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Die Hölle des Häschenkitsches

Leo Fischer hält Ostern für ein Freiheitsfest, das für die hedonistische revolutionäre Linke wie gemacht ist, und will es der Kinder- und Bastelbranche entreißen.

Ostern hat ein Imageproblem, und Ostern hat auch ein Coolnessproblem. Während andere ehedem religiöse Festtage perfekt kommerzialisiert und durchindustrialisiert sind, bleibt Ostern auf alberne Häschen und Pastellfarben reduziert. Kindern wird noch ein wenig Spaß am Eiersuchen zugestanden, wohingegen sich Erwachsene mit endlos peinlichen Eier-Wortspielen quälen sollen. Schluss damit! Dieses Fest muss von seinem Blümchenimage befreit werden, muss cool und flockig werden, um endlich neue Käuferschichten anzusprechen. Dazu muss es erst mal gründlich entkitscht werden.

Ostern, beziehungsweise Pessach, ist zunächst einmal ein Familienfest. Menschen, die in süddeutsch-katholischen Zusammenhängen aufgewachsen sind, wissen, dass die Aufforderungen aus der eigenen Gen-Bubble, Ostern mal wieder heimzukommen, höchstens noch an Weihnachten deutlicher werden. Doch wo sich Weihnachten traditionell als ein Fest der überspannten Erwartungen, von Zank, Hader und Selbstmordgedanken darstellt, ist Ostern von diesem Nimbus völlig frei. Von Familienauslöschungen zu Ostern ist praktisch nichts bekannt, und auch die Selbstmordstatistik zeigt hier keine besonderen Abweichungen. Wer Ostern nach Hause fährt, hat die einmalige Chance, sich mit seinen nächsten Angehörigen zu treffen, ohne sie sogleich umbringen zu wollen! Und für diejenigen, die mit gutem Recht die traditionellen Familienstrukturen ablehnen, kann »nach Hause kommen« auch einfach »zu sich selbst kommen« bedeuten. Notfalls umgibt man sich mit Freunden oder wenigstens Lebensmitteln, mit denen man gern Zeit verbringt.

Womit wir schon beim zweiten Argument für Ostern sind: An Ostern wird gegessen. Und zwar hervorragend und nicht zu knapp! Schon der Pessach-Ritus sieht eine gewaltige Speisenfolge vor, und auch nichtreligiöse Menschen sollen sich hier nicht lumpen lassen. Es sollen sich die Tische biegen unter Braten, Kuchen und Eierspeisen, und keiner soll nach Hause gehen, bevor er nicht pappsatt vom Stuhl gepurzelt ist. Wenn sich Thanksgiving respektive Erntedank schon nicht durchsetzen können in diesem Land und der weihnachtliche Gänsebraten schon auf der Liste gefährdeter Vögel steht, dann sollte man wenigstens zu diesem einen Anlass im Jahr ordentlich spachteln. Die Hinwendung der Gesellschaft zur Ernährung und zum Foodietum verlangt geradezu nach der fressmäßigen Aufwertung der Osterzeit!

Dann ist Ostern auch noch ein Freiheitsfest, und zwar im doppelten Sinn: Gefeiert wird nicht nur die Befreiung von Herrschaft und Sklaverei, sondern auch von der allgemeinen Herrschaft des Todes, von der sich alle weltliche Herrschaft ableitet. Juden feiern an Pessach den Auszug aus Ägypten und das Vorbeiziehen des Todesengels, Christen die Auferstehung ihres Heilands. An Ostern hält man den Geist des Todes fern, die Zeit der Dunkelheit und die Heizperiode sind zu Ende, und auch auf die Natur kann man sich wieder verlassen.

Im Grunde kommen die Proteste zum 1. Mai etwas zu spät - gerade an Ostern sollte man den Horden der Finsternis die Faust zeigen, ordentlich Krawall schlagen und der Herrschaft zeigen, was man von ihr hält. Ostern ist links, und Ostern ist revolutionär - im Zweifel gilt es eher, mit Eiern eher zu schmeißen als sie zu verzehren. Die etwas freudlosen pazifistischen Protestler, die als Ostermarschierer bekannt werden, sind hiervon nur ein abgeschmackter Abklatsch.

Was also ist zu tun? Zunächst einmal gilt es, die Ostertage der Herrschaft der Kinder-, Bastel- und Tüddeligkeitsbranche zu entreißen. Es muss ein Easter-Merchandise her, das Konsumenten aller Altersgruppen anspricht. Die Kommunen, die sonst jeden Schwachsinn mit Straßen- und Volksfesten adeln, sollen Bands auffahren und Zelte aufstellen und vegane Lammwürstchen grillen lassen. NGOs sollen Plakate hinhängen und Gewerkschaften irgendetwas fordern; Poetry-Slammer sollen slammen, Redner sollen Reden schwingen und DJs sollen DJen. Alte Leute sollen aus den Altenheimen herausgekarrt werden, man soll ihnen zur abermals überstandenen Todesgefahr gratulieren und ihnen junge Leute zum Volllabern hinstellen. Punks sollen Punsch kriegen und auch mal was sagen. Und dann, wenn das alles erledigt ist und vielleicht sogar ein paar Scheiben feierlich entglast worden sind, sollen alle nach Hause gehen und sich ordentlich den Wanst vollschlagen. Es wäre dies ein Osterfest, das endlich ernstzunehmen wäre, das seinen historischen Wurzeln gerecht würde und vor allem nicht nur zum beliebigen kalendarischen Urlaubsanlass heruntergewirtschaftet wäre. Es ist ein großer Schritt, aus der Hölle des Häschenkitsches heraus, aber wenn Ostern überleben soll, geht es nur so.

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