 840 Millionen, ausgezahlt gerade einmal 80 Millionen Euro.

Sehr viel aktiver sind indes die Diplomaten Saudi-Arabiens, der USA und einiger afrikanischer Staaten. In Genf, in Rom und am Hauptsitz der Vereinten Nationen in New York lobbyiert man dagegen, dass die UN und ihre Organisationen offiziell Hungersnöte erklären. Gemäß der UN-Definition müssen für eine Hungersnot 20 Prozent der Bevölkerung Zugang zu weniger als 2.100 Kilokalorien am Tag haben, 30 Prozent aller Kinder akut unterernährt sein und zwei von 10.000 Menschen oder vier von 10.000 Kindern am Tag an Unternährung sterben. Dass man sich derart gegen die Realität sperrt, liegt daran, dass diese Krisen zum Großteil von Menschen verursacht sind. Dschibuti erhebt extrem hohe Zölle auf Nahrungsmittelimporte. Die Korruption ist aller Orten massiv. Und im Westen setzt man in Somalia und im Jemen auf Regierungen, die so gut wie keine Kontrolle über ihr Land haben. Im Jemen führt Saudi-Arabien mit Unterstützung der Vereinigten Staaten sogar Krieg, um den weitgehend machtlosen Präsident Abedrabbo Mansur al Hadi zu unterstützen. Ziel der Luftangriffe ist dabei oft die Infrastruktur, die gebraucht wird, um Hilfsgüter ins Land zu schaffen und zu verteilen.

Würde eine Hungersnot erklärt werden, wäre nicht nur Geld erforderlich: Der Ruf nach Veränderung würde lauter werden. Im Fall des Jemen beruft sich die saudische Regierung darauf, dass man ja immer wieder Hilfslieferungen ins Land lasse und die Kalorienmengen ausreichend seien. Zudem bezieht man auch Gebiete in die Berechnung mit ein, in denen die Versorgung gewährleistet ist, und kommt dann zu dem Ergebnis, dass es im Jemen gar kein Hunger-Problem gebe.

Würden die Vereinten Nationen nun offiziell das Gegenteil feststellen, würde man als der Schuldige dastehen. Zu Recht: Wegen der Luftangriffe sowie der zerstörten Straßen und Brücken schaffen es die Hilfskonvois selten weit ins Land hinein. Bislang sind die Bemühungen um einen Frieden im Jemen, aber auch um Stabilität in Somalia gescheitert, weil der internationale Druck gering ist. Ab und zu verabschiedet der UN-Sicherheitsrat eine Resolution, die meist mit den Worten »Mit tiefer Betroffenheit...« beginnt und nie zu einem Ergebnis führt. Allein in den vergangenen fünf Jahren fielen bei der UN-Verwaltung umgerechnet 140 Millionen Euro für 282 Resolutionen zum Jemen und zu Ostafrika an. liv

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