Farben zeigen den Tiefenraum an

Eine Retrospektive für Horst Zickelbein zu seinem 90. Geburtstag in der Galerie Pankow

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Er gehörte in den 1960er Jahren zur »Berliner Schule« um Harald Metzkes und Manfred Böttcher, die damals mit ihrem »Natur- und Auge«-Prinzip die Existenz einer malerischen Kultur sicherte. Ihre Vertreter gelangten zu einer »Kultivierung der Bildhaut«, die etwas Ähnliches darstellte wie die von Cézanne angestrebte »Harmonie parallel zur Natur«.

Doch Farb- und Formerlebnisse, die der Maler Horst Zickelbein auf dem Darß mit dessen bizarren, urhaften Formen und in der rumänischen Landschaft hatte, sowie die Auseinandersetzung mit der Dripping-Methode - der Methode des Auftropfens der Farbe - des amerikanischen Malers Jackson Pollock ließen ihn neue Wege gehen. Er folgte nicht dem Zufall in Pollocks Verfahren, sondern prüfte seine Arbeiten an den strengen Gesetzen eines von der Natur inspirierten bildnerischen Denkens. Aus Flecken und Spritzern, ineinandergreifenden Spuren und überlagernden Verläufen baute er seine Farbräume auf, in deren kreisender wolkiger Tiefe sich die ersten Spuren einer Verfestigung von Materie aus einer Ballung von Licht und Dunkel abzeichnen. Die Bildfläche tendiert zum Relief, lässt flächenhafte Formelemente, die gemalt beginnen, plastisch enden. In die gespachtelte, durch dicken Farbauftrag haptische Bildfläche werden mit hartem Pinselstil Spuren eingegraben, die halb getrocknete Farbschicht wird mit Spachtel und Messer wieder abgetragen, sodass partienweise die unteren Farbschichten wieder stärker sichtbar werden.

Aber eigentlich hat Zickelbeins Malerei die dritte Dimension gar nicht nötig, weder eine reale noch eine durch einen Kunstgriff erreichte. Denn die in zwei Dimensionen ausgedrückte Farbe besitzt in sich schon eine räumliche Tiefenwirkung. Gewisse Farben zeigen den Tiefenraum an (etwa das Blau), andere stehen weiter vorn (das Rot). Bestimmte Farben strahlen von innen nach außen (Gelb), andere von außen nach innen (Blau). Einige vermitteln Bewegung (Rot, Gelb, Blau), andere scheinen unbeweglich und wieder andere vereinigen in sich sogar Beweglichkeit und Unbeweglichkeit (Rosa, Violett).

Das Figürliche ist für Zickelbein mehr eine Art von heraufzubeschwörender Erscheinung als eine zu beschreibende Wirklichkeit. Halluzinatorische Figurenbilder finden sich bei ihm. Figürliche Bezüge, die an Darstellungen auf prähistorischen Felsbildern erinnern. Aus dem ungestümen Pinselduktus zieht er die starke innere Energie, eine Urkraft, die durch jeden Farbfleck, Tupfen, Kritzel und Farbhäkchen um sie herum übermittelt wird und in ihnen gespürt werden kann. Wenn man einmal die farblich abgestufte Oberfläche eines Bildes wie »Flecken wunderbar angeordnet, R.M. Rilke« (1995) mit ihren harmonischen Braun-, Rot-, Blau-, Grau- und Silbertönen betrachtet, dann weiß man, wie hervorragend er seine Technik beherrscht.

Mit so wenig Kontrasten von Hell und Dunkel wird die Oberfläche zu einem subtil modulierten Raum, der nichts mehr mit dem kubistischen Gitterraum zu tun hat. Das Auge muss nicht mehr in die Tiefe gehen und dann zurückkommen - hier gibt es nur noch die hin und her pendelnde, kurvende und springende Bewegung von Partikeln »auf« der Oberfläche.

Und ebenso sicher beschwört er mit dem atmosphärischen Raum seiner All-over-Bilder, den verschwenderischen Energiewirbeln und dem scheinbar freien Lauf seiner optischen Felder eine Landschaftserfahrung, die er auf seinen Reisen und im dänischen Bornholm, wohin er 1996 aus Berlin übersiedelte, wahrgenommen hat. Diese »Landschaften der Seele« öffnen Blick und Gedanken auf bestimmte Formationen, in der die Natur ihr Geheimnis verborgen hält, oder sie öffnen sich ins Unendliche (»Lesbos 2, Die Bucht«, 2010). Von ihnen geht eine Atmosphäre verhaltener Kraft aus, die das glühende Feuer unter dieser gesteinshaften Schwere niemals vergessen lässt (»Granit«, 1996; »Gestein«, 2003, »Stein auf Stein«, 2012). Das Suchen nach einer im Geheimen immer reicher werdenden Einfachheit führt Zickelbein zu einer Ausdrucksform, die den Betrachter dieser schweigsamen Flächen von starker poetischer Kraft in ihren Bann zwingt. In diesen Bildern ist die Zeit eingeschlossen und diese wird so mächtig, dass sie fast den Raum verdrängt, oder besser gesagt: Der Raum wird Zeit.

Es sind Botschaften einer noch unbekannten Welt. Ja, man muss Zickelbeins Arbeiten als Ausdruck des Unsichtbaren sehen; als Stufen, die hinaufführen zum Eingang ins Unaussprechliche. Das schließt nicht aus, dass sie zugleich Gegenstände sinnlicher Freude sind, was ein Kunstwerk vor allem anderen sein soll. Zickelbein ist ein faszinierender Interpret der unsichtbaren Natur und ein Mystiker des Geistes, der die Materie beseelt.

Dass einem so bedeutenden Künstler und wesentlichen Anreger für viele der jüngeren Malergeneration jetzt erst - mit 90 Jahren - ein Katalog gewidmet wird, ist nicht so recht zu begreifen. Und so dankenswert die Ausstellungsinitiative der Galerie Pankow ist, wäre es nicht endlich auch an der Zeit gewesen, dass eine solche Retrospektive von einer der musealen Einrichtungen, in deren Besitz sich die Werke Zickelbeins befinden - übrigens alles Erwerbungen vor der Wende - ausgerichtet wird?

»Horst Zickelbein - Sinnliche Botschaften«, bis zum 30. April in der Galerie Pankow, Breite Str. 8, Pankow

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