Von Sebastian Haak, Erfurt

Hobbyfunker als Notfallhelfer

Thüringer Behörden wollen in Krisenlagen auch auf Unterstützung durch Amateurfunkklubs zurückgreifen können

Weil der Digitalfunk der Sicherheitsbehörden im ganz großen Ernstfall ausfallen kann, planen manche Bundesländer, in dieser Notlage auf Hobbyfunker und ihre analoge Technik zurückzugreifen. Die Idee ist simpel, doch nicht ganz leicht umzusetzen.

In Thüringen sind Wolfgang Schneider und sein Team mit dem Problem beschäftigt. Der Polizist ist Leiter der Stabsstelle Krisenmanagement im Erfurter Innenministerium und damit so etwas wie Thüringens oberster Notfallmanager. Er hat vor einigen Wochen Kontakt mit Joachim Kaufmann vom Amateurfunkklub in Schmalkalden aufgenommen. Dessen Funkanlage ist in einem kleinen Raum eines Hotels untergebracht, das hoch über den meisten Dächern von Schmalkalden auf einem Plateau steht. Eine mehrere Meter lange Antenne haben die Hobbyfunker außen am Gebäude angebracht. Nun sitzen Schneider und Kaufmann gemeinsam mit anderen Hobbyfunkern in jenem Hotel und tauschen sich darüber aus, was die Funkamateure leisten können, wenn die Digitalnetze auch der Sicherheitsbehörden ausfallen.

Andreas Kleiner, Polizist in Niedersachsen und selbst Funkamateur, beschreibt ein mögliches Szenario: In einer Krise fällt der Strom in Thüringen aus; eine Versorgung von außen ist nicht möglich. Nach einigen Stunden funktioniert deshalb auch kein Digitalfunk der Sicherheitsbehörden mehr, weil der Reservestrom für dessen Komponenten aufgebraucht ist. Alle anderen Notfallpläne für diesen Fall versagen. Um trotzdem noch an Informationen darüber zu kommen, was in Schmalkalden gerade los ist, setzt der Krisenstab in Erfurt auf die Hilfe der Funkamateure. Die Alternative wäre, Meldefahrzeuge zwischen Erfurt und Schmalkalden pendeln zu lassen. Aber das würde viel Zeit kosten.

Der kleine Raum in dem Hotel in Schmalkalden wird zu einer Art lokalen Funkzentrale, von der aus über die dort befindliche Analogtechnik von Kaufmann Lagemeldungen nach Erfurt übermittelt werden - wo die Funksprüche von dortigen Hobby-Funkern empfangen und an den Krisenstab weitergeleitet werden.

Das können Nachrichten über Verletzte sein. Darüber wie viel Not-Energie das örtliche Krankenhaus noch hat. Wie viele Wasservorräte in der Region noch vorhanden sind. Ob zusätzliche Helfer aus anderen Teilen Thüringens benötigt werden. »Klar ist die Aufrechterhaltung der Kommunikation in Krisenzeiten ein großes Thema für uns«, sagt Schneider. »Wir sind sehr stark abhängig von jeglicher Form von Kommunikation.«

Die Vorbereitung auf ein solches Szenario läuft nach dem, was Kleiner berichtet, schon seit Jahrzehnten. Jedenfalls auf Seiten der Funkamateure. Bundesweit, sagt Kleiner, gebe es allein etwa 40 000 Hobbyfunker, die im Deutschen Amateur-Radio-Club organisiert seien; mit eigens für sie reservierten Frequenzen und mit jeweils eigener Technik; Technik, die so simpel und robust sei, dass sie anders als der Digitalfunk auch unter widrigsten Umweltbedingungen funktioniere. »Das Ganze läuft auch in irgendeiner Outdoor-Umgebung, in irgendeiner Blechkiste«, sagt Kleiner. Und während die einzelnen Komponenten des Digitalfunks - die Antennen, die Rechenzentren, die Handfunkgeräte - einen hohen Strombedarf hätten, lasse sich die meiste analoge Funktechnik der Hobby-Funker selbst mit Autobatterien oder Solar-Akkus über einen langen Zeitraum hinweg betreiben.

Das ist umso wichtiger, da kraftstoffbetriebene Notstromaggregate bei Stromausfall wohl nur für einen kurzen Zeitraum laufen werden. Denn auch für die Zapfsäulen der Tankstellen werde Strom benötigt, damit sie funktionieren, sagt Schneider.

So sehr allerdings die Funkamateure inzwischen auf einen solchen Ernstfall vorbereitet sind, so wenig ist das der Staat in weiten Teilen Deutschlands. Wie auch in Thüringen. Schneider räumt ein, dass die Behörden im Freistaat sich auf eine mögliche Unterstützung im Krisenfall durch Funkamateure praktisch überhaupt noch nicht eingestellt haben. Zwar habe es vor einigen Jahren bereits entsprechende Überlegungen gegeben. »Aber wir haben auch ein Alltagsgeschäft«, sagt Schneider. Das habe solche Überlegungen für den ganz großen Krisenfall überlagert. Nun, in einer deutlich verschlechterten Sicherheitslage allerdings, hätten solche Planungen wieder eine wesentlich höhere Priorität. Die mögliche Notfall-Zusammenarbeit zwischen den Behörden und den Funkern werde er deshalb in den kommenden Monaten vorantreiben, sagt Schneider. So, wie das nach Angaben von Kleiner bereits in Niedersachsen geschehen ist. Und in Bayern, im Saarland, in Nordrhein-Westfalen.

Als Gegenleistung für ihre Hilfe wollen die Funkamateure laut Kleiner nicht viel. Schon gar nicht viel Geld. Wenn der Staat Technik ausmustere, sagt er, dann sei es eine gute Idee, sie Hobbyfunkern zur Verfügung zu stellen. Zudem sei es wichtig, technische Gerätschaften der Funkamateure auf solche Türme mit aufzusetzen, die der Staat ohnehin nutze - ohne, dass ihnen dafür Kosten in Rechnung gestellt würde. Nicht zuletzt sei günstig, wenn der Staat bei seinen Beschäftigten für das Hobby Funken werbe und potenzielle Amateurfunker beim Erwerb der erforderlichen Lizenzen unterstütze. Auch damit, sagt Kleiner, habe man in Niedersachsen bereits gute Erfahrungen gemacht.

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