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Das Kreuz mit der Schuld

Golgatha, Sündenknechtschaft und die Unsühnbarkeit »ontologischer« Schande

Schuld kann töten. Siehe Judas: »Und er warf die Silberlinge in den Tempel, hob sich davon, ging hin und erhängte sich selbst.« (Mt 27,5) Schuld kann Leben retten. Siehe die Ehebrecherin im Johannesevangelium: Denn es fand sich niemand, den »ersten Stein« zu werfen, nachdem Jesus dazu denjenigen unter den Schriftgelehrten und Pharisäern aufgefordert hatte, der »von euch ohne Sünde ist«. »Als sie aber dies hörten, gingen sie, einer nach dem anderen ...« (Joh 8,7; 8,9) Jesus wusste, was er tat. Indem er die Schuld der Ankläger gegen die Schuld der Angeklagten richtete, appellierte er an eine Instanz, die zu den mächtigsten Lenkungsinstrumenten menschlichen Wesens und Wirkens gehört: das Gewissen. Natürlich, ein Restrisiko blieb. Denn hätte unter den Versammelten auch nur ein »Gewissenloser« geweilt, das Schicksal der Frau wäre besiegelt gewesen. Schließlich hatten seinerzeit Gottes Engel in ganz Sodom nicht einmal jene zehn Gerechten gefunden, deren Existenz verhindert hätte, dass der HERR die sündige Stadt mit »Schwefel und Feuer« vernichtete.

Seit es Menschen gibt, werden Menschen schuldig. An anderen und an sich selbst. Und - in religiöser Sicht - an Gott. Schuld gehört zum Sein und zum Dasein des Menschen. Lassen wir den Bereich des Banalen, in dem der Begriff »Schuld« zur Allerweltsformel verkommt, beiseite, dann wirkt Schuld - über das Gewissen - störend, verstörend oder gar zerstörend. Schuld soll getilgt, vergeben oder übernommen werden. Letzteres möglichst von anderen.

Das Spektakuläre an Ostern, dem »Mysterium von Golgatha« (Rudolf Steiner), ist ja für Christen neben der heilsgeschichtlichen Bedeutung der Auferstehung und damit der Verheißung des ewigen Lebens die durch Jesu Tod am Kreuz erfolgte Übernahme aller menschlichen Schuld in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Ja, zwischen Karfreitag und Ostersonntag stieg der Heiland aus seinem Felsengrab hinab in das Reich des Bösen, aus dem er gemeinsam mit den dort zuvor in Qualen Schmachtenden zurückkehrte. »Die Hölle existiert, aber es ist niemand mehr drin«, konstatierte der Dominikaner P. Carré (†1653). Gut zu wissen.

Aus diesem Mysterium wird denn auch im Johannesevangelium ein veritabler Alleinvertretungsanspruch Jesu formuliert: »... niemand kommt zum Vater denn durch mich« (Joh 14,6) und »so ihr nicht glaubt, dass ich es sei, so werdet ihr sterben in euren Sünden« (Joh 8,24). Der heilige Cyprian (†258) kreierte daraus das Apodiktum der Una sancta catholica: Extra ecclesiam salus non est. Außerhalb der Kirche gibt es kein Heil.

Perfekter kann ein System der Macht kaum konstruiert sein. Das verbotswidrige Naschen von den Früchten am paradiesischen Baum der Erkenntnis versetzt jeden hernach Geborenen automatisch in den Stand der Schuld, der ererbten. Es sei denn, der Mensch, das Kind, wird von diesem Makel durch das Sakrament der Taufe erlöst und der Mensch, der Erwachsene, beugt sich der Beichte und anderen Instrumentarien der institutionalisierten Er- und Vergebung, um das stetig wachsende Schuldkonto wenigstens zeit- und teilweise zu entlasten.

