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Alle Erinnerung rot

Drei Friedhöfe im Frühling - drei Skizzen

  • Von Stephan Fischer
  • Lesedauer: 7 Min.

Der Frühling ist die Zeit des Erwachens. Nach einem langen, kalten Winter, in dem die Natur erstarrt und kahl in scheinbar ewiges Schweigen versank, findet nun jeder Blick in explodierende Knospen und junges, frisches Grün eine Feier des Lebens. Hört jedes Ohr in den jubilierenden Gesängen der Vögel Arien der Wiederauferstehung. Die Passionszeit ist vorbei - das Dasein im Jetzt wird selbst Passion.

Ein Friedhof im Frühling ist ein irritierender Ort. Man ist dort ganz auf sich zurückgeworfen - und wird doch wie von allein von einem selbst weggezogen, aus seinem Jetzt herausgehoben. Gedanken schweifen ab, Blicke bleiben an starren, kalten Steinen und am Gemäuer hängen, aber auch am lustvoll Blühenden. Das Leben triumphiert auch an einem Totenort. Aber das Leben - es ist hier ein anderes als draußen.

Ins Schwimmen kommen - Alter Jüdischer Friedhof Wrocław

Der Jüdische Friedhof in Wrocław liegt etwas südlich der meisterlich restaurierten Innenstadt, die seit langem Besucher anzieht und seit dem vergangenen Jahr, in dem Wrocław Europäische Kulturhauptstadt war, an manchen Wochenenden von Besuchern gleichsam überquillt. In den Süden der Stadt verirren sich neben mir nur wenige Touristen. Viel Reiseführertaugliches gibt es hier auch nicht zu sehen: Ausfallstraßen, zehngeschossige Plattenbauten, ein Straßenbahndepot. Der Süden der Stadt war der im Zweiten Weltkrieg am stärksten zerstörte Teil der Stadt: Während hier sowjetische Artillerie und heftige Kämpfe um jeden Meter fast kein Haus unzerstört ließen, ruderten deutsche Soldaten während der Belagerung im Jahr 1945 im Norden der Stadt noch zur Erholung auf den Oderarmen. Oder gingen in den Zoo.

Der Jüdische Friedhof ist wie viele ein nach innen gekehrter, ein sich nach innen wendender Ort. Nach außen hin begrenzen ihn hohe Mauern, nur wer weiß, welchen Ort er sucht, erkennt in ihnen die Rückseiten von Familiengräbern. Hat man den etwas versteckt gelegenen Eingang gefunden, betritt man einen Ort, der den Besucher aus der eigenen Zeit hebt. Aus einem Meer von Moos und Farnen ragen Hunderte Grabsteine heraus, schiefen Leuchttürmen gleich. Daneben umgestürzte, abgebrochene, überwucherte. Ein friedliches Bild - ein Bild des Schreckens. Die meist deutschen Inschriften verraten, dass hier das assimilierte jüdische Bürgertum Breslaus seine letzte Ruhestätten fand: Professoren, Justizräte, der »Stadtälteste Dr. jur. Wilhelm Friedenthal«.

An einer Stelle gleich zwei schwarze Steine für einen Toten: Ferdinand Lassalle, davon eine Platte auf seinem Grab. Diese wurde 1947 von der Polnischen Sozialistischen Partei PPS hinzugefügt, nachdem der erste Grabstein 1945 beschädigt worden war. Die Front verlief durch den Friedhof. Wem gehört die Geschichte, wem ihre Heroen, wem ihr Erbe? Das Grab des Gründers des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins lag nach der Westverschiebung Polens nun in Wrocław statt in Breslau. Die BRD wollte ihn 1974 in ihr Staatsgebiet umbetten, das war wiederum für die DDR inakzeptabel. Im Mai 1975 wurde die letzte Ruhestätte Lassalles ins Denkmalregister der Stadt Wrocław aufgenommen - die Umbettung war gestoppt. Ein Stein auf der Platte, abgelegt wie auf jüdischen Friedhöfen üblich, fällt auf. »In Breslau ein Friedhof - ein Toter im Grab, - dort schlummert der eine, der Schwerter uns gab. In ehrendem Gedenken die Görlitzer SPD«, steht dort geschrieben.

Görlitz ist heute deutsch-polnische Grenzstadt, wie Wrocław es nach manchen Plänen zur Nachkriegsordnung hätte sein können. Auf dem jüdischen Friedhof in Wroclaw haben die Toten nun ihre Ruhe. Dem Besucher dreht sich der Kopf ob der Geschichte. Das letzte Begräbnis fand dort 1942 statt. Fast alle Breslauer Juden wurden von den Nazis deportiert und ermordet. Die Gedanken rasen und hallen noch lange in mir nach, wenn man den Friedhof verlassen hat. Die Straßenbahn zurück ins Zentrum kommt auf dem maroden Gleis ins Schwimmen. Es dauert, ehe das leichte Schwindelgefühl verschwunden ist, die Beine wieder ruhig stehen.

