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Die Kamera als Schöpferin

Michael Ballhaus ist tot

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 3 Min.

Den Blinden führt die hellste Laterne. Schrieb Robert Walser über den Seher Teiresias. Das Glück der Wahrnehmung nicht (nur) als nervgesteuerter Reflex auf das Äußere, sondern als ganz eigenes Glück der inneren Anverwandlung: Ich denke, also sehe ich. Der Türmer in Goethes »Faust« formuliert sein Glück so: »Zum Sehen geboren, zum Schauen bestellt.« Michael Ballhaus, Deutschlands berühmtester Kameramann, kam, sah - und die Kunst des Schauens siegte.

»Zeit der Unschuld«: ein Film von Martin Scorsese. Wie die Kamera die feine Gesellschaft einer Operngala geradezu tranchiert und die Kopplung von Barock und Biederkeit porträtiert. Wie die Kamera Körper abtastet, ohne dass ein Übergriff entsteht. Grandiose Malereien, die eine Gefühlstiefe erzählen, die von den Gesichtern verweigert wird. Michael Ballhaus’ Kunst ist eine Falle, darin sich die Einzelteile des Lebens verfangen - zur neuen Summe aus Realem und Visionärem, Wahrem und Fantasiertem. In all den Filmen, die Ballhaus mit Scorsese erschuf (»Die Zeit nach Mitternacht«, »Goodfellas«, »Die Farbe des Geldes«, »Die letzte Versuchung Christi«, »Gangs of New York«) entdeckt sich Bewegung - noch in Taumel und Tempo, noch in Rumor und Rage der Handlung - als beseelt zeitreicher Schöpfungsakt: Die Kamera erfasst Wirklichkeit, als löse sie diese von einer Folie ab, und sie saugt Gegenständliches an, um es im Schutzraum des Bildes neu zu erfinden.

Ballhaus, 1935 in Berlin geboren, wuchs in Franken als Sohn einer Theaterfamilie auf. Der ausgebildete Fotograf kam übers Pioniermedium Fernsehen zum Film. Nicht mehr jung genug, um zu den Rebellen gezählt zu werden, aber bald professionell genug, um deren Wildheit mit Idee und Intelligenz zu adeln. Er dreht »Whity« mit Rainer Werner Fassbinder, und in »Martha« kommt es zu jenem 360-Grad-Kreis, den die Kamera um Margit Carstensen und Karlheinz Böhm dreht. Ein Bild, das ganze Leben: Nähe und Fremdheit als Zwillinge. Auch Michelle Pfeiffer (in Steve Kloves’ »Die fabelhaften Baker Boys«) wird glitzerrot sexy auf einem Klavier liegen, und Ballhaus vollzieht Dreh-Arbeit als geradezu zentrifugale Schönschleuder von 360 Grad, die alles Profane von der Bildfläche schleudert.

Fast zehn Jahre Fassbinder. Irgendwann ließ der dem Kameramann nur noch über den Assistenten mitteilen, was zu tun sei. Eifersucht, Arroganz, Unkultur? Ballhaus ging. Und zwar nach Hollywood. Einer der wenigen Kameraleute, deren Ethos der Zuarbeit einen Glanz gewann, den sonst nur die Regie besitzt. 2006 hörte der grau melierte Gentleman auf. Ihm war die Welt des Bildes nur noch peinigender Überreiz und ein totales Engineering der digitalen Beschüsse. Kein Gleiten, kein Schweben mehr. Und als vollziehe sich am Kameramann das Schicksal der antiken Seher als ein letzter, zwar tragischer, aber stolzer Akt: Michael Ballhaus erblindete fast völlig. Nun ist er im Alter von 81 Jahren in Berlin gestorben.

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