Sprachrohr des anderen Amerika

Cassady Fendlay, Sprecherin der US-amerikanischen Women’s-March-Bewegung, absolviert derzeit in Hessen ein dichtes Besuchsprogramm

  • Von Hans-Gerd Öfinger
  • Lesedauer: 4 Min.

Als Kirsten Gerstner zu Jahresbeginn mit ihren Mitstreiterinnen in der Bankenmetropole Frankfurt am Main eine Solidaritätsdemonstration für den US-amerikanischen Women’s March in Washington organisierte, hätte sie wohl kaum zu hoffen gewagt, dass ihr schon drei Monate später eine führende Persönlichkeit dieser Massenbewegung einen persönlichen Besuch abstatten würde. Am Ostersonntag wird Gerstner in Frankfurt Cassady Fendlay treffen, die mit einigen anderen Frauen die landesweite Protestbewegung aus Anlass der Amtseinführung des neuen US-Präsidenten Donald Trump organisiert hat und federführend für Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikation zuständig war.

Dass die 35-jährige Fendlay über Ostern eine Woche lang in Frankfurt und Hessen weilt und im Rahmen ihres dichten Besuchsprogramms auch bei öffentlichen Veranstaltungen sowie Kundgebungen der Friedensbewegung in Bruchköbel und Frankfurt auftritt, ist vor allem einer langjährigen Freundschaft zu verdanken. So kennt Fendlay die Frankfurterin Ina Hinzer seit gemeinsamen Tagen im Studiengang Arbeitsbeziehungen an der Universität Cornell in Ithaca (Bundesstaat New York). Schon vor fünf Jahren besuchte Fendlay die Familie Hinzer in Frankfurt und reiste durch die Bundesrepublik.

Beide gingen nach dem Studium ihre Wege, ohne sich aus den Augen zu verlieren. Cassady Fendlay hätte mit ihrem Hochschulabschluss vielleicht in der Personalabteilung eines Konzerns Karriere machen können. Doch sie blieb ihren Überzeugungen treu, zog einen Job im Bereich Organizing bei der Transportarbeitergewerkschaft ATU vor und kümmerte sich dort um die Belange von Busfahrern. Später machte sie sich als Kommunikationsberaterin selbstständig, arbeitete für Amnesty International und verschiedene Bürgerrechtsorganisationen und beteiligte sich aktiv auch an den Protesten gegen die Polizeigewalt, der Afroamerikaner bis zum heutigen Tage ausgesetzt sind.

Als Inas Vater Jürgen Hinzer, langjähriger Gewerkschaftssekretär und Mitglied im hessischen Landesvorstand der Rosa Luxemburg-Stiftung (RLS), im Januar einen Pressebericht über den massenhaften Zulauf des Women’s March las und Cassady Fendlay auf einem Foto wiedererkannte, reifte in ihm rasch der Plan heran, die junge Aktivistin erneut nach Frankfurt einzuladen. Er begeisterte die RLS und örtliche DGB-Gewerkschafter für diese Idee und konzipierte das dichte Besuchsprogramm.

Schon wenige Stunden nach ihrer Landung in Frankfurt trotzte Fendlay der Zeitverschiebungs-bedingten Erschöpfung und schilderte in einem Pressegespräch, wie die Idee für den Women’s March entstand.

Vor Jahresfrist hatte Fendlay wie viele Millionen US-Amerikaner auf den linken Präsidentschaftsbewerber Bernie Sanders gesetzt und ihm auch zugetraut, den rechtslastigen Milliardär Donald Trump zu schlagen. Doch Sanders wurde in der Demokratischen Partei ausgebremst und beim Urnengang im November geschah schließlich das Unvorstellbare. »Die Gewerkschaften und die Frauenbewegung hatten keinen Plan B«, beschreibt sie die Lage, nachdem Trumps Sieg in der langen Wahlnacht zunehmend zur Gewissheit wurde.

Doch die Schockstarre hielt nicht lange an und schlug rasch in Wut und Entschlossenheit um. Während die meisten Menschen an der Ostküste bereits schliefen, trugen an der Westküste und auf Hawaii aufgrund der Zeitdifferenz bereits viele tausend Menschen spontan den Protest auf die Straße. Als Cassady Fendlay am Tag danach auf Facebook den Aufruf einer Großmutter aus Hawaii zum Frauenprotest gegen Trump entdeckte, dem sich binnen weniger Stunden über zehntausend Menschen angeschlossen hatten, wurde ihr schlagartig klar: »Ich wusste, dass ich es machen musste.« Sie vernetzte sich mit Aktivistinnen zu einem Aktionskomitee und machte sich als Sprecherin und Verantwortliche für Kommunikation an die Arbeit. Die Mobilisierung rollte an und wurde zum Selbstläufer.

So zogen am 21. Januar nicht nur 500 000 Frauen durch die völlig verstopften Straßen der Hauptstadt Washington und verkörperten ein anderes Amerika, das sich dem Aufstieg der politischen Rechten, Rassismus und Sexismus entgegenstellt und für eine gerechtere Welt einsetzt. Selbst kleinere ländliche Orte fernab der Metropolen wurden von den Protesten erfasst. In Ithaca, wo sich Cassady und Ina kennenlernten, war ein Drittel der 30 000 Einwohner auf den Beinen. Weltweite Solidaritätsaktionen brachten zusätzlichen Rückenwind.

Eine Woche später besetzten Menschen aus Protest gegen Trumps Einreiseverbot für Menschen aus islamisch geprägten Ländern Flughäfen. New Yorks Taxifahrer streikten. Am 8. März, dem internationalen Frauentag, wurden Cassady Fendlay und andere bei einem Sitzstreik vor dem Trump Tower in New York von der Polizei festgenommen. Der Aufbruch hält an und hat das Potenzial, dem Land seinen Stempel aufzudrücken und die versprengte Linke zusammenzuführen. »Das ist eine echte Basisbewegung und ein gesellschaftlicher Neuanfang. Sehr viele Menschen, die sonst nie zu einer Demonstration oder politischen Veranstaltung gegangen wären, sind jetzt auf den Beinen«, freut sich Cassady Fendlay.

Die jüngsten US-Raketenangriffe auf Syrien hält sie für »furchterregend«. Statt Kriegstreiberei sollten die USA endlich eine größere Zahl syrischer Flüchtlinge aufnehmen, so ihre Forderung. Dieser Forderung will die Women’s March-Bewegung an diesem Donnerstag mit Solidaritätsaktionen Nachdruck verleihen.

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