Martin Luther wetterte zwar gegen die pekuniären Praktiken, Schuld, Sühne und Sünde auch noch in klingende, in die Ablasskasse springende Münze zu verwandeln. Doch auch die Reformatoren setzten auf den »alten Adam« und seine ewige Schuld, um für sich und ihre Lehre den nötigen moralischen Druck aufzubauen. Für Luther war klar: »Alles, was du anfängst, ist Sünde und bleibt Sünde, es gleiße, so hübsch es wolle; du kannst nichts denn sündigen, tue, wie du willst ...« Und sein Gesinnungsgenosse Johannes Calvin, in Genf Vorsteher einer Diktatur des Tugendterrors, verstieg sich zu nachgerade alttestamentarischer Drastik: »Der Menschengeist ist von Gottes Gerechtigkeit so vollständig abgekommen, dass all sein Wollen, Begehren und Tun nur gottlos, verrucht, befleckt, unrein und lästerlich ist; sein Herz ist dermaßen vom Gift der Sünde durchdrungen, dass es nur noch verweslichen Gestank von sich geben kann.«

Sicher, die Sache mit der Sündenknechtschaft funktionierte längst nicht so widerstands- und reibungslos, wie ihre Exekutoren das erwünschten. Aber unbestreitbar war und ist: Wer die Schuld kontrolliert, kontrolliert den Menschen.

Wie zeitlos modern sich diese Herrschaftstechnik darstellt, wird besonders evident, wenn es um materialisierte Schuld geht, mithin um Schulden. Der deutsche Regisseur Tom Tykwer thematisierte diese monetäre Metamorphose von der Gewissens- zur Geldfrage in dem von der Weltfinanzkrise inspirierten Thriller »The International«. Einer der Protagonisten erklärt darin offenherzig: »Die IBBC ist eine Bank. Ihr Ziel ist es nicht, den Konflikt zu kontrollieren, sondern vielmehr die Schulden zu kontrollieren, die der Konflikt erschafft. Sie müssen wissen, der reale Wert eines Konflikts, der wahre Wert, liegt in der Schuldenkontrolle. Wenn Sie die Schulden kontrollieren, kontrollieren sie alles.« Eine mächtige Matrix, auf deren gleißendem Gefüge die Lenker von Troikas und anderen Gespannen der Macht die politischen, ökonomischen und sozialen Verhältnisse »zum Tanzen zwingen« - allerdings anders, als das Karl Marx in seiner »Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie« im Sinn hatte.

Immerhin gilt: Schulden können getilgt werden, bringt man die nötigen Mittel dazu auf. Schuld bleibt. Ungeachtet aller Aufarbeitungs-, Tilgungs- und Bewältigungskonzepte. Es gibt keine Wieder-Gutmachung. Jedenfalls nicht in dem Sinne, den Status quo ante zurückzuholen, die Verhältnisse so zu re-konstruieren, wie sie sich vor dem Schuldigwerden darstellten. Denn: Menschen wurden verletzt (seelisch oder/und körperlich), beschädigt, geschädigt, gedemütigt ... Geht es gar um Zerstörung, Zernichtung, Vernichtung, wie in den Menschheitsdramen ungeheurer wie ungeheuerlicher Dimensionalität des 20. Jahrhunderts, ist es vollends abwegig, einem profanen Täter-Opfer-Ausgleich das Wort zu reden.

Das gilt vor allem dann, wenn es keine Strafe gibt, die zu einer solchen Schuld, einem solchen Verbrechen »in einem angemessenen Verhältnis steht: Denn angesichts des Unendlichen neigen alle endlichen Größen dazu, einander auszugleichen, so dass die Bestrafung beinahe gleichgültig wird; das, was geschehen ist, ist im buchstäblichen Sinne unsühnbar.« Es ist 46 Jahre her, dass der französische Philosoph Wladimir Jankélévitch (1903-1985) derart den in Auschwitz kulminierten deutschen Vernichtungs-Antisemitismus reflektierte. In seinem Essay »Pardonner?« (Verzeihen?) schrieb der Sohn russischer Einwanderer und langjährige Professor an der Pariser Sorbonne von einem »Produkt der reinen Bosheit und der ontologischen Bosheit, der teuflischsten und willkürlichsten Bosheit, welche die Geschichte je gekannt hat«.

