Von Thomas Klatt

Symbolbau der extremen Rechten

Historiker fordert ehrliche Geschichtsaufarbeitung zur Potsdamer Garnisonkirche ein

Vorbote des Wiederaufbaus oder P...
Vorbote des Wiederaufbaus oder Provokation: Rekonstruiertes Eingangsportal am Standort der ehemaligen Potsdamer Garnisonkirche

Der Sprecher der Potsdamer Stiftung Garnisonkirche, Wieland Eschenburg, braucht einige Zeit, bis er den großformatigen Bauplan des 88 Meter hohen Turms ausgebreitet hat. Jetzt, wo alle Förder- und Kreditzusagen von Bund und Kirche sicher zu sein scheinen, soll endlich im Herbst dieses Jahres Spatenstich sein.

Spätestens 2020 soll der originalgetreue Nachbau des Garnisonkirchturms stehen - mit allem kriegerischen Gepränge, der Adler-Sonnen-Königsmonogramm-Wetterfahne und dem Üb-immer-Treu-und-Redlichkeit-Glockenspiel. Dann sollen sie wieder zu sehen sein wie einst zu Preußens Zeiten: Reliefdarstellungen mit Waffenbündeln, Schwertern, Pfeilen, Pistolen, Gewehren, Helmen und Militärinstrumenten. Das alles soll dann der Versöhnung dienen, sagt die Garnisonkirchenstiftung. Denn im Innern des Turms ist dann auf 1200 Quadratmetern Platz für Kapelle, Ausstellungs- und Vortragsräume und Bibliothek. Von einer Technik der Superlative schwärmt Eschenburg: »Dann geht es per Fahrstuhl in die Höhe des Turms. Dort haben wir die einzige behindertengerechte Aussichtsplattform in der ganzen UNESCO-Kulturerbelandschaft Potsdams.«

Für den Berliner Kirchenhistoriker Manfred Gailus ist die Potsdamer Garnisonkirche aber mit einem ganz anderen Superlativ verbunden: »Nach meinen Kenntnissen handelt es sich um die einzige Kirche im Dritten Reich, in der Hitler eine Rede gehalten hat, zum Tag von Potsdam am 21. März 1933.« Es sei ein fatales Zeichen, die preußische Militärkirche äußerlich wieder so aufzubauen, als sei nichts geschehen.

Dem stimmt auch der Berliner Historiker Matthias Grünzig zu. Er hat in einem Buch die Geschichte der Garnisonkirche im 20. Jahrhundert erstmals systematisch aufgearbeitet. Gerade aus dem Umkreis der Stiftung würden seit Jahren zahlreiche Legenden verbreitet, um den Wiederaufbau attraktiver erscheinen zu lassen, sagt er. Etwa, dass Hitler sich der Kirche gegen den Widerstand der Gemeinde bemächtigt habe, um dort seine Regierungserklärung vortragen zu können. »Die Garnisonkirche war aber schon weit vor 1933, also schon vor dem Tag von Potsdam, ein ganz wichtiges, deutschlandweit bekanntes politisches Symbol. Es war ein Gebäude, das auf rechtsextreme Bewegungen extrem attraktiv wirkte. Es entfaltete eine geradezu magnetische Anziehungskraft auf nationalistische, militaristische und antisemitische Organisationen«, weiß Grünzig zu berichten.

Die Potsdamer Garnisonkirche wurde nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg zum Symbolbau der extremen Rechten. In den Archiven fand Grünzig Belege für mehr als 80 politische Veranstaltungen, die zwischen 1918 und 1933 dort stattfanden. Hochwillkommene Gäste waren hier die Deutschnationale Volkspartei, der Stahlhelm Bund der Frontsoldaten, der Reichskriegerbund Kyffhäuser, der Bund Königin Luise oder der Alldeutsche Verband, eine Art Denkfabrik der Deutschnationalen Volkspartei, die schon in den 1920er Jahren die Vernichtung des »Judentums« propagierte. Gegen den demokratischen »Geist von Weimar« wurde hier der kriegsverherrlichende »Geist von Potsdam« beschworen.

Dieser Darstellung widerspricht allerdings die Garnisonkirchenstiftung. So habe anders als in anderen Kirchen des Dritten Reichs auf dem Altar neben der Bibel eben nicht Hitlers »Mein Kampf« gelegen. Und das nahe Infanterie-Regiment 9 sei Heimat vieler Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944 gewesen. Matthias Grünzig hat in den Archiven aber Gegenteiliges gefunden.

»Das Infanterie-Regiment 9 war berüchtigt als ein besonders republikfeindliches Regiment. Es war das Nachfolgeregiment des 1. Garderegi᠆ments zu Fuß, das preußische Eliteregiment, das von König Friedrich I. gegründet wurde. Schon vor 1933 gab es gemeinsame Wehrsportübungen des Infanterie-Regiments 9 mit dem Stahlhelm und mit der SA auf dem Truppenübungsplatz Döberitz«, kann Historiker Grünzig belegen.

Und weiter: »Es ist zwar so, dass eine Reihe von Menschen, die zu dem Widerstandskreis des 20. Juli gehörten, im Laufe ihres Lebens auch mal in Potsdam stationiert waren und so automatisch Mitglied der Militärgemeinde in der Garnisonkirche waren. Aber es gibt nicht den kleinsten Anhaltspunkt, dass die Garnisonkirche im Widerstand eine Rolle gespielt hätte. Die Treffpunkte der Verschwörer waren an ganz anderen Orten.«

Auch, dass die Kommunisten, insbesondere Walter Ulbricht, die Kirche demonstrativ 1968 hätten abreißen lassen, werde von der Garnisonkirchenstiftung falsch dargestellt, stellt der Historiker klar. Denn die Evangelische Kirche selbst wollte nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges nur noch die Nicolaikirche als einzige der drei Potsdamer Großkirchen erhalten. Daneben sollten kleinere und moderne Gemeindezentren entstehen.

Wenn die Garnisonkirche aber als Versöhnungszentrum wieder aufgebaut werden soll, dann müsse sich die Stiftung auch um eine ehrliche Geschichtsaufarbeitung bemühen. Historiker Manfred Gailus wirft der Stiftung vor, die eigene Geschichte als eine Art Wunschkonzert zur Freude der Stifter und Förderer wohlklingend umschreiben zu wollen. Die harten Fakten, die Grünzig recherchiert und zusammengestellt hat, würden schlicht ignoriert.

»Die Kirchenerbauer sind mit der Parole angetreten: Versöhnung. Sie wollen Versöhnung. Sie sagen niemals genau, wer mit wem versöhnt werden soll«, so Gailus. »Tatsache ist jedoch, dass die Potsdamer Stadtgesellschaft durch diese Initiative schärfer gespalten wurde als je zuvor«, sagt der Kirchenhistoriker.

Matthias Grünzig, Für Deutschtum und Vaterland - Die Potsdamer Garnisonkirche im 20. Jahrhundert, Metropol-Verlag, 383 S., Berlin März 2017, 24 Euro, ISBN: 978-3-86331-296-1

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