Deutsche Gespenster - Dreifaltigkeitskirchhof III Berlin-Mariendorf

Anders als in Wrocław, wo mich die hohen Friedhofsmauern mit ihrem ewigen Schweigen fast erdrücken, ist der Friedhof in Mariendorf weitläufig, offen, eher ein Park. Mehr noch, er scheint merkwürdig leer. Es ist ein Friedhof in Abwicklung. Nicht mehr bezahlte Gräber werden nach und nach »abgeräumt«. Er wird geschlossen und »einer sonstigen Nutzung (Bebauung) zugeführt«, heißt es vom Berliner Senat. Die Trauerhalle, eine architektonische Scheußlichkeit, ist bereits Ruine. Platz, Platz für die Lebenden und das Leben!, schreit die wachsende Stadt. Auf vielen innerstädtischen Friedhofsflächen sollen Wohnungen gebaut werden.

Wohnen dort, wo die Berliner Verkehrsbetriebe Zwangsarbeiter und die toten Kollegen eines Luftangriffs von 1945 ehrt, die meisten von ihnen um die 18 Jahre alt. Wohnen dort, wo Cemal Kemal Altun ruht. Der türkische Asylbewerber sprang 1983 aus dem sechsten Stock des Berliner Verwaltungsgerichts in den Tod - ihm drohte die Abschiebung und damit die Auslieferung an die türkische Militärdiktatur. Wohnen, dort, wo Ulrike Marie Meinhof ihr Grab fand. Kein Friedhof in Deutschland, außer dem in Mariendorf, wollte der RAF-Terroristin eine letzte Ruhestätte geben. Ihr Grab ist ziemlich verwildert, die Inschrift kaum noch zu lesen. Ab und an, wenn sich ihr Suizid vom 9. Mai 1976 jährt, liegen Blumen am Grab Meinhoffs. Über sie sagte der Verleger Klaus Wagenbach einmal, sie sei »an den deutschen Verhältnissen zugrunde« gegangen - für die jungen Zwangsarbeiter, BVGler und Altun passt das auch.

Einen langen Frühling lang hing an einem Balkon in der Heinrich-Roller-Straße im Prenzlauer Berg ein beschriebenes Laken. Vom Balkon aus blickte man auf den Parochialfriedhof. Dort sollte ein Teil des Friedhofes für Wohnungen geräumt werden. »Ist euch nichts heilig?« stand auf Stoff geschrieben. Die Antwort geben heute Häuserfassaden. Das Laken ist weg.

Die rote Jacke - auf dem Friedhof Berlin-Biesdorf

Ich habe mich lange nicht getraut, diesen Friedhof zu besuchen. Eine Freundin liegt dort begraben. Eine von zweien, die 1999 beide kurz hintereinander starben. Überdosis Heroin, beide im Abstand von zwei Monaten.

Als ich das Grab von M. das erste Mal sehe, bin ich erschüttert. Eine schlichte graue Platte, über die sich bereits Sträucher winden, eine abblätternde goldene Inschrift. Das Grab ist seit Jahren nicht gepflegt worden. Ich befreie den Stein vom Gestrüpp, lege eine Blume darauf. Ein halbes Jahr später liegt sie verwelkt an genau derselben Stelle.

E. und M. waren nicht die Einzigen, die damals gingen. In den Nachwendejahren war der Tod wie selbstverständlich präsent unter den Ostberliner Plattenbaukindern. Drogen, S-Bahn-Surfen, Suizide, Unfälle beim Sprühen - es hätte noch viel mehr erwischen können und wer weiß, wie knapp es manchmal war. Eltern waren merkwürdig weit weg, hatten selbst mit sich zu kämpfen.

E. sah ich das letzte Mal lebend im Tannenhof, einer Suchthilfeeinrichtung im Süden Berlins. Sie klang fröhlich. Sie sagte, sie wolle dort weg. Ein paar Tage später starb sie. Tannenhof - eine Einrichtung, die Leben retten kann. Tannenhof - für mich klingt es bis heute nach Tod.

Von E. sind mir nur ein paar Fotos geblieben. Wenn ich sie auf den Bildern anschaue, sehr selten - sie mit ihren knallroten Haaren, sie, die für mich für immer 18 bleiben wird - fühle ich keine Schuld, das ist lange vorbei. Aber ich frage mich, was sie für ein Leben, ein anderes Leben, gehabt haben könnte. Im Frühling, bevor sie starb, hat sie mir eine rote Trainingsjacke geschenkt, die ich bis heute habe. Wenn die Sonne auf sie scheint, leuchtet sie blutrot - so sehr, dass die Augen zu tränen beginnen.

* * *

Im November ist die Zeit, in der die Friedhöfe leuchten. Die Gräber winterfest gemacht sind, Grablichter brennen. Im November ist die Verbindung der Natur, die sich in Ruhe und Erstarrung befindet, zu den Toten und dem Tod am engsten. Im Frühling aber ist die Zeit, in der Friedhöfe uns am meisten erzählen - uns, die wir am Leben sind.

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