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Die Bombenlage von Incirlik

Washington pflegt - wie die NATO insgesamt - ein pragmatisches Verhältnis zu Ankara

Geredet wird viel, doch dass die NATO-Mitglieder die jüngste Entwicklung in der Türkei zum Anlass nehmen, um ein Ausschlussverfahren zu entwickeln, ist nicht zu erwarten. Dazu ist das Land, das über die zweitstärkste Bündnisarmee nach den USA verfügt, zu bedeutsam. So widersprüchlich das Verhältnis zwischen der NATO und der Türkei auch sein mag, das Land liegt an der mehrfach höchst sensiblen Schnittstelle zwischen Europa, Asien und Nahost.

Es geht nicht alleine um diverse aktuelle Anti-Terror-Einsätze. Um das strategische Verhältnis zwischen dem Westen und der Türkei zu illustrieren, betracht man einfach einmal den Luftwaffenstützpunkt Incirlik. Von hier aus werden Attacken auf Stellungen des Islamischen Staates (IS) in Syrien und Irak geflogen. Neben 1000 US-Soldaten sind dort derzeit rund 240 Bundeswehrangehörige stationiert, die sich mit Aufklärungstornados und einem Tankflugzeug an Anti-IS-Einsätzen beteiligen. Obwohl seit langem Pläne zur Verlegung der deutschen Soldaten in ein anderes Syrien-Anrainerland existieren, werden die Deutschen wohl auf absehbare Zeit auf dem türkischen Stützpunkt bleiben.

Das Verhältnis zwischen Ankara und Washington ist kompliziert und vor allem durch Interessengegensätze im Syrien-Konflikt belastet. Während die USA im Kampf gegen den IS auf die syrische Kurdenpartei PYD und deren YPG-Miliz setzen, greift Präsident Erdogan die an. Türkische Truppen sollen, in den Norden Syriens vorgerückt, nicht nur den IS aus der Nähe zur türkischen Grenze vertreiben, sondern auch eine weitere Ausweitung des kurdischen Herrschaftsgebietes verhindern.

Wer sich fragt, wieso die Türkei so ungeniert wider die US-Interessen handeln kann, muss sich Incirlik genauer anschauen. Hier könnten bis zu 50 B61-Atombomben der US Air Force lagern. Ein entsprechendes und besonders abgeschirmtes Lagersystem wurde jüngst modernisiert.

Die B61-Bomben sind vom selben Typ wie jene, die im deutschen Büchel einsatzbereit gehalten werden. Offen bleibt, welche Rolle den »türkischen« Bomben, die man einst gegen die Südflanke der Sowjetunion eingesetzt hätte, heute zugedacht ist. Aus Sicht der USA macht es Sinn, solche taktischen Atomwaffen direkt in Krisenregionen wie dem Mittleren Osten zu stationieren. Sie sind deutliche Signale in Richtung Iran. Das Land ist technisch in der Lage, Nuklearwaffen herzustellen. Die würden von Saudi-Arabien als Bedrohung betrachtet. Mit US-Bomben in der Region könnte Washington die saudischen Verbündete möglicherweise vom Bau einer eigenen Nuklearwaffe abhalten.

Ob das Incirlik-Nukleararsenal gefüllt ist, weiß nur eine Handvoll Experten in US- und NATO-Stäben. Zweifler verweisen auf die Gelassenheit, mit der US-Militärs auf die Aktivitäten der Anti-Erdogan-Putschisten reagierten, die auch in Incirlik eine Basis hatten. Doch auch die Tatsache, dass die USA derzeit keine geeigneten Jets zum Transport der taktischen Atomwaffen auf der Basis stationieren, besagt nichts. Klar ist jedoch, dass man sich um ein zumindest pragmatisches Verhältnis zu Ankara bemüht. Denn: Jede Stationierung von NATO-Kampfjets, also auch von Nuklearbombern, ist von der Zustimmung der Regierung Erdogan abhängig.

Auch nach dem Referendum werden die USA die Stationierungsfrage in der Schwebe halten. Ein Abzug könnte als Schwäche der NATO gedeutet werden. Das wird der neue US-Präsident, der sich erst in der vergangenen Woche zu dem Militärbündnis bekannte, jetzt nicht wollen. Auch will man vermeiden, dass jemand auf den Gedanken kommt, die Sicherheitsgarantie der NATO für den Frontstaat Türkei - und damit auch der Einfluss des Westens auf Ankara - würden heruntergefahren.

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