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Die Zukunft verspielt

Andrea Petzenhammer über junge Geflüchtete in Berlin, die sich prostituieren

  • Von Andrea Petzenhammer
  • Lesedauer: 3 Min.

Als am Montag die Meldung durch die Presse ging, dass sich minderjährige und junge volljährige Geflüchtete im Tiergarten prostituieren, war das Entsetzen der Öffentlichkeit groß. Hilfsorganisationen haben jedoch längst vor dieser Situation gewarnt. Denn die Programme zum Schutz sind langsam, kompliziert und haben Schwachstellen, an denen Jugendliche aus dem System fallen.

Die überwiegend 2015 angekommenen Geflüchteten haben in Berlin zu großen Teilen die Jugendhilfe nie kennen gelernt, da es die Senatsverwaltung für Jugend sowie die Bezirksjugendämter verpasst haben, Betreuungsplätze auszubauen und mehr Sachbearbeiter einzustellen. Auch die Beratungsstellen wurden nicht nennenswert ausgebaut. Wegen fehlender Vormünder wurde für viele der Betroffenen zudem nie ein Asylantrag gestellt. Wenn sie volljährig werden, klemmt man ihnen derzeit ihre Akte unter den Arm und schickt sie ohne Betreuer fort. Obwohl sie schon eineinhalb Jahren in Berlin sind, stehen die Jugendlichen dann an ihrem 18. Geburtstag in der Schlange für Erstankömmlinge vor dem Hangar 5 auf dem ehemaligen Flughafen Tempelhof.

Nach einer Nacht in der Massenunterkunft geht es für die Geflüchteten weiter zur Registrierung. Sie stellen einen Asylantrag, immer öfter drückt man ihnen dort die Ladung für die verfahrensentscheidende Anhörung in die Hand - mit einem Termin direkt am nächsten Tag. In einigen Fällen kamen wiederum am nächsten Tag die Ablehnungen. Die jungen Erwachsenen müssten innerhalb von 30 Tagen Deutschland verlassen. Panik ist vorprogrammiert, denn niemand steht ihnen bei oder klärt sie über ihre Möglichkeiten zur Klage auf. Sie verschwinden und versuchen, sich vor einer Abschiebung zu verstecken. Sie fallen aus dem System, werden obdach- sowie mittellos und so zu leichten Opfern.

Doch viele Jugendliche schaffen es schon gar nicht in dieses ziemlich komplexe Verfahren hinein. Häufig haben sie Angst vor dem Hangar und den Massenunterkünften allgemein. Oft ist ihnen schlicht unklar, welchen nächsten Schritt sie gehen müssen, oder ein individuelles emotionales Paket lässt die gerade Volljährigen oder als volljährig eingestuften Jugendlichen den Druck in den Behörden nicht ertragen. Einige sind An᠆alphabeten und verstehen nicht, was Sicherheitspersonal und Sachbearbeiter von ihnen wollen. Viele Jugendliche erhalten keinen passenden Dolmetscher.

Es gibt aus meiner Sicht keinen Grund zur Verwunderung, warum Jugendliche in Berlin der Ausbeutung zum Opfer fallen. Das einzige, worüber man sich wundern sollte, ist eine Verwaltung, die immer noch Minderjährige zu Volljährigen erklärt, ohne die Kritik am Einzelfall zu prüfen. Ehrenamtliche reiben sich an diesen Fällen auf, denn ein Vorgehen gegen die Entscheidung ist so kompliziert und aussichtslos, dass den Weg sogar Deutsche nur mit engmaschiger Beratung durch Experten gehen können. Wundern darf man sich auch über eine Senatsverwaltung, die nach eineinhalb Jahren immer noch keinen altersgemäßen, betreuten Übergang in das Erwachsenensystem geschaffen hat. Offenbar ist es den Verantwortlichen nicht möglich, die Jugendlichen einen Monat vor ihrem 18. Geburtstag in Gemeinschaftsunterkünften anzumelden.

Am meisten wundern darf man sich aber, dass die Jugendhilfe für junge Volljährige praktisch eingestampft worden ist. Es wird so fast unmöglich, volljährige junge Geflüchtete in der Jugendhilfe unterzubringen, obwohl es mehr als dringend angezeigt ist, diesen Jugendlichen Schutz und Unterstützung anzubieten. Ob das rechtmäßig ist, steht in Zweifel, zielführend ist es jedenfalls nicht. Human oder mitfühlend schon gar nicht.

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