Von Ismail Küpeli

Keine Heimat, nirgendwo

Türkeistämmige in Deutschland finden sich eingekeilt zwischen zwei unvereinbaren Sichtweisen

Während türkeistämmige Menschen in den letzten Jahren von der deutschen Öffentlichkeit weitgehend ignoriert wurden, werden sie im aktuellen Konflikt zwischen Deutschland und der Türkei pausenlos aufgefordert, sich zu bekennen und zu positionieren. Dabei reichen die Perspektiven derjenigen, die sich länger mit der Türkei beschäftigen, deutlich über solche Bekenntnisse hinaus.

Die aufgeheizte politische Debatte lässt allerdings für differenzierte und abwägende Ansichten kaum Platz. Wer sich zur Türkei äußert und dazu noch einen vermeintlich türkischen »Migrationshintergrund« hat, hat die Wahl zwischen zwei Schubladen: entweder die angeblich seltene Spezies der demokratischen TürkInnen oder Anhänger von Präsident Recep Tayyip Erdogan. Und: Entweder Bekenntnis zu Deutschland oder zur Türkei.

Wer die deutsche Politik der letzten 15 Jahre in der Frage des EU-Beitritts der Türkei für unglaubwürdig und falsch hält, wird beschuldigt, Argumente zu liefern für die Regierung der Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung (AKP). Ebenso wird der Hinweis, dass die Imame der türkischen Religionsbehörde Diyanet in Moscheen in Deutschland predigen, weil so der deutsche Staat Steuergelder sparen kann und dieses Problem also »hausgemacht« ist, als Relativierung der fragwürdigen Äußerungen dieser Imame verstanden. Die deutschen Reaktionen sind allerdings noch moderat im Vergleich zur anderen Seite. Wer aus der türkeistämmigen Community die türkische Regierung oder die regierungsnahen türkischen Verbände in Deutschland kritisiert, wird angefeindet, bespitzelt und gemieden.

Das kommentiert Elmas Topçu, Journalistin aus Köln, so: »Die türkische Regierung und ihre Presse haben uns Deutsche und Europäer seit Monaten als Feinde bezeichnet, als Nazi-Enkel, Nazi-Überbleibsel. Dass Erdogan und seine Anhänger in der Türkei so denken und die regierungsnahen Blätter absurde Verschwörungstheorien über uns verbreiten, war mir schon bekannt. Aber dass die Deutschtürken, die hier geboren und aufgewachsen sind, hier studiert haben, auch an all die Lügen glauben, hat mich sehr nachdenklich gemacht.

Nun stellt sich die Frage, wie wir nach all den Hasstiraden der AKPler auch nach dem Referendum hier zusammenleben werden. Erdogan führt seit Jahren eine sehr starke Identitätspolitik. Wie will die Bundesregierung dagegen halten, mit welcher Strategie? Berlin muss die Türkei-Politik neu definieren, denn in Ankara beginnt eine neue Ära.«

Diese bedrückende Stimmung führt zu einer sehr großen Zurückhaltung bei vielen Türkeistämmigen. Viele meiden das Rampenlicht. In der jetzigen Stimmungslage führt jeder Auftritt zu massiven negativen Reaktionen. Insbesondere Frauen, die sich dazu äußern, erfahren das fast immer als sexistische Beschimpfungen und Bedrohungen. Dies führt dazu, dass gerade die abwägenden und differenzierten Stimmen aus der Öffentlichkeit verschwinden.

Dabei gerät eine Kritik an der türkischen Regierung, die auch über die fragwürdige Politik der Bundesregierung gegenüber der Türkei nicht schweigt, oft ins Hintertreffen. Der Politikwissenschaftler Devrim Güneş aus Marburg formuliert das folgendermaßen: »Die Bundesregierung agiert sehr inkonsequent, sie kann und will keinen finalen Bruch mit der AKP riskieren. Deshalb gibt es eine Reihe Konflikte, die auf symbolischer Ebene ausgetragen werden - zum Beispiel der Streit um die Auftrittsverbote von AKP-Politikern in Deutschland. Das alles berührt aber nicht die Substanz der deutsch-türkischen Beziehungen.

Das hat Gründe: In den 2000er Jahren hatte die AKP für zahlreiche EU-Akteure, darunter auch die Bundesregierung, eine wichtige Vorbildfunktion für die Region. Berlin schien zu glauben, die AKP würde Marktwirtschaft und formale Demokratisierung zu einem tragfähigen pro-europäischem Projekt zusammenbringen. Man setzte große Hoffnungen in die integrative Kraft der Akteure eines sogenannten moderaten politischen Islam wie dem der AKP.

Diese klischeehafte Betrachtung ist heute einer anderen gewichen: Man sieht die AKP als islamistisch-nationalistische Kraft, die nicht mehr für die Integration verschiedener gesellschaftlicher Gruppen, sondern für einen Desintegrationsprozess steht.

Man fürchtet die Instabilität, die davon ausgeht, kann das aber nicht offen kommunizieren, denn es fehlt in der Türkei ein breit akzeptiertes gesellschaftliches Gegenprojekt zum kollabierten AKP-Projekt. Solange sich dieses nicht formiert, wird die Bundesregierung die AKP nicht völlig fallen lassen.« Es ist davon auszugehen, dass die oben kritisierte Geschichtsvergessenheit in den deutschen Debatten über die Türkei durch die jetzige kurzatmige Aufregung um Äußerungen von Erdogan nicht beseitigt ist.

Der Berliner Journalist Ebru Taşdemir, bemerkt zu den Konflikten zwischen Deutschland und der Türkei: »Empfehlenswert wären Seminare in gewaltfreier Kommunikation. Die Eltern unter uns kennen das: Konflikte sind dazu da, um sie auszutragen. Und wenn sich der Konfliktpartner im Supermarkt auf den Boden schmeißt und nach der Schokolade kräht - dann hält man es eben geduldig aus, oder es gibt eine Auszeit an der frischen Luft. Das Tolle am deutsch-türkischen Dasein ist: Es wird nie langweilig. Entweder schämt man sich gerade für die eine Seite oder bedauert die andere.«

So bleiben die wenigen Akteure, die eine nachhaltige und kritische Debatte um die politischen Entwicklungen zwischen Deutschland und der Türkei betreiben, immens wichtig. Allerdings dürfen sie weder von der deutschen Mehrheitsgesellschaft noch von den dominierenden Verbänden der türkeistämmigen Community auf Unterstützung hoffen. Auch dies ist eine Konstante der deutsch-türkischen Realitäten.

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