Diese »ontologisch«, also gleichsam ewigkeitlich aufgeladene Schuld traf zu dieser Zeit in der westdeutschen Republik auf einen »heimlichen Unschuldswahn, der sich in unserer Gesellschaft ausbreitet und mit dem wir Schuld und Versagen, wenn überhaupt, immer nur bei ›den anderen‹ suchen«. So sah es die Gemeinsame Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland, die 1971-1975 in Würzburg tagte. »... im Übrigen aber«, konstatierte die katholische Kirchenversammlung, »kultivieren wir die Kunst der Verdrängung, der Verleugnung unserer Zuständigkeit, und wir sind auf der Suche nach immer neuen Alibis angesichts der Nachtseite, der Katastrophenseite, angesichts der Unglücksseite der von uns selbst betriebenen und geschriebenen Geschichte.«

Eine Einschätzung, die für die Bundesrepublik des Jahres 2017 zweifellos nicht mehr gilt. Seither gab es eine »erinnerungspolitische Wende um 180 Grad«, um den AfD-Politiker Björn Höcke zu zitieren, der genau diese Wende in reverser Richtung will. Ob das Berliner Holocaust-Mahnmal, von Höcke als »Denkmal der Schande« bezeichnet, geeignet ist, die »ontologische Bosheit« der Judenvernichtung im deutschen gesellschaftlichen Gedächtnis warnend zu wahren, wurde vor dessen Errichtung reichlich und kontrovers debattiert. Rudolf Augstein schrieb seinerzeit im »Spiegel«, dass nun »in der Mitte der wiedergewonnenen Hauptstadt Berlin ein Mahnmal an unsere fortwährende Schande erinnern« soll und anderen Nationen »ein solcher Umgang mit ihrer Vergangenheit fremd« wäre. In der Tat ist das Monument des US-amerikanischen Architekten Peter Eisenman ein Konstrukt der öffentlichen Selbstanklage, das in seiner für ein Denkmal singulären »Monstrosität« (Rudolf Augstein) versucht, der singulären Monstrosität des zu Gedenkenden adäquat zu erscheinen.

Das Kreuz ist: Es gibt historische Schuld, aber kein historisches, kein gesellschaftliches, kein Volks- und schon gar kein Menschheitsgewissen. Für Gottfried Benn, den dunkel-dräuenden Rauner, gab es »nur 2 Dinge: dreckige Menschheit u. einsames schweigendes Leiden«. Der Wunsch oder die Forderung nach einer sozialen Selbstanklage sind letztlich nicht nur unbillig, sondern unsinnig. Gewissen ist immer individuell. Und bietet nur einer individuellen Erforschung die Basis und die Bedingungen. Alles, dem der Ruch von Agitation, Propaganda, »Gehirnwäsche« anhaftet, ist geeignet, die damit transportierte Absicht, wie gut gemeint sie auch sein mag, ins Gegenteil zu verkehren.

Schuld, Buße, Vergebung kann nur der einzelne Mensch mit seinem bewegenden, bohrenden Gewissen erleiden und erfahren. Papst Franziskus hat 2005, damals noch als argentinischer Kardinal Jorge Mario Bergoglio, einen klugen Kommentar zur Schrift »Über die Selbstanklage« des christlichen Mönchs Dorotheus von Gaza (†um 600) verfasst. Darin setzt er sich mit der Sicht auseinander, Selbstanklage »sei letztlich kindisch oder kleinmütig«. »In Wirklichkeit«, so der Jesuit Bergoglio, »setzt die Selbstanklage Mut voraus, und diesen Mut besitzen nur wenige. Es ist der Mut, Türen zu öffnen, meine unbekannten Seiten zutage treten und die anderen mehr sehen zu lassen als bloß mein äußeres Erscheinungsbild. Der Mut, die ungeschminkte Wahrheit offenzulegen.«

Die ungeschminkte Wahrheit, die immer auch mit Schuld verbunden ist und deren Erkennen »euch frei machen« kann, wie es in Johannes 8,32 heißt. Die nie ungefährlich ist. Die, im schlimmsten Fall, töten kann und, im besten Fall, Leben retten.

Literatur

Vladimir Jankélévitch: Das Verzeihen. Essays zur Moral und Kulturphilosophie. Frankfurt am Main 2004.

Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz: Verzeihung des Unverzeihlichen? Ausflüge in Landschaften der Schuld und der Vergebung. Wien 2008.

Jorge Mario Bergoglio/Papst Franziskus: Über die Selbstanklage. Eine Meditation über das Gewissen. Freiburg 2013.

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